Norderstedt
Kreis Segeberg

Wie Firmen um die künftigen Azubis kämpfen

Zukunftsgestaltung auf der Jungen Messe in Norderstedt: Frederik Blohm (14), Ferdinand Etlingen (15) und Bennet Fritschka (14) aus Kaltenkirchen.

Zukunftsgestaltung auf der Jungen Messe in Norderstedt: Frederik Blohm (14), Ferdinand Etlingen (15) und Bennet Fritschka (14) aus Kaltenkirchen.

Foto: Annabell Behrmann

Junge Messe in Norderstedt: Zwar meldet das Handwerk beim Fachkräftemangel eine Trendwende. Studium ist dennoch beliebter.

Kreis Segeberg. Manche Arbeitgeber locken mit Süßigkeiten, Werbegeschenken und vielen Broschüren. Andere Aussteller der Jungen Messe in Norderstedt vertrauen am Wochenende darauf, dass Informationen über eine fundierte Ausbildung junge Menschen davon überzeugt, sich als Auszubildende zu bewerben. Firmen und Behörden müssen weiter hart darum kämpfen, genügend Nachwuchskräfte auszubilden. Doch möglicherweise zeichnet sich nach Jahren des Azubi-Mangels eine Trendwende ab: Die Kreishandwerkerschaft und die Industrie- und Handelskammer (IHK) melden eine leichte Zunahme der Ausbildungsverträge in der Region.

Bei den Handwerkern stieg die Zahl der Verträge um 50 auf 569. Im vergangenen Jahr habe die Steigerung bei 30 gelegen, sagt Carsten Bruhn, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft. „Das Handwerk ist interessanter geworden“, sagt er. Bruhn führt diese Entwicklung auf intensive Imagekampagnen, engen Kontakt mit Schulen und vielen technischen Neuigkeiten in den Betrieben zurück. Das Handwerk könne besonders mit seiner Vielseitigkeit und familiären Strukturen punkten.

Dennoch seien immer noch viele Stellen frei, zum Beispiel bei Malern, Elektrikern, Frisören und im Sanitärgewerbe. Größer sei das Interesse hingegen in der Kfz-Branche und bei Tischlern.

Eine „leichte Trendverschiebung“ erkennt auch Can Özren von der Industrie- und Handelskammer (IHK). Erstmals liege die Zahl der Auszubildenden in der Region über der der Studenten. Messen wie die in Norderstedt seien wichtig, um über die Chancen einer Ausbildung zu informieren. „Die Firmen müssen Präsenz zeigen“, sagt Özren.

Auch das Anforderungsprofil habe sich geändert. Längst sei das Abschlusszeugnis nicht allein bei der Auswahl von Bewerbern entscheidend, sondern auch die Persönlichkeit des Nachwuchses. Besonders begehrt seien Studienabbrecher.

Schnell lösen werden die Unternehmer ihre Probleme trotz der neuen Entwicklung jedoch nicht. Im Bezirk der IHK sind immer noch 2900 Ausbildungsstellen frei, 1600 Bewerber wurden bislang nicht vermittelt. Noch vor 15 Jahren war das Verhältnis in etwa umgekehrt. Derzeit bilden die IHK-Betriebe insgesamt 10.000 junge Menschen aus.

Bei der Jungen Messe buhlen Unternehmen um Nachwuchs

Und wie erleben die jungen Leute das Mühen der Arbeitgeber, Nachwuchs zu finden?„Ich mag es, wenn man mich anspricht“, sagte Berin Urak. Die 16-Jährige vom Lise-Meitner-Gymnasium in Norderstedt war in erster Linie auf der Jungen Messe in der „TriBühne“, um einen Platz für ein Wirtschaftspraktikum im kommenden Schuljahr zu finden. „Leider habe ich nichts entdeckt, was mich so wirklich interessiert.“ Stand jetzt würde sie am liebsten nach der Schule Journalismus studieren.

Dass heutzutage immer noch so viele junge Leute studieren wollen, anstatt eine Ausbildung zu absolvieren, sieht Madeleine Lucks vom Steigenberger Hotel als Problem. „Alle wollen studieren. Dabei ist eine Hotelfachausbildung so vielseitig und man hat gute Aufstiegsmöglichkeiten“, sagte sie.

Die 22-Jährige hat sich erst im Hotel ausbilden lassen, jetzt arbeitet sie in der Personalabteilung des Steigenbergers. Die Messe sieht sie als sehr hilfreich an, um junge Menschen für sich zu gewinnen. „Viele Gesichter von Messen sehen wir wieder. Meistens machen sie erst ein Praktikum und verlieben sich dann in die Hotelbranche“, sagte Madeleine Lucks.

Gerade Alten- und Pflegeeinrichtungen suchen händeringend nach Fachpersonal, das ist bekannt. Patricia Adams von Haus Hog’n Dor ist seit einem Jahr auf verschiedenen Messen vertreten und hält die Augen nach Nachwuchs offen. „Zwei Männer mit Flüchtlingshintergrund, Abschluss und gutem Deutsch haben ernsthaftes Interesse bekundet, bei uns zu arbeiten. Ich hoffe, sie melden sich“, sagte sie. Vor ihren Stand hat Adams einen mit Plüsch und Glitzer geschmückten Gehwagen gestellt. „Der soll als Lockmittel dienen“, scherzte sie, stellte aber gleichzeitig klar: „Trotz des Mangels können wir nicht jeden gebrauchen, man muss schon eine soziale Ader haben.“

Ferdinand Etlingen (15) von der Leibnitz Privatschule Kaltenkirchen besuchte mit der gesamten Klasse die Junge Messe. Gemeinsam mit seinen Kumpels Frederik Blohm (14) und Bennet Fritschka (14) informierte er sich bei der Bundeswehr, der Polizei und der Itzehoer Versicherung. „Besonders offensiv hat mich die Norderstedter Stadtverwaltung angesprochen“, sagte der Neuntklässler. Und es scheint gefruchtet zu haben: Er könnte sich gut vorstellen, ein Praktikum auszuprobieren.