Norderstedt
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Die Bürger resignieren beim Thema Fluglärm

Foto: Patrick Seeger / dpa

Lärmbelastung in Norderstedt und auch Henstedt-Ulzburg ist nach wie vor hoch – doch es gibt kaum Beschwerden von Einwohnern.

Norderstedt.  Früher zählten die Norderstedter zur Speerspitze im Widerstand gegen den Fluglärm. Sie beschwerten sich regelmäßig beim Fluglärmschutzbeauftragten über laute Maschinen über ihren Dächern. Inzwischen sind sie leise geworden, die Bürgerinitiative in den Walddörfern hat sich zu neuen Macht im Kampf gegen den Lärm in der Luft gemausert. Insgesamt gingen im ersten Quartal nur 19 Beschwerden aus dem gesamten Kreis Segeberg bei der Fluglärmschutzbehörde ein, vier weniger als im Vergleichszeitraum des Vorjahres.

Auch in Henstedt-Rhen ist der Fluglärm für viele Bewohner allgegenwärtig. Pünktlich um 6.10 Uhr donnern die ersten Flugzeuge über die Häuser, gegen 22 Uhr die letzten. Das hat zu massiven Beschwerden geführt, aber ändern wird sich daran in absehbarer Zukunft nichts: Eine mobile Fluglärmmessung im Friedrich-Hebbel-Ring von September 2015 bis Februar 2016 hat ergeben, dass die Rhener zwar von Fluglärm belastet sind, diesen aber aushalten müssen. Lärmschutzmaßnahmen werden vom Flughafen nicht finanziert, Änderungen von Flugrouten sind nicht im Gespräch.

In Norderstedt habe sich Resignation breitgemacht, hat Hans Schwarz, Chef der Norderstedter Interessengemeinschaft für Fluglärmschutz (NIG), festgestellt. „Die Garstedter sprechen mich zwar an und erzählen von dem Donnerbock, der sie nachts aus dem Schlaf gerissen hat. Aber wenn ich sie auffordere, sich bei der Fluglärmschutzbeauftragten zu beschweren, zucken sie nur mit den Schultern und sagen, das bringe ja doch nichts.“ Ähnlich sieht das Reimer Rathje von der WiN, die sich intensiv bemüht, den Fluglärm zu reduzieren: „Wenn ich bei der Beschwerdestelle anrufe und frage, warum die Piloten über die Norderstedter Bahn starten, obwohl Seitenwind herrscht und sie eigentlich Richtung Niendorf abheben müssten, heißt es nur: Sie kennen ja die Bahnbenutzungsregelen.“ Und die schreiben knallhart vor: Die Maschinen sollen möglichst über dem Gebiet mit der geringsten Besiedlung starten und landen – also über Norderstedt, Hasloh und Quickborn.

Schallschutzfenster erst ab 65 Dezibel

Nach wie vor erfolgen 45 Prozent der Starts und Landungen über Norderstedt hinweg, 5734 waren es im März, 46 weniger als im Vorjahresmonat. 2766-mal starteten und landeten die Flugzeuge über Niendorf, ein Zuwachs von neun Prozent, den der Flughafen mit der Wetterlage erklärt. 30 Prozent des Flugverkehrs wird über den Hamburger Nordosten abgewickelt, nur ein Prozent über die Hamburger Innenstadt.

Nach den vielen heftigen Beschwerden der Rhener und vergeblichen Bemühungen der Gemeinde, in die Fluglärmschutzkommission aufgenommen zu werden, wollte es die Verwaltung genau wissen: Auf Betreiben von Elisabeth von Bressensdorf, der stellvertretenden Bürgermeisterin, stellte der Zentralbereich Umwelt des Flughafens ein mobiles Messgerät auf. Denn tatsächlich befindet sich der Ortsteil Rhen „im Fadenkreuz vieler Flugrouten in unterschiedlicher Höhe“, wie Wolfgang Schümann als Umweltvertreter des Flughafens während der Sitzung des Umwelt- und Planungsausschusses feststellte. Das Ergebnis der Auswertung: Zwischen 59 und 69 Dezibel liegen die Lärmwerte bei landenden Flugzeugen, höchstens 61,7 Dezibel wurden bei Landeanflügen gemessen. Bei Bewertung aller Fakten ergibt sich nach Angaben von Wolfgang Schümann ein äquivalenter Dauerschallpegel von 45 Dezibel – zu wenig für Lärmschutzmaßnahmen. Schallschutzfenster und Lüfter gibt es erst bei einem Dauerschaltpegel von 65 Dezibel am Tag, nachts sind 55 Dezibel erforderlich. Oder mindestens sechs Überflüge pro Nacht mit 72 Dezibel.

Lärmbelastung am Ohlenhoff am stärksten

Weitere Voraussetzung ist, dass die Antragsteller in einer der Lärmschutzzonen wohnen. Das trifft für Henstedt-Ulzburg nicht zu. Wolfgang Schümann drückte sich diplomatisch aus: „Wir alle müssen unser Päckchen tragen“, sagte er. „Schließlich wären viele Rhener in Langenhorn oder Stellingen viel unglücklicher.“ Nach seinen Angaben ist es in Norderstedt-Harkshörn und in Quickborn-Heide ähnlich laut wie in Henstedt-Rhen.

In Norderstedt gibt es drei feste Messstellen. An der Grundschule Harkshörn hat der Fluglärm im März einen Dauerschallpegel von 41,7 Dezibel verursacht, am alten Garstedter Rathaus an der Ochsenzoller Straße lag der Wert im vorigen Monat bei genau 50 Dezibel. Am stärksten ist schon seit Jahren die Lärmbelastung am Ohlenhoff, dort müssen die Anwohner mit einer durchschnittlichen Lärmbelastung von 59,5 Dezibel leben, allerdings haben auch sieben Maschinen die Messstelle überflogen und Krach zwischen 84 und 89 Dezibel verursacht – das entspricht in etwa dem Lärm, den ein Dieselmotor in zehn Metern Entfernung erzeugt. In Quickborn an der Goethe-Schule lag der Dauerschallpegel im März bei 53,7 Dezibel, in Quickborn-Heide bei 46,2 Dezibel.

„Das sind ernüchternde Aussagen, aber wir sind froh, dass wir jetzt klare Zahlen auf dem Tisch haben“, sagte Henstedt-Ulzburgs Bürgermeister Stefan Bauer. Trotz aller „Tragik“ sieht der Verwaltungschef keinen Handlungsbedarf. Die Werte machten deutlich, dass diese Lärmbelastung von der Gesellschaft hingenommen werden müsse.

Schümann machte den belastenden Rhenern allerdings auch etwas Hoffnung, weil moderne Flugzeuge immer weniger Lärm verursachen. „Es wird im Laufe der Jahre leiser.“