Norderstedt
Gesundheit

Arzneimittel werden immer knapper

Für Nicolas Ahlers, seit 2008 Inhaber der Moorbek-Apotheke, hat das Versorgungsproblem zu einer höheren Arbeitsbelastung geführt.

Für Nicolas Ahlers, seit 2008 Inhaber der Moorbek-Apotheke, hat das Versorgungsproblem zu einer höheren Arbeitsbelastung geführt.

Foto: Christopher Herbst

Norderstedter Apotheker schlägt Alarm. Engpass betrifft über 22 Medikamente. Die Patienten sind die Leidtragenden.

Norderstedt.. Nicolas Ahlers benötigt nur ein paar Mausklicks, um das Ausmaß des Problems zu demonstrieren. „Die Liste der nicht mehr verfügbaren Arzneien ist auf knapp über 200 gewachsen“, sagt der Inhaber der Moorbek-Apotheke nach einem Blick in seinen Computer. Das bekommen in letzter Zeit immer mehr Bürger zu spüren, die mit einem Rezept zu ihm oder zu einer anderen Apotheke in Norderstedt, der Region, eigentlich ganz Deutschland gehen. Medikamente, darunter Schmerzmittel wie Ibuprofen 800 oder Aspirin, aber auch Antidepressiva oder manche Mittel gegen Bluthochdruck gehen zur Neige. Der Markt ist quasi erschöpft.

Das zu erklären und zugleich Lösungen zu finden, stellt eine Herausforderung dar. „Wir sind der einzige Ansprechpartner. Der Kunde versteht die Tragweite nicht, sieht nicht, dass dahinter der Großhandel steht und die Hersteller, die nicht ausliefern“, sagt Ahlers. „Ibuprofen ist ein gutes Beispiel. Da gibt es nur fünf Hersteller. Wenn eine Fabrik ausfällt, merken wir es schnell.“

Kostendruck und billige Produktion sind Ursachen


Grundsubstanzen werden in der Regel in Asien, dort in China oder Indien, produziert – aus Kostengründen. Die nächste Stufe ist die industrielle Fertigung, etwa das Pressen in Tablettenform, durch die Pharmahersteller wie Bayer oder Teva, einem israelischen Großkonzern, zu dem unter anderem Ratiopharm gehört. Über den Großhandel kommen die Medikamente dann im Normalfall in die Apotheken. Am Beispiel der Sartane, das sind Bluthochdruckmittel, erläutert Nicolas Ahlers das Problem dieses Systems. „Es sind bei einigen Sartanen Verunreinigungen aufgetreten. In Indien stockt die Produktion, und das schlägt sich auf einzelne Firmen nieder. Das wiederum merken die Großhändler, die nicht mehr bestellen können.“

Längst ist diese Knappheit Thema unter Medizinern. Die Ärztegenossenschaft Nord, eine Interessenvertretung von Medizinern aus Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern, spricht von einem „Versorgungsskandal“. Eine Ursache sei der hohe Kostendruck, sagt Vorstand Christoph Meyer. Und das hängt direkt mit dem Generikamarkt zusammen. Generika haben den Sinn, das nach Ablauf einer Patentfrist die Entwicklungskosten erwirtschaftet sein sollten und dann nur noch Produktionskosten anfallen. Für Ibuprofen gibt es demnach knapp zwei Dutzend Generika allein auf dem deutschen Markt.

Die Krankenkassen begrüßen dieses günstigere Modell. Sie gehen sogenannte Rabattverträge mit Unternehmen ein – das bedeutet, eine Versicherung übernimmt die Kosten nur für das Medikament des jeweiligen Vertragspartners. „Die Produktion solcher stark rabattierter Arzneimittel muss zwangsläufig immer billiger erfolgen“, so Meyer. „Daraus wächst der Druck, die Produktion in Niedriglohnländer zu verlagern.“ Und wenn dann die Charge eines Grundstoffes aus Qualitätsmängeln ausfalle, könne es bis zu fünf Monate dauern, bis wieder ausreichend Arzneien zur Verfügung stünden.

Die Ärztegenossenschaft Nord versucht seit 20 Jahren, mit einer eigenen Herstellerfirma, der Q-Pharm AG, gegenzusteuern. „Die Idee war, mit einem eigenen Unternehmen den Preis zu kontrollieren. Das ist auch gelungen. Dann kamen die Rabattverträge. Das hat wehgetan. Wir sind diese Verträge nicht eingegangen“, sagt Christoph Meyer.

Er befürchtet eine Verschärfung der Versorgungslage im Falle eines harten Brexits, da aus Richtung von Großbritannien Hamsterkäufe stattfinden könnten. Fachleute weisen zusätzlich auf verbesserte Gesundheitssysteme und damit wachsende Absatzmärkte in Asien oder Südamerika hin – diese stehen somit in Konkurrenz zu Europa.

Die Politik müsse eingreifen, fordert Meyer. Und in der Tat ist die Situation bei den Gesundheitsministern der Länder, aber auch EU-weit, angekommen. „Die technisch-organisatorischen Ursachen für Lieferengpässe können vielfältig sein: Qualitätsmängel, die zu Rückrufen führen, Herstellungsprobleme, die geringere Ausbeuten verursachen, oder Produktions- oder Lieferverzögerungen für Wirkstoffe oder Ausgangsmaterialien. Soweit die Ursachen in den Herstellerländern liegen, ist eine nationale Regulierung kaum möglich“, sagt Susann Wilke, Sprecherin des schleswig-holsteinischen Gesundheitsministeriums.

Bundesärztekammer fordert nationale Arzneimittelreserve


Als Reaktion sei ein „Jour Fixe“, also ein regelmäßiges Treffen, bei der Bundesregierung und unter Beteiligung der Bundesoberbehörden sowie dem Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte eingerichtet worden. Wilke: „Ein vorhersehbarer Lieferengpass sollte spätestens sechs Monate im Voraus gemeldet werden, unvorhergesehene Engpässe sind unverzüglich mitzuteilen. Eine gesetzliche Regelung, die Pharmazeutische Unternehmer oder Hersteller zu einer Meldung verpflichten, existiert bislang nicht.“ Eine Arbeitsgruppe unter Leitung der Europäischen Arzneimittelbehörde hat derweil einen Leitfaden entwickelt, wie sich die Pharmaindustrie bei Engpässen verhalten soll. Ein Schwerpunkt ist die Information der Öffentlichkeit. Durch Transparenz soll verhindert werden, dass Ängste geschürt werden.

Klaus Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, brachte in einem Interview mit der „Rheinischen Post“ vor wenigen Tagen eine nationale Arzneimittelreserve ins Gespräch. „Welche Medikamente die Allgemeinheit in welchem Umfang vorhalten sollte, könnten Krankenversicherungen, Ärzte, Politik und Pharmaindustrie gemeinsam festlegen“, sagte er. Reinhardt verwies auf die steigende Nachfrage einer immer älter werdenden Bevölkerung. „Das Problem ist in der Tat groß.“ Für den Juli habe es 226 Meldungen über Engpässe und eingeschränkte Verfügbarkeit gegeben.

Wann Reformen umgesetzt werden können, ist unklar. Vorerst bleibt Nicolas Ahlers in Norderstedt nichts anderes übrig, als zu reagieren. „Es ist unser Tagesgeschäft, Lösungen zu finden und Alternativen zu suchen. Im Durchschnitt brauchen wir pro Kunde jetzt länger, wir hängen am Telefon und recherchieren im Internet.“