Norderstedt
Rechtsradikale

Neonazis sorgen in Sülfeld erneut für Unruhe

200 Sülfelder machen sich am Donnerstag nach dem Gottesdienst zu einem Rundgang im Dorf auf - als Zeichen gegen rechts. Sie sind hier unkenntlich gemacht - viele haben Angst, von den Rechten erkannt zu werden.

200 Sülfelder machen sich am Donnerstag nach dem Gottesdienst zu einem Rundgang im Dorf auf - als Zeichen gegen rechts. Sie sind hier unkenntlich gemacht - viele haben Angst, von den Rechten erkannt zu werden.

Foto: Gemeinde Sülfeld

Ein Rechter wird verdächtigt, die Reifen mehrerer Autos zerstochen zu haben. Eine Reaktion auf die Demonstrationen der Sülfelder gegen rechts?

Sülfeld/Bad Segeberg.  Die Sorgen und die Unruhe in Sülfeld wegen einer Gruppe von drei Rechtsextremisten bleiben groß. Einer von ihnen wird von Bürgern im Dorf verdächtigt, am Donnerstag an der Remise der Kirche die Reifen von vier Autos zerstochen zu haben, während knapp 200 Sülfelder zu einem Spaziergang gegen Rechts im Dorf unterwegs waren. Zuvor war die Polizei nach Sülfeld gerufen worden, weil Bürger auf der Straße Zuckerhut einen Mann mit einem Messer gesehen hatten. Die Polizei prüft jetzt, ob dieser Mann für die zerstörten Reifen verantwortlich ist.

„Der Zwischenfall hat die gute Stimmung eingetrübt“, sagt Bürgermeister Karl-Heinz Wegner. „Vorher haben wir gezeigt, dass wir in Sülfeld mehr sind und sehr aufeinander achten. Das war ein gutes Gefühl.“ Nach dem Gottesdienst zum Reformationstag in der voll besetzten Kirche hatten sich viele Sülfelder mit Pastor Steffen Paar an der Spitze zu einem Spaziergang aufgemacht. Dabei kamen sie auch an der Straße Zuckerhut und in Sichtweite des Hauses am Eichenweg vorbei, in dem das Trio lebt.

Der Gruppe entgegen kam Marcel S., der mit einem Muskelshirt mit Reichsadler-Aufdruck bekleidet war. Außer einem Gruß von Pastor Paar gab es keinen Kontakt. Wenig später wurden die zerstochenen Reifen entdeckt. S. und die beiden anderen Bewohner des Hauses seien im Ort präsent, berichtet der Bürgermeister. Bürger des Orts haben den Auftrag vergeben, 3000 Aufkleber mit der Aufschrift „Sülfeld – wir sind mehr“ zu drucken. Das Logo wurde im Dorf entworfen.

Die Kripo ermittelt gegen Marcel S. wegen gefährlicher Körperverletzung. Er soll zwei Sülfelder Bürger angegriffen und geschlagen haben, die im Dorf Aufkleber mit rechtsradikalen Inhalten entfernten. „Seitdem sitzt im Hintergrund bei vielen die Angst“, sagt der Bürgermeister. Viele Menschen trauten sich nicht mehr, allein spazieren zu gehen. Besonders eines der Opfer des Angriffs leide immer noch sehr darunter. Die Ermittlungen hat in diesem Fall die für politisch motivierte Delikte zuständige Staatsschutzabteilung der Kieler Kripo übernommen. Nach diesem Angriff hatten sich 800 Bürger bei einem Handballspiel in der Sporthalle getroffen und ein Zeichen gegen Rechts gesetzt. Auch Schleswig-Holsteins Innenminister Hans-Joachim Grote war in der Halle zu Gast.

Marcel S. bezeichnet sich als Mitglied des „Aryan Circle“ (arischer Kreis), einer rassistischen Organisation, und zählt zum Umfeld des mehrfach vorbestraften Gewalttäters und Extremisten Bernd T. Der Segeberger kehrte vor wenigen Wochen nach einer Haftstrafe wegen einer Gewalttat in seine Heimatstadt zurück und versucht dort, Gleichgesinnte zu werben. Polizei und Verfassungsschutz beobachten die etwa 15-köpfige Sympathisantengruppe um T. (wir berichteten).

Gegen die Aktivitäten der Rechten in Bad Segeberg ist ein Demonstration am 9. November geplant. Vorher werden Vertreter der Stadt der Opfer der Reichspogromnacht gedenken. Am Freitag trafen sich die Redner, um die Veranstaltung vorzubereiten. Voraussichtlich werden sich auch viele Sülfelder an der Demonstration in der Segeberger Fußgängerzone beteiligen.

Der Sülfelder Pastor Paar ist inzwischen das Gesicht des Widerstands gegen die Rechtsextremisten geworden. „Wir machen uns Sorgen um seine Sicherheit“, sagt Bürgermeister Wegner. „Die Polizei ist im Ort präsent, kann aber nicht an der jeder Ecke stehen.“

„Es wäre dumm, keine Angst zu haben“, sagt Paar über seine persönliche Situation. Noch stärker als die Angst sei aber die Leidenschaft, gemeinsam die Rechte aller Menschen zu verteidigen. Außerdem stärke ihn sein Gottvertrauen. Bislang habe er keine Reaktion auf ein Gesprächsangebot erhalten, das er Bernd T. gemacht habe. Paar will sich öffentlich mit dem Rechtsextremisten treffen und seine Position klar machen. „Von Mann zu Mann“, sagte der Pastor.

Paar hat nach dem jüngsten Zwischenfall erneut auf Facebook Worte an die drei Rechten in Sülfeld gerichtet. „Ich habe nun kapiert, dass Ihr nachts gut Aufkleber anbringen könnt und es ebenfalls versteht, feige mit Messern Autoreifen aufschlitzen. Wenn Ihr doch - - so Euer Slogan - zum Handeln bereit seid, dann sorgt doch lieber für Reinheit in unserer Natur und beseitigt den Müll. Ansonsten: Hört auf mit der Sachbeschädigung und Gewalt und lasst unsere Jugendlichen in Ruhe!“, schrieb der Sülfelder Geistliche.