Norderstedt
Kreis Segeberg

„Alte Frau, altes Haus, mehr als drei Hunde – asozial“

Birgit K. geriet vor sieben Jahren in den Verdacht, eine Tierquälerin und Betrügerin zu sein.

Birgit K. geriet vor sieben Jahren in den Verdacht, eine Tierquälerin und Betrügerin zu sein.

Foto: Heike Hiltrop / Hiltrop

Prozess gegen Staatsanwältin fortgesetzt, die Tiere beschlagnahmte und verkaufte. Als Zeugin dabei: Birgit K., die in den Fokus der Frau geriet.

Kreis Segeberg/Kiel.  Den Rucksack geschultert, die Leinen in der Hand stapft die zierliche Frau durch das knöchelhohe Gras. Birgit K. ist mit ihren Hunden bei einem ihrer vielen Besuche im Hundeauslauf bei Bockhorn unterwegs. Genau hier begegnete sie vor sieben Jahren einer Hartenholmerin, die das Leben der heute 70-Jährigen verändert hat. „Sie hat mich 2012 angezeigt. Ich soll meine Blanca hier zweimal über Nacht alleine gelassen haben und vermutlich mit Hunden handeln“, sagt Birgit K.

Durch die Anzeige war sie in den Verdacht geraten, eine Tierquälerin und Betrügerin zu sein. Was dann passierte, ist derzeit Teil des Prozesses gegen eine Kieler Staatsanwältin, über den das Abendblatt berichtete und der am heutigen Freitag fortgesetzt wird. Der Vorwurf gegen die Juristin: Sie soll Tiere nach Beschlagnahmungen verkauft haben, ohne den Eigentümern das Grundrecht auf Gehör eingeräumt zu haben. Damit wurde ein möglicher Widerspruch vereitelt. Ob sie dies aus Unwissenheit tat, um ihre Karriere zu befeuern oder ob sie Recht gebeugt hat, um ihre Vorstellung von Tierschutz durchzusetzen, klärt derzeit die 7. Strafkammer am Kieler Landgericht. Zehn Fälle legt die Staatsanwaltschaft Itzehoe der früheren Tierschutz-Dezernentin zur Last.

Einer davon ist der von Birgit K., die heute als Zeugin in dem Prozess geladen ist. Die Pensionärin hat sich nach dem Berufsleben dem Tierschutz verschrieben. Straßenhunde aus Osteuropa, vor allem Rumänien zu retten, ist ihr Lebensinhalt. Sie päppelt sie auf, ist Pflege- und Zwischenstation. Sie bietet Hundehaltern Unterstützung, aber auch einen gelegentlichen Ferienplatz für deren Vierbeiner an.

Birgit K. hat sich zur Tierpsychologin ausbilden lassen und ist nachweislich zertifizierte Lehrerin einer speziellen, gewaltfreien Trainingsmethode für Hunde. Manche bewundern ihr Engagement, aber sie eckt auch an, mit dem Rudel, das Ende 2012 16 Tiere zählt, davon sieben eigene.

In ihrer Not droht Birgit K. damit, sich etwas anzutun

Es ist der 2. November 2012, als morgens gegen 8 Uhr Polizisten, Ordnungs- und Veterinäramt auf dem Grundstück stehen. „Ich stand da, mit meinem Becher Kaffee in der Hand und wusste gar nicht, was los war.“ Ihr wird vorgeworfen, dass sie laut Anzeige der Hartenholmerin gegen das Tierschutzgesetz verstoße und Hundehandel betreibe. Nach einem Gespräch mit der federführenden Staatsanwältin werden alle Hunde beschlagnahmt. „Ich durfte weder meinen Anwalt noch meinen Tierarzt anrufen.“ In ihrer Not droht Birgit K. damit, sich etwas anzutun.

„Ich war verzweifelt und überfordert von der Situation, in der mir einfach niemand zuhören oder helfen wollte.“ Sie wird zwangsweise in die Psychiatrie eingeliefert. Ein paar Stunden und ein Arztgespräch später habe sie die Klinik wieder verlassen dürfen, erinnert sie sich.

Am 23. November werden 15 Hunde an den Tierschutz verkauft – für 150 Euro. Darunter auch die Tiere, die gar nicht im Besitz von Birgit K., sondern Feriengäste anderer Halter sind. Ein Mann bricht seinen Urlaub ab, um seinen Hund aus dem Tierheim zu holen. Birgit K.: „Die anderen Leute mussten ihre eigenen Hunde freikaufen.“ Sie stellt Strafanzeige wegen Rechtsbeugung. Ende 2012 stellt das Landgericht Kiel fest, dass ein Anfangsverdacht berechtigt, die Notveräußerung jedoch rechtswidrig war.

Die Untersuchungen gegen Birgit K. laufen, auch ihr Tierarzt gerät in den Fokus. Drei Jahre dauern die Ermittlungen. Am 11. Februar 2015 wird das Verfahren eingestellt. Die anfänglichen Vorwürfe bestätigen sich nicht. „Nichts ist danach gekommen. Nichts“, sagt Birgit K.

Sie habe den Glauben an den Rechtsstaat verloren, sagt sie. Auch die Anfeindungen in den sozialen Netzwerken haben ihre Spuren bei der Pensionärin hinterlassen, die aus diesen Gründen nicht möchte, dass ihr Name bekannt wird, oder ihr Wohnort. „Ich bin so vorverurteilt worden: alte Frau, altes Haus, mehr als drei Hunde – asozial.“ Niemand habe damals ihre Geschichte hören wollen. Heute soll Birgit K. Gehör bekommen, wenn sie als Zeugin aussagt. Auf der Anklagebank: Die Staatsanwältin, die ihre Tiere 2012 verkauft hat.