Norderstedt
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Der Beat, der die Generationen verbindet

Sie tanzten zwischen den Zuschauerreihen und waren begeistert von den beiden Oldie-Bands: Nadine Suhl, 35, und ihre Mutter Petra Wiegand, 65. Im Hintergrund spielen die Rattles

Foto: Frank Knittermeier / kn

Sie tanzten zwischen den Zuschauerreihen und waren begeistert von den beiden Oldie-Bands: Nadine Suhl, 35, und ihre Mutter Petra Wiegand, 65. Im Hintergrund spielen die Rattles

Songs der Rattles und der Lords sind immer noch gefragt – Besucher im Kulturwerk waren von Deutschen Rocklegenden total begeistert.

Norderstedt.  Herbert Hildebrandt muss eine ganz besondere Brille aufgehabt haben. Von der Bühne aus sah er viele jüngere Konzertbesucher. "Habt ihr einen besonders guten Arzt hier in Norderstedt?", fragte der Rattles-Bassist. "Oder wie kommt das?" Aus der Sicht des 73 Jahre alten Rock-Veteranen mögen die Besucher durchaus jung gewesen sein, aber tatsächlich hatte es eher die älteren Semester in das Konzert der "Deutschen Rocklegenden" in das Kulturwerk gezogen.

Da gibt es nichts zu beschönigen. Die Lords und die Rattles sind Heroen der Vergangenheit. Aber sie sind jung geblieben. Irgendwie. Klar, alle Gründungsmitglieder sind über 70, und auch der Bandnachwuchs schrammt sehr deutlich an dieser Grenze, aber die Musik verbindet die Generationen.

Aber es ist so wie beim Wein: Mit den Jahren wird der gut gelagerte Tropfen immer besser. So ähnlich ist es auch mit diesen beiden Bands, die sich vor 50 Jahren den Ehrentitel "Legenden" hart erspielten. Die technischen Anlagen werden immer anspruchsvoller, die Instrumente werden besser beherrscht, die Stimmbänder sind, gute Pflege vorausgesetzt, widerstandsfähiger. Deshalb ist es auch leicht nachzuvollziehen, dass die Rattles und die Lords heute viel besser klingen als noch vor einigen Jahrzehnten.

Herbert Hildebrandt muss wohl doch einen guten Durchblick gehabt haben: Mindestens zwei Besucherinnen waren tatsächlich wesentlich jünger als der Rest. Nadine Suhl, 35, war aus Bad Soden angereist, um mit ihrer in Hamburg lebenden Mutter Petra Wiegand, 65, ins Konzert zu gehen: Beide verzichteten auf ihre Sitzplätze und tanzten lieber ausgelassen hinter den Reihen. "Klasse Konzert", freute sich Nadine. "Die Bands kenne ich durch meine Mutter."

Meira drückte das Durchschnittsalter mit ihren 16 Jahren ganz erheblich. Sie kennt sich in der Oldie-Szene verblüffend gut aus – kein Wunder: Liane, 70, und Wilfried Schurig, 69, aus Norderstedt nehmen ihre Enkelin häufig mit zu Konzerten. Wilfried Schurig ließ sich von den Rattles eine Jeansjacke signieren, die er vom verstorbenen Star-Club-Maskottchen Pico geschenkt bekommen hatte.

Die Lords stellten im ersten Teil des Doppelkonzerts Titel aus ihrem aktuellen Album vor und bewiesen damit, dass auch reife Musiker noch modernen Rock spielen können. "Wir können ja nicht nur zu Hause sitzen und unser Geld zählen", stellte Ur-Lord Klaus-Peter Lietz, 72, augenzwinkernd fest. "Deshalb haben wir mal was ganz Neues aufgenommen."

Die Songs kamen beim Publikum gut an, aber besser noch wurden die alten Gassenhauer aufgenommen. "Gloryland", "Poor Boy" oder "Shakin' All Over" – da brodelte der voll besetzte Saal. Auch wenn nach dem Tod von Sänger Lord Ulli alles ganz anders klingt. Nicht schlechter übrigens. Überhaupt nicht. Bassist Bernd Zamulo, 69, überraschte mit einer richtig schönen "schwarzen Stimme".

Die Rattles hatten noch mehr Hits zu bieten als die Lords. Viele wurden in einem Medley dargeboten – vom ersten Rattles-Song "Hello" über "Mashed Potatoes" bis "Cauliflower" und "After Tea". Der Welthit "The Witch" wurde voll ausgespielt, "Come On And Sing" erklang zu Beginn und am Ende. Tony Sheridan erwiesen sie mit "My Bonnie" die Ehre, wobei der ganze Saal mitsang. Etwas seltsam mutete hingegen die Idee an, "Delilah" von Tom Jones auf der Bühne zu spielen. Aber auch das funktionierte.

"Wir sind mehr wegen der Lords gekommen", erzählten Gabriele Höhner, 64, und Peter Rosenberger, 58, aus Hamburg. "Aber auch die Rattles haben uns sehr gut gefallen." Petra, 60, und Klaus Christmann, 62, waren zusammen mit ihren Freunden Erika, 61, und Peter Christiansen, 61, aus Henstedt-Ulzburg angereist. Sie haben es nicht bereut: "Wir sind wirklich positiv überrascht, beide Bands haben sich weiterentwickelt."

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