Norderstedt
Flüchtlinge

„In Landesunterkunft Boostedt konzentriert sich die Panik“

Martin Link, Geschäftsführer des Flüchtlingsrats Schleswig-Holstein

Martin Link, Geschäftsführer des Flüchtlingsrats Schleswig-Holstein

Foto: Helge Buttkereit

Martin Link vom Flüchtlingsrat über die Situation in der Landesunterkunft. Selbstschädigendes Verhalten sei seit Jahren Alltag.

Kreis Segeberg.  Im Fall der mit Vergiftungserscheinungen ins Krankenhaus eingelieferten Flüchtlinge aus der Landesunterkunft in Boostedt hat die Polizeidirektion Bad Segeberg keine neuen Erkenntnisse. „Da laufen die Ermittlungen noch“, sagt Sprecher Nico Möller. Es lägen bislang allerdings keine Hinweise auf giftige Substanzen in der Unterkunft vor, noch lägen Hinweise auf Personen vor, die diese in Umlauf gebracht hätten.

Es deutet also alles daraufhin, dass die Männer in der Verzweiflung vor einer drohenden Abschiebung in ihre Herkunftsländer irgendwelche Substanzen eingenommen haben, die einen Aufenthalt im Krankenhaus nötig machten. Mittlerweile seien alle Männer wieder in der Unterkunft und würden zum Sachverhalt verhört, sagt Möller.

„Für uns ist selbstschädigendes Verhalten aus Angst vor der Abschiebung seit Jahren Alltag im Umgang mit Flüchtlingen“, sagt Martin Link vom Flüchtlingsrat Schleswig-Holstein. „Etwas einnehmen, den Mund zunähen, sich anketten – kommt alles vor. Derzeit ist der Druck und der Stress für viele Geflüchtete riesengroß, das merken wir überall in unserer Beratungsstellen.“ Die Landesunterkunft in Boostedt sei vor diesem Hintergrund besonders im Fokus. „Hier konzentriert sich die Panik“, sagt Martin Link.

Geflüchtete, die zur Ausreise verpflichtet sind, gleichwohl aber irgendwo im Land schon teilintegriert waren, die Ausbildungen begonnen oder gut Deutsch gelernt hätten, würden von den Behörden aus ihrem Umfeld gerissen und nach Boostedt verlegt. „Da wird darauf spekuliert, dass die Landesbehörden das mit der Abschiebung irgendwie besser hinbekommen“, sagt Link. Die Verlegung nach Boostedt ist für die Geflüchteten traumatisch, in Flüchtlingskreisen ist bekannt, dass von hier Abschiebung droht. „In Angst leben derzeit vor allem die Dublin-Flüchtlinge aus dem Jemen, dem Irak oder Afghanistan. Und neuerdings auch die Eritreer“, sagt Link. Denn die deutsche Innenpolitik diskutiert die Möglichkeit, sie wieder in ihr Heimatland abzuschieben, weil dort ein Friedensprozess im Gange ist. „Doch der Hauptgrund, weswegen Eritreer fliehen – die Zwangsrekrutierung durch die Armee – die läuft dort trotz allem im vollen Umfang weiter.“

Wer über Abschiebungen nach Afghanistan, Syrien oder Eritrea spekuliere, treibe Verzweifelte in die Illegalität – oder im schlimmsten Fall ins Gift, sagt Martin Link.