Norderstedt

„Ich fege – und fühle mich wie der Dumme!“

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Andreas Burgmayer
Willibald Brendel, 66, hält Gehweg und Rinnstein vor seiner Wohnung sauber – ganz im Gegensatz zu vielen Nachbarn

Willibald Brendel, 66, hält Gehweg und Rinnstein vor seiner Wohnung sauber – ganz im Gegensatz zu vielen Nachbarn

Foto: Andreas Burgmayer / HA

Eine Satzung verpflichtet Norderstedter, Gehweg und Straße vor ihrem Haus sauber zu halten – doch viele pfeifen auf die Pflicht.

Norderstedt.  Wie geleckt sieht es aus vor dem Haus von Willibald Brendel. Der Gehweg makellos, das mit weißen Kieseln belegte Bankett daneben ebenso. Die Rinnsteine hinter der Bordsteinkante sind frei. Der Wind hat etwas Herbstlaub hineingeweht. Willibald Brendel greift zum Besen und macht es weg. „Ich fege den Gehweg und auch den Rinnstein regelmäßig“, sagt Brendel. „Aber was bringt das, wenn viele Nachbarn in unserer Straße vor ihrer Tür nicht kehren? Ich fühle mich wie der Dumme!“

250 Straßenkilometer sind es in Norderstedt. Auf 90 Hauptverkehrsstraßen sorgt das Betriebsamt der Stadt Norderstedt für Sauberkeit. Auf den 392 übrigen Straßen müssen die Bürger den Gehsteig und die Straße bis zur Straßenmitte sauber halten. So will es die „Satzung über die Reinigung der öffentlichen Straßen der Stadt Norderstedt“, die seit dem 1. Dezember 1979 gilt (siehe Artikel rechts).

Der pensionierte Oberstudienrat Willibald Brendel zog vor einem Jahr mit seiner Frau Jutta in die Eigentumswohnung am Langen Kamp – und hält sich seitdem an seine Bürgerpflichten. Doch keine Besenlänge von seinem Haus entfernt wachsen Löwenzahn und Grasbüschel unbehelligt im Rinnstein – und das offenbar seit Jahren. Die Gullys sind voller Blätter, Grasnarben ziehen sich entlang der Bordsteine. Der Zustand der Straße sorgt für Probleme: „Wenn es stark regnet – wie ja zuletzt ständig – dann steht hier alles unter Wasser. Die Gullys fangen das Wasser nicht mehr auf“, sagt Brendel. Das Wasser sammelt sich und schießt dann die steile Garagenzufahrt unter Brendels Haus hinab. „Wir standen mit Nachbarn bei Starkregen schon zu fünft in der Zufahrt und haben uns gegen die Wassermassen gewehrt“, sagt Jutta Brendel. Fegen und das Sauberhalten der Rinnsteine macht also Sinn – aber nur, wenn sich auch alle dran halten. „Um das mal klarzustellen: Wir sind keine Krümelkacker“, sagt Jutta Brendel. „Ich finde es nicht spießig, wenn man sich an die Regeln hält. So wurde ich eben erzogen!“

Die Brendels haben sich bei der Stadt gemeldet. Vom Betriebsamt bekamen sie die Auskunft, dass demnächst ein Wegewart den Langen Kamp prüfen werde. „Wir haben ein großes Interesse daran, dass alle Straßen frei sind“, sagt Werner Kurzewitz, der für die Straßenreinigung beim Betriebsamt zuständig ist. „Wir sind dankbar für die große Mehrheit an Bürgern, die sich an die Satzung halten.“

Bei jenen, die es nicht tun, gebe es verschiedene Gründe. „Manche sind gebrechlich und schaffen die Reinigung nicht mehr. Andere kennen die Satzung nicht, obwohl wir schon 18.000 höfliche Schreiben verschickt haben, in denen wir Bürger darauf aufmerksam gemacht haben.“ Auch am Langen Kamp wird der Wegewart höfliche Schreiben an die Nachbarn der Brendels verschicken. „In 90 Prozent aller Fälle ist die Sache dann erledigt.“ Ganz selten komme es vor, dass auch mal Bußgelder – je nach Schwere bis zu 500 Euro – verhängt würden oder dass die Stadt Wege reinigt und sich die Kosten dafür beim Grundstückseigentümer zurück holt, sagt Kurzewitz.

Nur Norderstedt hat noch Reinigungs-Satzung

Die Stadt Norderstedt ist die letzte Stadt in Schleswig-Holstein, die überhaupt noch eine Satzung zur Gehweg- und Straßenreinigung hat. In allen anderen Kommunen erledigt die öffentliche Hand die Reinigung und stellt die Kosten per Gebühr dem Bürger in Rechnung. In Norderstedt gab es in den letzten Jahrzehnten immer wieder politisch den Ansatz, die Reinigung der Gehwege und Straßen komplett in die Hand des Betriebsamtes zu legen – damit das Problem ein für allemal erledigt ist. Doch es fand sich nie eine politische Mehrheit für die Abschaffung der Satzung und die Einführung einer Reinigungsgebühr – offenbar war den Politikern das Thema immer zu heikel. Schließlich ist kein Bürger begeistert, wenn ihm die Politik zusätzliche Kosten beschert. Wenn sich aber immer weniger Bürger verantwortlich fühlen für die Reinigung, dann wird man um so eine Regelung vielleicht nicht herum kommen.

Willibald Brendel ist gegen Reinigungsgebühren – dann wäre er ja erst Recht der Dumme, weil er ja gerne selbst fegt. „Ich habe das Thema angesprochen, weil ich hoffe, dass es ein Anstoß für alle Bürger ist, sich über die Straßenreinigung Gedanken zu machen. Manchmal reicht ja ein Schubs – und die Situation verbessert sich.“

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