Norderstedt
Bad Segeberg

Neuanfang einer Kinderärztin aus Aleppo

Foto: Heike Hiltrop / LNBILD

Die Syrerin Sana Jallouf floh vor dem Krieg und hospitiert zurzeit in der Praxis ohne Grenzen und bei einer Medizinerin in Wahlstedt

Bad Segeberg/Wahlstedt.  Sana Jallouf hat studiert und als Kinderärztin gearbeitet. Die Medizinerin und Mutter dreier Kinder stammt aus Aleppo, praktizierte in ihren vergangenen zehn Berufsjahren in Kuwait in einem Ärztezentrum. Bis sie die Flucht ergriff und in Schleswig-Holstein landete.

Es klingt für mitteleuropäische Ohren befremdlich, wenn eine Christin wie Jallouf von Diskriminierung aufgrund ihrer Religion spricht. Man sollte meinen, die Ausgrenzung, die Verfolgung sei Geschichte, der Stoff, aus dem die alten Hollywood-Schinken gestrickt sind, die dieser Tage im Fernsehen Hochkonjunktur haben. Doch offenbar wird der Ton zwischen den Konfessionen nicht nur in Syrien rauer. Kuwait rangiert auf Platz 41 des „Open Door“-Weltverfolgungsindex (Stand Januar 2016). 2015 lag es dort noch auf Rang 50, Platz eins und zwei belegen Nordkorea und der Irak. Auch das Leben in Kuwait werde für Christen laut des Hilfswerks immer gefährlicher. Sana Jallouf jedenfalls verlor in Kuwait aufgrund ihrer Religion ihren Job. „Man will dort keine syrischen Christen mehr“, sagt sie. Deshalb, so bestimmen es die Gesetze dort, hätte sie zurück in ihr Heimatland gemusst. Für die Familie keine Option. Zu besorgniserregend sei die aktuelle Lage, vor allem in ihrer Heimatstadt Aleppo. So kam sie vor 14 Monaten mit Mann und Kindern nach Deutschland und lebt seither im Kreis Segeberg.

Sana Jallouf hofft, bald selbst wieder praktizieren zu können

Die 51-Jährige büffelt fast die ganze Woche über nachmittags Deutsch, bekam auch schnell Kontakt zu Ärzten der Praxis ohne Grenzen, in der Menschen ohne Krankenversicherung kostenlos behandelt werden. Seit neun Monaten hospitiert sie dort mittlerweile schon. Seit Kurzem ist sie zudem zweimal in der Woche als Praktikantin in der Praxis von Dr. Sabine Bertelsmeier in Wahlstedt aktiv. Auch diesen Kontakt vermittelte ein Medizinerkollege. „Wir profitieren von ihren arabischen Sprachkenntnissen. Die Reaktionen der Patienten, auch der deutschen, sind sehr positiv“, unterstreicht Dr. Sabine Bertelsmeier. „Ich glaube, einem arabischen Mann hätte ich geraten, zu Kollegen zu gehen, mir fällt es leichter mit einer Kollegin zusammenzuarbeiten“, räumt sie ein.

„Es ist gut für Refugees“, fasst die außergewöhnliche Hospitantin ihre derzeitige Situation zusammen. „In der Schule lerne ich Grammatik, hier lerne ich den normalen Alltag.“ In ihrem „Denglisch-Mix“ kann sich Sana Jallouf gut verständigen, fungiert als Dolmetscherin, ihre medizinischen Vorkenntnisse kommen ihr und den Patienten zugute. Sie höre ab, untersuche gelegentlich mit, aber sie fälle keine Entscheidungen.

Das Klima sowohl bei der Kollegin, als auch in der Praxis ohne Grenzen ist freundschaftlich kollegial. „Ich habe zuvor immer gearbeitet. Jetzt mache ich nichts, außer die Schule vier Tage in der Woche zu besuchen – deshalb bin ich sehr glücklich über das Praktikum“, betont Sana Jallouf, deren großer Traum es ist, irgendwann selbst wieder als Kinderärztin zu praktizieren.

Der Weg dorthin sei ein sehr langer und harter, weiß Dr. Uwe Denker, Begründer und Motor der Praxis ohne Grenzen. Zwar habe die Ärztekammer Unterstützung zugesagt, aber die Syrerin müsse viel geduld und Durchhaltevermögen mitbringen. „Sie muss für ihre Anerkennung als Ärztin eine schwierige Prüfung ablegen, und sie muss intensiv an ihren Deutschkenntnissen vor allem auch im medizinischen Bereich arbeiten.“

Denker ist gut vernetzt, bringt sich in medizinischen Organisationen ein. Er weiß: Die syrische Kinderärztin ist kein Einzelfall. Gerade habe er, um nur ein Beispiel zu nennen, einem ukrainischen Chirurgen zu einer Hospitantenstelle in Hamburg verholfen. Denker: „Wir erfahren im Gegenzug, unter welchen erschwerten Bedingungen Kollegen anderswo arbeiten müssen. Und sie lernen nicht nur das goldene Gesundheitswesen, sondern auch seine Schattenseiten kennen.“