Norderstedt
Kritik

In Norderstedt parken, in Hamburg abheben

Parken verboten: WiN-Fraktionschef Reimer Rathje auf den potenziellen Parkplätzen für den Flughafen Hamburg neben den Nordport-Towern

Foto: Andreas Burgmayer / HA

Parken verboten: WiN-Fraktionschef Reimer Rathje auf den potenziellen Parkplätzen für den Flughafen Hamburg neben den Nordport-Towern

Wählergemeinschaft Wir in Norderstedt, WiN, kritisiert, dass die Stadt in der Sommersaison Parkflächen an den Flughafen vermietet.

Norderstedt.  Reimer Rathje ist auf der Zinne. Und er wählt die Worte seiner Kritik bewusst deftig. Der Fraktionschef der Wählerinitiative Wir in Norderstedt (WiN) spricht von einer Schande für die Stadt, von einer Verwaltung und ihrer Entwicklungsgesellschaft (EgNo), die den Tausenden vom Fluglärm geplagten Bürgern der Stadt in den Rücken fallen und davon, wie die Stadt Norderstedt Bürgerinteressen gegen Geld verkaufe. "Und zwar für Peanuts, Beträge, die im Haushalt keine Rolle spielen."

Rathje steht neben den drei Nordport-Towern, genau auf der Fläche, die Auslöser für seinen Furor sind. Um und bei 15.000 Quadratmeter Brache entlang des Hochsicherheitszaunes zum Flughafengelände, unbebautes Land im Besitz der Stadt, von der EgNo als städtische Liegenschaft verwaltet, bis sich ein Investor findet, der was realisieren möchte. Und so lange sorgt die EgNo dafür, dass das Brachland zumindest für Kleinvieh offen steht, dass auch ein wenig Mist produziert.

"Der Stadt ist das Thema Fluglärmschutz egal"

Im Fall der Flächen an den Nordport-Towers sind der Flughafen Hamburg und die EgNo seit 2009 handelseinig. Jahr für Jahr lotst der Hamburger Flughafen zur Hochsaison die Horden von Pauschaltouristen des Nordens auf die Norderstedter Brachflächen zum Parken. Mit dem Shuttle geht es von hier zum Abflugterminal.

"Aberwitzig ist das", sagt Rathje. Und alles andere als eine Petitesse. Zumindest nicht, wenn man politisches Feingefühl an den Tag lege, sagt Rathje. "Tausende Bürger dieser Stadt leiden unter den startenden und landenden Flugzeugen auf dem Flughafen Fuhlsbüttel. Im Sommer müssen wir in Norderstedt 80 Prozent aller Starts ertragen, plus die Landungen."

Und dann gehen Stadt und EgNo seit Jahren hin und vermieten auch noch Parkplätze an den Flughafen, damit diese verkehrstechnische Ungerechtigkeit reibungslos möglich werde. "Darüber gibt es in dieser Stadt keine politische Diskussion. Ein Armutszeugnis für die Kommunalpolitik. Auch im Aufsichtsrat der EgNo wird darüber nicht öffentlich diskutiert. EgNo-Chef Marc-Mario Bertermann und Oberbürgermeister Hans-Joachim Grote ignorieren meine Bedenken. Das zeigt,wie egal dieser Stadt das Thema Fluglärmschutz ist und die Bürger, die unter dem Fluglärm leiden."

Im Hauptausschuss am Montag, 11. April, hat Rathje beantragt, dass die Stadt künftig keine Parkflächen mehr an den Flughafen vermieten soll. "Wenn der Flughafen keine ausreichenden Kapazitäten für seine Fluggäste hat, dann sind diese Probleme hausgemacht", sagt Rathje. Der Flughafen habe seine Parkflächen am Weg beim Jäger mit einem lukrativen Cargo Center bebaut. "Die machen Profit und lagern den Parkdruck nach Norderstedt aus. Das kann es nicht sein." Wenn überhaupt, so hätte Norderstedt diesen Deal nur mit Forderungen machen dürfen. "Zum Beispiel Zugeständnissen bei den Starts im Sommer." In diesem Jahr sind die Verträge zwischen EgNo und dem Flughafen Hamburg schon in trockenen Tüchern. "An wen wir unsere Flächen verpachten und an wen nicht – das ist eine politische Diskussion, an der wir uns nicht beteiligen", sagt EgNo-Sprecher Keno Kramer.

Die EgNo vermarkte im Auftrag der Stadt etwa 300 Flurstücke in der Größe zwischen einem und bis zu 10.000 Quadratmetern Fläche. Auf 70 dieser Flächen bestünden Pachtverträge mit insgesamt zehn Pächtern. "Hauptsächlich Landwirte, die die Flächen bestellen. Aber eben auch der Flughafen Hamburg."

Grundsätzlich sei es das Ziel der EgNo, mit der temporären Pacht Einnahmen für die Stadt zu erzielen. "Das ist betriebswirtschaftlich sinnvoll", sagt Kramer. Die Intension bei der Vermietung der Parkflächen an den Flughafen sei es gewesen, das Umland und auch die dem Flughafen benachbarten Wohngebiete zu entlasten. "Es war ja über Jahre bekannt, was passiert, wenn im Sommer die Dänen kamen", sagt Kramer. Sie parkten Norderstedter Straßen zu und fuhren mit dem Taxi zum Flughafen. In den Ohren von Reimer Rathje klingt das wie Hohn. Die Parkplätze sind also eine Entlastung für die Bürger der Stadt? Es klingt schon ein wenig resigniert, wenn Rathje sagt: "Keiner interessiert sich in dieser Stadt wirklich für den Fluglärmschutz." Außer der WiN natürlich. Für die Fraktion ist Fluglärm das Kernthema, der Grund für das politische Engagement. Rathje: "Wenn wir bei der nächsten Kommunalwahl nicht mehr sechs, sondern zehn Abgeordnete haben, dann wird das Geheul der anderen Parteien groß sein!" Das wiederum klingt eher kämpferisch.

Flughafensprecherin weist die Vorwürfe zurück

"Jeder hat bei diesem Thema eben seine Interessen", sagt die Flughafen-Sprecherin Stefanie Harder. "Aber Herr Rathje kann uns noch so viele Parkplätze wegnehmen – deswegen startet und landet kein Flugzeug weniger über dem Norderstedter Himmel." Natürlich brauche der Flughafen die etwa 500 Stellplätze in Norderstedt dringend. "Wir schauen uns für die Hochsaison auch nach anderen Standorten um, und wir mieten Parkhäuser an." Irgendwelche Deals nach dem Muster Parkplätze gegen weniger Starts – so etwas sei doch gar nicht möglich. "Und das weiß auch Herr Rathje. Das ist ein politisches Thema. Sein Ansprechpartner dafür ist der Senat der Hansestadt Hamburg." Der Flughafen habe keine Macht über die Belegung der Start- und Landebahnen, das regele die Flugsicherung, auch auf Basis der politischen Beschlüsse der Vergangenheit. "Und was das Cargo Center angeht: Diese Parkplätze haben wir durch den Ausbau des Parkhauses ersetzt", sagt Harder.

Die öffentliche Sitzung des Hauptausschusses beginnt am Montag, 11. April, um 18.15 Uhr im
Sitzungsraum 2 des Rathauses. Weitere Themen der Sitzung sind die Norderstedter Kriminal- und die Verkehrsstatistik 2015.

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