Schleswig-Holstein

Aus für die Milchtankstelle in Norderstedt

Sebastian Mecklenburg (26) behielt seine Kälber so lange wie möglich. Besucher durften die Kühe im Stall besuchen, der Landwirt wollte transparent sein. Doch die Herde war letztlich zu klein und die Einnahmen zu gering, um die Fixkosten für den Hof auszugleichen.

Sebastian Mecklenburg (26) behielt seine Kälber so lange wie möglich. Besucher durften die Kühe im Stall besuchen, der Landwirt wollte transparent sein. Doch die Herde war letztlich zu klein und die Einnahmen zu gering, um die Fixkosten für den Hof auszugleichen.

Foto: Christopher Herbst / HA

Landwirt Sebastian Mecklenburg hat seine Kühe verkauft. Für den Hof waren die Anforderungen zu hoch und der Aufwand zu groß.

Norderstedt. Nur der Geruch ist geblieben. Es riecht nach Dung, Mist, Stall, nach bodenständiger Landwirtschaft – nach Milchkühen. Sebastian Mecklenburg geht an den verlassenen Gattern vorbei. „Es ist viel zu ruhig auf dem Hof.“ Denn die Kühe sind verschwunden. Der 26 Jahre alte Bauer hat aufgegeben, das Vieh vor wenigen Tagen veräußert – und seine von vielen Menschen genutzte Milchtankstelle am Rantzauer Forstweg in Norderstedt für immer dichtgemacht. „Es war die schwerste Woche meines Lebens“, sagt er.

Was ihn dazu bewogen hat, verdeutlicht, wie kompliziert die Branche für kleine Höfe geworden und wie groß die Ohnmacht ist. „Ich hatte seit November, Dezember darüber nachgedacht. Ich hatte gemerkt, wie viel Arbeit es ist. Melken, ausmisten, alles allein. Ich war immer um halb sechs Uhr morgens draußen bis sieben, acht Uhr abends.“ 60 bis 70 Stunden seien pro Woche zusammengekommen. „Einen freien Tag hatte ich seit sieben Jahren nicht mehr.“

500 bis 600 Stammkunden hatte die Tankstelle pro Woche

Sebastian Mecklenburg ist also keineswegs faul, ganz im Gegenteil, er hat sich fast aufgeopfert, damit es irgendwie doch weiter funktioniert. Und, so paradox es klingt: „Die Direktvermarktung lief gut. Die Tankstelle an sich rentierte sich.“ Zuletzt kamen täglich etwa 70 Leute, sagt er. „Das erste Jahr war besser.“ Da waren es etwa 100.

Warum es weniger wurden? Da kann er bloß spekulieren. Kürzlich traf er in einem Supermarkt eine Frau, die eine Zeitlang die Rohmilch am Automaten für einen Euro den Liter gezapft hatte. Irgendwann kam sie nicht mehr. „Sie hätte 20 Minuten Umweg fahren müssen.“ Das wurde zu viel. Andere Kunden waren allerdings noch längere Anfahrtswege egal. Insgesamt waren es, so schätzt er, „500 bis 600 Stammkunden in der Woche“. Dass in der Summe die Frequenz nachließ, sah er jedoch an den nachlassenden Milchmengen, die er in den 150-Liter-Tank nachfüllen musste.

Doch es war eben bei Weitem nicht nur dieser Punkt. Vor sechs Jahren hat Sebastian Mecklenburg den Betrieb von seinem Vater Klaus übernommen. Für die Milchtankstelle ging er ins Risiko, investierte 30.000 Euro Eigenkapital. „Im ersten Jahr war ich von der Milchtankstelle überzeugt.“ Die Resonanz war gut. Er selbst unterhielt sich gern mit den Besuchern, erklärte die Besonderheit der Rohmilch, die nicht pasteurisiert wurde – nur dann darf sie dort verkauft werden, wo sie auch erzeugt worden ist. Wer mochte, durfte sich den Stall anschauen. Mecklenburg behielt die Kälber deutlich länger, als es andere Milchbauern taten. Seine „Kinderstube“ war oft auf der Wiese am Kreisverkehr zu sehen.

Was die Käufer nicht sahen, waren die Probleme. Etwa, dass der Hof in die Jahre gekommen ist. „Ich hätte mehr als 15.000 Euro in den Stall investieren müssen.“ Realistisch betrachtet, hätte Sebastian Mecklenburg auch seine Herde verdoppeln müssen – zum Schluss waren es 35 Milchkühe. „Je mehr Kühe, desto mehr rechnet es sich. Betriebe mit 30 Kühen werden aussterben.“

Die Kosten für den Betrieb waren nicht mehr zu leisten

Ein Melkroboter hätte die Effizienz gesteigert. „100.000 Euro für 30 bis 40 Kühe“ – das war für den Landwirt wirtschaftlich nicht darstellbar. Und selbst wenn er mehr Tiere gehabt hätte, dann wäre ein Ausbau des Stalls die Folge gewesen, dazu hätte Personal eingestellt werden müssen. Grundsätzlich war die Milchleistung der Kühe zudem nüchtern betrachtet nicht optimal. 6500 bis 7000 Liter seien es pro Jahr gewesen, in anderen Betrieben bis zu 11.000 – das bedeutet höhere Einnahmen durch den Verkauf an Meiereien. Das hat Gründe: Mecklenburg wollte seine Kühe nicht mit Kraftfutter, nicht mit amerikanischem Soja füttern. „Die Dürre im letzten Jahr kam dazu.“ Die Kühe waren trotzdem so oft wie möglich auf der Weide, fraßen dort aber nun einmal das zu trockene Gras.

Jetzt gehören die meisten Tiere Betrieben in Eckernförde und Dithmarschen. Sebastian Mecklenburg wird sich auf Ackerbau und die Vermietung seiner 26 Pferdeboxen konzentrieren, dazu den alten Stall entkernen, reinigen und in ein 900 Quadratmeter großes Lager umbauen, das auch gemietet werden kann. In der Holzhütte an der Hofeinfahrt will er weiterhin Eier, Honig und Kartoffeln aus der Region verkaufen.

Kurz, nachdem die Tiere abtransportiert worden waren, hat er übrigens noch einmal überlegt, wieder Kühe zu kaufen – und es wieder verworfen. Dabei wird es bleiben. In Norderstedt gibt es somit nur noch zwei Milchbauern – aber keine Milchtankstelle mehr.