Norderstedt
Antisemitismus

Als die Nazis Familie Baruch auslöschten

Axel Winkler möchte vor allem Jugendliche in die Ausstellung über Segebergs Naziopfer holen.

Axel Winkler möchte vor allem Jugendliche in die Ausstellung über Segebergs Naziopfer holen.

Foto: Wolfgang Glombik / Glombik

Axel Winkler zeichnet in einer Ausstellung im Segeberger Rathaus das Schicksal einer jüdischen Familie nach.

Bad Segeberg.  Auch eine vergilbte Postkarte mit abgestempelter Adolf-Hitler-Briefmarke hängt in der Ausstellung im Segeberger Rathaus. Sie ist eines der letzten Lebenszeichen von Selly Baruch aus Theresienstadt, bevor sie nach Auschwitz deportiert und vor 75 Jahren, am 12. Juli 1944, zusammen mit ihrer Schwester Paula in einer Gaskammer ermordet wurde.

Es liest sich wie Grüße aus dem Urlaub. „Wir sind gesund und sind bei dem schönen Herbstwetter viel im Freien“, schrieb Selly. Das erlaubte die Zensur der Nazis. Die „herzlichen Grüße“ kamen aus einem Massenlager, in dem jeder Insasse 1,6 Quadratmeter Raum hatte. Es herrschten unbeschreibliche hygienische Zustände. Fast 4000 Juden starben in dem Lager allein in dem Monat, als Selly Baruch dort eintraf.

Die Baruchs waren eine alteingesessene Familie

Heimathistoriker Axel Winkler hat am Beispiel der Segeberger Jüdin Selly Baruch die Geschichte jüdischer Familien der Kreisstadt recherchiert. Er zeigt in einer Ausstellung, wie die alteingesessenen Baruchs das Leben in Segeberg viele Jahre mitgeprägt haben und durch das Aufkommen des Nationalsozialismus, des Antisemitismus immer mehr aus der Gesellschaft herausgedrängt wurden – bis sie aus ihrer Heimatstadt nach Hamburg flüchteten. Dort wurden sie später aus ihren Wohnungen getrieben – nach Theresienstadt und in die Gaskammern der Konzentrationslager. Sie wurden vergast, wenn sie nicht schon vorher unter furchtbarsten Umständen gestorben waren.

Autor Axel Winkler gibt diesen Opfern Gesichter. Er versucht, in seinem Buch emotional nachzuvollziehen, wie sie Verfolgung und Deportation erlebten. „Weder beim Schreiben des Buches noch bei der Konzeption der Ausstellung war ich mir bewusst, wie erschreckend aktuell dieses Thema nun wieder ist“, sagt Winkler bei der Ausstellungseröffnung. Der Anschlag von Halle zeige die Gewalt des Rechtsextremismus. Wohin das führe, habe man in Bad Segeberg hautnah erlebt. Umso unverständlicher sei Winkler, „dass diese Zeit des Nationalsozialismus in unserer Stadt bisher nicht systematisch aufgearbeitet worden ist“.

Winkler möchte deshalb gerade jetzt möglichst vielen jungen Menschen diese Präsentation im Rathaus nahebringen. Auch wenn es leider kein Foto von Selly Baruch gibt, können sich Besucher beim Betrachten der Tafeln ein Bild von der jüdischen Familie aus Bad Segeberg machen.

Winkler zeigt die Ausstellung in zwei gegensätzlichen Abschnitten, gekennzeichnet durch rote und braune Farbgebung. Selly selbst lebt fast 60 Jahre in Bad Segeberg und führt mit ihrer Mutter eine Pension in der florierenden Kurstadt. Der berühmteste Gast ist Martha Bernays, die Verlobte von Sigmund Freud. Die weit verzweigte Familie ist hochgeachtet, fester Bestandteil des städtischen Lebens.

Mit dem Aufkommen des Nationalsozialismus in der Kleinstadt ändert sich alles. Gewalt ist in Bad Segeberg an der Tagesordnung, wird zum Mittel politischer Auseinandersetzung. Biedere Bürger werden zu Handlangern des braunen Terrors. Insgesamt hat die Familie Baruch zwölf Kinder. Sechs sterben im Kindesalter, zwei als ältere Erwachsene eines natürlichen Todes in den 1930er- Jahren – vier sterben durch Mord: drei in Auschwitz, ein Kind in Chelmno durch Vergasen.

Gewalt ist in Bad Segeberg an der Tagesordnung

Auch Selly Baruch, die noch versucht hat, sich in der Anonymität der Metropole Hamburg in Sicherheit zu bringen, entgeht den Nazis nicht. Hamburg wird bombardiert, Juden haben keinen Zutritt zu den üblichen Luftschutzbunkern. Wohnungen werden knapp, die Juden werden ausquartiert und wie Selly Baruch in mit einem Stern gekennzeichneten „Judenhäusern“ zusammengepfercht. Drei Verwandte von Selly, darunter ihre ältere Schwester Anna, werden schon früh in einen der drei Gaswagen von Chelmno getrieben. Mittels eines Schlauches werden Abgase ins Innere geleitet. Jeweils an die 50 Eingesperrte sterben den Erstickungstod. Die Gaswagen gelten als Versuchsort für die Tötung durch Gas, später perfektioniert in Auschwitz, berichtet Winkler. Es ist die „Generalprobe“ für den Massenmord.

1942 wird Selly nach Theresienstadt deportiert. Sie und ihre Schwester Paula werden am vierten Tag nach Sellys 70. Geburtstag, am 15. Mai 1944, nach Auschwitz transportiert und dort im Juli vergast. Nach gut 150 Jahren war damit der Name Baruch in Bad Segeberg „ausgelöscht“, schreibt Winkler.