Norderstedt
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Warum ein Laden jetzt für Kundenberatung Geld nimmt

Nina Bosien führt mit ihrem Mann Michael das Modelleisenbahnfachgeschäft MIBO

Nina Bosien führt mit ihrem Mann Michael das Modelleisenbahnfachgeschäft MIBO

Foto: Michael Schick

Immer mehr Kunden informieren sich im Fachgeschäft und kaufen dann im Internet. Die Bosiens wollen diese Unsitte stoppen.

Norderstedt.  Sich beim Fachhändler beraten lassen – und dann doch im Internet einkaufen. Das ist ein Kundenverhalten, mit dem der Handel zunehmend zu kämpfen hat. Doch viele Einzelhändler wollen das nicht mehr ohne Gegenwehr hinnehmen. Im Westen Deutschlands verlangen Kaufleute eine Beratungsgebühr. Auch bei Michael Bosien kostet die Beratung Geld, 15 Euro für jede angefangene Viertelstunde. Kauft der Kunde bei ihm, wird die Gebühr angerechnet. Der Inhaber von MIBO, einem Fachgeschäft für Modelleisenbahnen an der Stormarnstraße in Norderstedt, kassiert, wenn er sein Expertenwissen ohne Gegenleistung zur Verfügung stellt.

Und damit geht der Geschäftsmann ganz offen um. Schon wenn er das Fachgeschäft betritt, weiß der Eisenbahnfan, womit er rechnen muss: Der Gebührenhinweis klebt gut sichtbar direkt hinter dem Eingang. Zudem informieren der Chef und sein Team die Kunden von vornherein, dass die Gebühr fällig werden kann. „Bisher habe ich davon noch keinen Gebrauch gemacht“, sagt der Fachhändler, der die Beratungsgebühr so begründet: „Neulich habe ich zwei Stunden lang die Fragen eines Eisenbahnfans beantwortet. Gekauft hat er woanders.“ 70 Euro habe ihn der Aufwand ohne Ertrag gekostet, das könne er sich nicht leisten, Miete und Mitarbeiter müssten schließlich bezahlt werden.

Kinderschuhe schon aus dem Sortiment genommen

Doch mit seinem Vorstoß, für den Beratungsservice zu kassieren, scheint Bosien in Norderstedt noch Einzelkämpfer zu sein. Und das, obwohl auch andere Händler die Konkurrenz des Online-Shoppings zu spüren bekommen: „Wir haben unsere qualitativ hochwertigen Kinderschuhe schon aus dem Sortiment genommen, weil sich die Kunden ausführlich informieren lassen, dann sagen, sie müssten noch mal überlegen, um sich die Schuhe schließlich doch bei Amazon oder Zalando im Internet zu bestellen“, sagt Karin Müller, die zusammen mit ihrem Mann Oliver das Fahrradfachgeschäft Hertel und die Boutique für Regen- und Allwettermode Donnerwetter am Schmuggelstieg betreibt. Zwei Jahre hätten sie das mitgemacht, ehe sie die Schuhe der Marke Kamik von der Produktpalette gestrichen haben.

Service, Personal, Werkstatt und Lager kosten Geld

Auch beim Fahrradkauf ließen sich Kunden ein bis zwei Stunden beraten, um dann ihr neues Rad online zu kaufen, weil sie davon ausgehen, dass sie dort weniger ausgeben müssen, was ja oft auch stimme. Es sei doch aber klar, dass Service, kompetente Mitarbeiter, Werkstatt und Lager nicht zum Nulltarif zu haben seien. Insofern sei ein intensives Beratungsgespräch ohne direkten oder späteren Kauferfolg verlorene Zeit, die sich Geschäftsleute nicht leisten könnten.

„Und dann kommen sie zu uns, damit wir das Rad aus dem Internet zusammenbauen oder reparieren“, sagt die Geschäftsfrau. Diesem Wunsch kommen sie und ihr Team dann auch nach, natürlich gegen Bares. Nach Karin Müllers Erfahrungen leiden viele Kollegen unter diesem wenig händlerfreundlichen Konsumverhalten: „Und dann wundern sich die Menschen, wenn es keine Einzelhändler mehr gibt.“ Dennoch ist eine Beratungsgebühr für die Müllers kein Thema, sie schrecke die Kunden ab.

In der Elektronikbranche gilt die Online-Konkurrenz als besonders ausgeprägt, der „Geiz ist Geil“-Werbeslogan eines großen Elektronikmarktes hat sich in vielen Kundenköpfen verfestigt. Dennoch trifft das Prinzip „beim Fachhändler informieren, online kaufen“ bei Elektro Alster Nord nur äußerst selten zu, sagt Henning Schurbohm, Chef des Norderstedter Elektronik-Fachgeschäftes. Im Gegenteil: „Die Leute informieren sich im Internet und kommen dann zu uns, weil sie die neue Waschmaschine oder das neue TV-Gerät sehen und bedienen wollen.“

Die Norderstedter seien sehr faire Verbraucher, sie akzeptierten, dass es Geld koste, Fachpersonal zu beschäftigen und die Ware im Lager vorzuhalten. Daher könne der stationäre Einzelhandel bei den Preisen meist nicht mit den Internet-Händlern konkurrieren, wenngleich, so Schurbohm, auch bei ihm Nachlässe zum täglichen Geschäft gehören. Eine wichtige Rolle, wenn sich Kunden für einen Kauf bei den örtlichen Händlern entscheiden, spiele der Service. Die Waschmaschine aufstellen, das TV-Gerät anschließen, defekte Geräte reparieren, einfach einen Ansprechpartner in der Nähe zu haben – das seien Pluspunkte, mit denen der stationäre Handel punkten könne.

Auch Bastian Foedisch, Filialleiter bei Zippel’s Läuferwelt an der Ulzburger Straße in Norderstedt, hat kaum Umsatzeinbußen durch den Online-Handel: „Die meisten, die sich hier zum Kauf von Laufschuhen beraten lassen, kaufen auch bei uns.“ Heidolf Waldschmidt von der Boutique Chiribiri am Schmuggelstieg teilt die Meinung: „Wir haben viele Stammkunden, zum anderen bieten wir hochpreisige Mode, die im Internet in der Regel nicht günstiger ist.“ Die Beratung sei die Domäne der Mitarbeiter, es gehe meist nicht darum, ein T-Shirt zu kaufen, sondern um ein komplett neues Outfit. Waldschmidt bedauert den Trend zum Billigkauf: „Das Gefühl für die Wertigkeit der Waren geht verloren.“