Norderstedt
Kreis Segeberg

Die Feuerwehrchefs geraten unter Druck

Führungskräfte wie der stellvertretende Gemeindewehrführer Matthias Huhn (links) investieren viel Freizeit in ihr Ehrenamt

Führungskräfte wie der stellvertretende Gemeindewehrführer Matthias Huhn (links) investieren viel Freizeit in ihr Ehrenamt

Foto: Wolfgang Klietz

Nach dem Rücktritt des Kreiswehrführers Holger Gebauer klagen immer mehr Ehrenamtler über eine zu hohe Arbeitsbelastung.

Kreis Segeberg.  Die Orte im Kreis Segeberg wachsen seit Jahrzehnten und damit auch die Aufgaben für die Feuerwehren. Immer mehr Wehrführer müssen als ehrenamtliche Feuerwehrchefs neben ihrem Beruf ein Arbeitspensum erledigen, das allemal für einen Halbtagsjob reichen würde. Ein Modell, das nicht mehr überall funktioniert. Kreiswehrführer Holger Gebauer hat vor wenigen Wochen den Job hingeworfen.

Norderstedts Gemeindewehrführer Fabian Wachtel hat bereits kurz nach seiner Amtsübernahme angekündigt, dass die Aufgaben mittel- und langfristig nach Feierabend nicht zu bewältigen sind. „Ich bin zum Beispiel in dieser Woche jeden Abend für die Feuerwehr unterwegs“, sagt Segebergs Wehrführer Mark Zielinski. Sein Kaltenkirchener Kollege Thomas Schwedas hat inzwischen drei Vertreter, die ihm Arbeit abnehmen.

Die Feuerwehr hat 250 Einsätze im Jahr

Kreis- und landesweit wird immer intensiver diskutiert, was dem Ehrenamt noch zugemutet werden kann. Die Belastungen für die Führungskräfte wachsen auf zwei Ebenen: Überall steigen die Anforderungen im Beruf, die Feuerwehren haben immer mehr zu tun.

Zielinskis Feuerwehr absolviert 250 Einsätze pro Jahr. „Dazu kommt unglaublich viel Verwaltungsarbeit“, sagt er. Seinen Job als Versicherungskaufmann hat er inzwischen aufgegeben und arbeitet als Angestellter für die Stadt – hauptsächlich im Feuerwehrwesen.

Zielinski bezeichnet dieses Vorgehen als „Segeberger Modell“, das politisch gewollt sein müsse. Er weiß von seinem Kollegen in Rendsburg, der seinen Beruf auf 30 Stunden reduziert hat, um das Ehrenamt zu schaffen. Der Pinneberger Wehrführer hat sich beruflich Unterstützung durch eine 450-Euro-Kraft geholt. Diese „Lösungen“ bezeichnet Zielinski als „Flickschusterei“. Er glaubt, dass immer mehr Wehrführer auf einen Stab hauptamtlicher Mitarbeiter angewiesen sein werden.

Dieses Modell wird in Norderstedt bereits praktiziert. Gemeindewehrführer Fabian Wachtel hat am 1. Dezember 2017 als erster in diesem Amt für die Dauer seiner Amtszeit einen Anstellungsvertrag der Stadt erhalten. Damit soll gewährleistet werden, dass er seine Aufgaben als Führungskraft der Feuerwehr bewältigen kann, ohne dass er in seiner Medienagentur Einbußen fürchten muss. Unterstützt wird er von einer Geschäftsstelle mit zwei hauptamtlichen Mitarbeitern.

„Die Belastung ist hoch“, sagt Wachtel. An einem Tag kommen manchmal vier Termine als Feuerwehrchef zusammen. Formal behalte er jedoch seinen Status als Ehrenamtler. So sollen atmosphärische Probleme verhindert werden, die entstünden, wenn ein Berufsfeuerwehrmann eine freiwillige Feuerwehr führen würde. Fabian Wachtel stehen drei Vertreter zur Seite, noch vor zwei Jahren war es nur einer.

Auch Gebauer wurde bei seinem Amtsantritt vor drei Jahren ein weiterer Vertreter zur Seite gestellt. Doch auch damit war die Arbeit an der Spitze des Kreisfeuerwehrverbandes mit seinen 117 Wehren für den selbstständigen IT-Berater aus Kaltenkirchen nicht zu schaffen. „Holger Gebauer hat in einem schriftlichen Entlassungsgesuch sowie in einem persönlichen Gespräch gegenüber dem Landrat erklärt, dass viele Faktoren bei ihm erfüllt sein müssten, damit er seinem persönlichen Anspruch, den er an ein solch wichtiges Ehrenamt habe, gerecht werden könne“, schrieb die Kreisverwaltung über seinen Rückzug. „Dazu gehören aus seiner Sicht unter anderem die Vereinbarkeit mit Familie und Beruf, ausreichend Zeit für das Ehrenamt, Spaß und Freude daran sowie die Chemie zwischen den jeweiligen Akteuren.“

In der Politik sind die Probleme der Feuerwehr ein Thema

In der Politik auf Landesebene sind die wachsenden Probleme in den Feuerwehren ein Thema. „Wir wollen deshalb prüfen, ob über eine Änderung des Brandschutzgesetzes die Möglichkeit geschaffen werden kann, dass Wehrführerinnen und Wehrführer in Orten mit (fast) täglichen Einsätzen für ihre Amtszeit diese Tätigkeit hauptamtlich, vergleichbar mit dem Amt eines Wahlbeamten, ausüben können“, heißt es im Koalitionsvertrag der Landesregierung. „Das wird im neuen Brandschutzgesetz ein Thema sein“, kündigte Tim Radtke, Sprecher des Innenministeriums, an.

Die Vereinbarung trägt die Handschrift von Hans-Joachim Grote (CDU), früher Oberbürgermeister in Norderstedt und jetzt Innenminister. Er galt in Norderstedt als Kenner und Unterstützer der Feuerwehren.

Volker Arp vom Landesfeuerwehrverband appelliert an die freiwilligen Feuerwehren, sich offensiv an die Kommunen zu wenden. Der Landesgeschäftsführer geht ähnlich wie der Segeberger Wehrführer davon aus, dass mehr hauptamtliche Unterstützung nötig ist, um die Führungskräfte bei den zunehmenden bürokratischen Arbeiten zu unterstützen.

Der amtierende stellvertretende Kreiswehrführer Jörg Nero hat sich bereit erklärt, als Nachfolger von Holger Gebauer zu kandidieren. Das hat Nero am Mittwochabend während einer gemeinsamen Sitzung des Vorstands des Kreisfeuerwehrverbandes mit den Amts- und Gemeindewehrführern bekannt gegeben. Die Neuwahl ist für den 13. April 2018 bei der Jahreshauptversammlung in der Gemeinde Ellerau geplant. Weitere Kandidaten können sich zur Wahl stellen.