Norderstedt
Männerrunde in Norderstedt

Hobbyaktionäre in der Welt der Wertpapiere

Einmal im Monat treffen sich die Hobbyaktionäre, um sich über Wirtschaft, Börse und Online-Handel auszutauschen.

Einmal im Monat treffen sich die Hobbyaktionäre, um sich über Wirtschaft, Börse und Online-Handel auszutauschen.

Foto: Michael Schick

Norderstedter Senioren treffen sich einmal im Monat zum Gesprächskreis „Wirtschaft und Börse“ im Rathaus. Neue Mitglieder willkommen.

Norderstedt.  Sie sind im Ruhestand, haben Zeit und Aktien – nicht so viele, um reich zu sein, aber doch genug, um sich Wissen zu holen: Einmal im Monat treffen sich ein Dutzend Senioren im Norderstedter Rathaus zum Lernen und Diskutieren. Moderation und Input übernimmt einer, der zwar auch das aktive Berufsleben hinter sich hat, aber seine Rolle nicht verlassen kann: Karsten Bensel hat als Berufsschullehrer sein Geld verdient, nun sitzen ältere Herren vor ihm und wollen mit Informationen gefüttert werden. Die drehen sich um alles, was mit Aktien, Börse und Online-Handel zusammenhängt – der Gesprächskreis „Wirtschaft und Börse“ ist dem örtlichen Seniorenbeirat zugeordnet, Bensel gehört zum Vorstand und leitet den Arbeitskreis Kultur.

„In den meisten Gesprächskreisen dominieren die Frauen, und da wollte ich mal etwas für die Männer schaffen“, sagte Bensel. Neben Klischee-Klassikern wie Fußball oder Autos sei er da auf Geldanlage und Wertpapiere gestoßen, schon aus Eigeninteresse. Er sei kein Börsenprofi, kein Fonds-Manager oder Steuerberater, Menschen, mit denen er kürzlich in Hamburg in einer Runde zusammengesessen habe. „Ich muss mich wie früher auf unsere Treffen vorbereiten, mir Themen ausdenken. Denn zwei Stunden lang nur allgemein zu diskutieren, erschöpft sich schnell und wird langweilig“, sagt der pensionierte Pädagoge. Und nach vier Jahren ist die Themenliste inzwischen auf weit mehr als 50 angewachsen. Quellensteuer, Online-Broker, Bit Coins, ETF – das Feld ist weit. Klar aber ist: Wer welche Wertpapiere und wie viele hat, bleibt geheim. „Auch über Politik diskutieren wir höchstens insofern, als politische Entscheidungen erhebliche Auswirkungen auf den Wertpapierhandel haben können“, sagt Bensel.

Man kann sich auch mal verzocken

Der Brexit ist ein aktuelles wie politisches Thema, das die Prognosen teilt. Die einen sagen einen harten Schnitt voraus, andere glauben noch an eine Einigung zwischen der EU und Großbritannien. In jedem Fall werde die Wirtschaft Folgen spüren und damit auch die Börse. Auch Trumps Zollpolitik schlage auf den Aktienhandel durch, genauso wie die Diesel-Affäre vor der eigenen Haustür. Da kann man sich auch schon mal verzocken, wie einer der Teilnehmer sagt. Aktien eines großen deutschen Automobilherstellers habe er gekauft, die aber hätten an Wert eingebüßt. „Vorhersagen machen wir hier nicht, wie geben auch keine konkreten Empfehlungen, welche Aktien man kaufen sollte“, sagt Bensel.

„Man möchte Geld haben, aber nicht darüber reden. Mit der Familie oder im Bekanntenkreis kann man nicht so gut über die Themen sprechen“, sagt Horst Heyde. Der 77 Jahre alte Norderstedter macht mit, weil er Zusammenhänge verstehen, im Austausch mit den anderen den Themenspeicher füllen will. „Man geht jedes Mal mit ein bisschen mehr Wissen nach Hause“, sagt Werner Berkefeld (83). „Ich finde es gut, dass wir uns hier unabhängig von professionellen Beratern unterhalten können“, sagt Werner Bockelmann (69). Die anderen nicken, die Anlage-Profis kommen nicht gut weg, sie wollten und müssten, was durchaus verständlich sei, ihre Produkte verkaufen. „Das Internet hat den Handel komplett demokratisiert, jeder kann selbst aktiv werden“, sagt Bensel.

Wer über einen Online-Broker handelt, kann Geld sparen

Und dann die mysteriösen Begriffe, die in der Fachwelt kursieren: Was verbirgt sich hinter Bit Coins, oder Indexpartizipation? Wie unterscheiden sich Dividenden-Aktien von wachstumsorientierten? Wie kann ich meine Privatsphäre im Internet schützen? Ist es ratsam, sich Derivate zuzulegen? „Wenn ich den Begriff im Internet eingebe, bekomme ich eine Flut von Infos. Hier in der Runde kann ich mich in Ruhe mit dem Thema beschäftigen“, sagt ein Teilnehmer. Bensel greift die Fragen auf, bereitet für das nächste Mal Antworten vor.

Eine Erkenntnis der regelmäßigen Runde: Wer selbst aktiv wird und über einen Online-Broker handelt, kann Geld sparen. Pro Trade – natürlich hat der Fachbegriff Einzug gehalten – also für jeden Handelsvorgang nehmen Internet-Händler 5 Euro, auch bei einer Order im Wert von 10.000 Euro. Eine Bank kassiere dafür ein Prozent, bei diesem Beispiel 100 Euro und die gleiche Summe beim Verkauf nochmals. So bringt die Männerrunde echten Mehrwert.

Auch Netflix ist ein Thema – warum sind die Aktien des Streaming-Dienstes derart in die Höhe geschossen? Und bleibt das so? „Über die Gründe können wir nur spekulieren, so wie man die Börse ohnehin kaum bis in die letzten Details durchschauen kann. Dafür ist sie viel zu komplex und sensibel“, sagt der Leiter der Männergruppe, dis sich nicht als geschlossene Einheit versteht. Bensel hätte gern Frauen und Jüngere dabei. Eine Verjüngung scheitere aber am Termin: Donnerstags von 15 bis 17 Uhr tagen die Hobbybörsianer, eine Zeit, die den Oldies zwar gut passt, Menschen im Arbeitsprozess aber ausschließt.

Nach zwei Stunden schaltet Bensel den Beamer aus, verlassen die Männer die Welt der Wertpapiere und freuen sich auf das nächste Mal.

Gesprächskreis Wirtschaft und Börse, donnerstags, Termin nach Absprache, 15.00 bis 17.00, Rathaus Norderstedt, Raum K202, Kontakt: Seniorenbeirat Norderstedt, 040/53 59 55 21, E-Mail: seniorenbeirat-norderstedt@wtnet.de