Norderstedt
Kaltenkirchen

Archäologen auf der Suche nach Massengrab

Archäologe Maximilian Frackowiak aus Posen in Polen ist mit einem Metaldetektor auf Spurensuche

Archäologe Maximilian Frackowiak aus Posen in Polen ist mit einem Metaldetektor auf Spurensuche

Foto: Frank Knittermeier / HA

Auf dem Gelände des KZ-Außenlagers Kaltenkirchen liegen wahrscheinlich viele Tote. Aber niemand weiß, wo genau die Gräber sind.

Kaltenkirchen.  Thomas Schock hatte einen langen Anfahrtsweg in Kauf genommen, um auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen einen in Deutschland bisher einmaligen Vorgang zu beobachten: Der Leiter im Umbettungsdienst Mittel- und Süd-Osteuropa des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge war aus Warschau angereist, um an Ort und Stelle ein Massengrab in Augenschein zu nehmen. Es wurde auf dem Gelände vermutet, am Dienstagvormittag stellte sich heraus, dass zumindest auf diesem Teil des Geländes keine Toten begraben wurden.

„In Deutschland hat es eine solche Aktion bisher noch nicht gegeben“, sagte Thomas Schock, nachdem er die Grabungsstätte in Augenschein genommen hatte. Mehrere Stunde waren zwei junge Archäologen aus dem polnischen Posen im Auftrage der Deutschen Kriegsgräberfürsorge dabei, ein Gelände direkt neben den Ausstellungsräumen an der Bundesstraße 4 in Springhirsch, einem Nützener Ortsteil, zu untersuchen. Während Olaf Kuhlmann, Baggerführer der Firma Johann Heidorn aus Hamburg, dabei war, zwei diagonal gelegene Erdstreifen freizulegen, gingen Cornelia Kajda und Maximilian Frackowiak mit Spaten, Pinsel und Metalldetektor an die Arbeit, um vermeintliche Überreste menschlicher Körper zu suchen.

Nach einigen Stunden wurde die Suche ergebnislos eingestellt. Bis auf Feld- und Mauersteine sowie einige Metallbehälter oder -gefäße wurde nichts entdeckt, das auf die Existenz eines Massengrabes schließen ließ.

Die Mitglieder des Trägervereins KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen in Springhirsch waren sich natürlich nicht sicher, aber die Vermutungen waren auch nicht unbegründet: Es gibt eine Luftaufnahme vom Dezember 1944, aufgenommen von einem britischen Flugzeug aus, die einen hellen Fleck genau an dieser Stelle zeigt. „Erdbewegungen müssen hier stattgefunden haben“, sagt Uwe Czerwonka aus Bordesholm, Vorsitzender des Trägervereins. Außerdem gebe es drei schriftliche Aussagen von ehemaligen Insassen des KZ-Außenlagers Kaltenkirchen, die beobachtet haben wollen, dass ungefähr an dieser Stelle Leichen begraben wurden. Was immer es gewesen sein mag - ein Massengrab existiert an dieser Stelle nicht. Das können die beiden Archäologen bestätigen.

Die groß angelegte Suchaktion, an der auch Florian Putzke von der Kampfmittelräumung Nord GmbH aus Henstedt-Ulzburg als Experte teilnahm, wurde vom Trägerverein initiiert, weil genau an dieser Stelle ein Neubau entstehen soll: Im nächsten Jahr wird eine weitere Ausstellungshalle hinzugefügt, sodass ein symmetrisches Gesamtensemble auf dem Gelände für Informationen und Veranstaltungen zur Verfügung steht. In dem neuen Ausstellungsraum sollen Lager-Informationen über die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg zugänglich gemacht werden, um den Besuchern einen Gesamtüberblick über das KZ-Außenlager zu geben.

Für die Mitglieder des Trägervereins ist das Kapitel der Grabsuche noch längst nicht abgeschlossen. Denn es steht fest: In der Nähe des eigentlichen Lagers gibt es noch unentdeckte Gräber. „Wir haben zehn Verdachtsflächen“, sagt Thomas Saretzki, Betreuer der KZ-Gedenkstätte. Tatsächlich wurden im Außenlager des KZ-Neuengamme von August 1944 bis zur Evakuierung am 16. April 1945 etwa 500 bis 700 Häftlinge zu Tode geschunden.

Etwa 15 bis 20 verstorbene Häftlinge pro Tag, die alle zunächst in einem dafür vorgesehenen Gebäude gelagert und später irgendwo auf dem Gelände begraben wurden. Die KZ-Häftlinge aus den Niederlanden, Frankreich, Polen, der Sowjetunion und aus anderen besetzten Gebieten sollten die Start- und Landebahnen des Militärflugplatzes Kaltenkirchen für ein düsengetriebenes Jagdflugzeug (Strahljäger ME 262) ausbauen. Bisher ist bekannt, dass in einem Massengrab im zwei Kilometer entfernten Moorkaten tote Häftlinge zusammen mit 180 sowjetischen Kriegsgefangenen begraben sind.

Wo aber sind die anderen Toten geblieben? Diese Frage wird die Mitglieder des Trägervereins wahrscheinlich noch einige Jahre beschäftigen. Für die große Suchaktion am Dienstag sind dem Verein nur geringe Kosten entstanden: Die beteiligten Firmen waren kostenlos tätig, der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge übernahm das Honorar für die Archäologen.