Verkehr

Das tägliche Chaos vor Norderstedts Schulen

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Michael Schick
Kurz vor Unterrichtsbeginn drängeln sich die Elterntaxis vor der Willy-Brandt-Schule und der Grundschule am Lütjenmoor. Durch die unübersichtliche Situation steigt die Unfallgefahr

Kurz vor Unterrichtsbeginn drängeln sich die Elterntaxis vor der Willy-Brandt-Schule und der Grundschule am Lütjenmoor. Durch die unübersichtliche Situation steigt die Unfallgefahr

Foto: Michael Schick

Immer mehr Eltern bringen ihre Kinder mit dem Auto zur Schule. Unfallgefahr wächst. Polizei hat kaum Möglichkeiten, dagegen vorzugehen.

Norderstedt.  Mitten auf der Straße stoppt ein dunkelblauer Ford Galaxy. Die Beifahrertür öffnet sich, und ein Junge mit Schulranzen steigt aus, läuft an den Autos vorbei, die am Straßenrand abgestellt sind, zur Schule. Am Steuer sitzt der Vater, dahinter und davor stauen sich die Fahrzeuge, die Fahrer drücken auf die Hupe – das tägliche Chaos nimmt seinen Lauf. In der Zeit zwischen 7.30 und 7.50 Uhr geht vor der Gemeinschafts- und der Grundschule am Lütjenmoor in Norderstedt so gut wie nichts mehr. Das ist die Zeit, in der die Väter und Mütter ihre Kinder vor den beiden Norderstedter Schulen absetzen. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch vor den meisten anderen der zwölf Norderstedter Grundschulen.

„Wenn die Straße verstopft ist und riskante Wendemanöver gefahren werden, steigt das Unfallrisiko“, sagt Kai Hädicke-Schories, Sprecher der Norderstedter Polizei, die das Verkehrschaos morgens und mittags vor den Schulen seit Jahren im Blick hat und eingreift, wenn die Chauffeure gegen Regeln verstoßen. „Der Trend zur ,Schule McDrive’ nimmt zu, immer mehr Eltern kutschieren ihre Kinder im Auto zum Unterricht“, sagt der Polizeisprecher. Am liebsten würde so mancher Vater und so manche Mutter seinen Nachwuchs offenbar bis direkt vor die Tafel in den Klassenraum fahren. Als Ursachen für die wachsende elterliche Fahrbereitschaft vermutet Hädicke-Schories vor allem, dass zunehmend beide Eltern berufstätig sind. Dadurch entstehe Zeitdruck, und wenn zu Hause die Wecker zu spät klingeln oder die Kinder trödeln, bleibe keine Zeit mehr, um die Strecke zur Schule zu Fuß oder mit dem Rad zurückzulegen. „Wenn es schon das Auto sein muss, wäre es wünschenswert, dass die Eltern wenigstens nicht direkt vor dem Schulgebäude halten und in zweiter oder dritter Reihe stoppen, sondern ein paar Meter weiterfahren, um ihr Kind in der nächsten Stichstraße rauszulassen“, sagt Hädicke-Schories.

Schulwegpläne wurden ausgearbeitet

Er und seine Kollegen sind vor den Grundschulen regelmäßig im Einsatz, um die Schüler und Eltern auf Gefahrenquellen hinzuweisen und bei Verstößen einzuschreiten. Die Kontrollen gehören zum Programm der Arbeitsgruppe Schulwegsicherung – Polizei und Mitarbeiter der Stadtverwaltung haben für jede Norderstedter Grundschule einen Schulwegeplan erarbeitet, der die neuralgischen Punkte benennt und den Schülern sichere Wege zeigt. Diese Pläne werden regelmäßig aktualisiert.

Wie der Morgen vor den beiden Schulen am Lütjenmoor gezeigt hat, bleiben den Beamten nur wenige Möglichkeiten, gegen die Elterntaxis vorzugehen. „Kurz stoppen und die Kinder rauslassen, ist im eingeschränkten Halteverbot erlaubt“, sagt Hädicke-Schories. Zu schnell ist auch niemand, dafür ist die Straße zu verstopft.

Insgesamt zeichnet der Kontrollbericht des letzten Quartals allerdings ein anderes Bild: Gut 400 Maßnahmen haben die Polizisten ergriffen, um die Sicherheit rund um die Grundschulen in der Stadt zu erhöhen. Das Spektrum reicht von Mängeln an Fahrzeugen und Rädern über erzieherische Gespräche mit jüngeren Schülern und Berichte zur Verkehrssituation an Behörden und Schulleitungen bis hin zu Strafanzeigen, Buß- und Verwarngeld.

„Leider müssen wir immer wieder feststellen, dass Autofahrer Rotlicht und Stopp-Schilder missachten“, sagt Hädicke-Schories. An Ein- und Ausfahrten und an Einmündungen sei die Unfallgefahr besonders groß.

„Ich fahre immer sehr langsam vom Lehrerparkplatz, weil die Radfahrer zum Teil mit hohem Tempo auf dem Radweg unterwegs und oft spät zu sehen sind“, sagt Angelika Aust, Leiterin der Grundschule Lütjenmoor. Sie kennt das Verkehrschaos vor ihrer Schule, das sich bei schlechtem Wetter noch ausweite. Die Lehrer sprechen die Eltern regelmäßig darauf an, bitten sie, nicht direkt vor dem Schulgebäude zu halten, sondern weiterzufahren bis zur nächsten Fußgängerampel oder auf das Auto zu verzichten.

Tempo-30-Zonen sollen erleichtert werden

„Bei uns hat eine Projektarbeit zu einem kurzzeitigen Erfolg geführt“, sagt Barbara Schirrmacher, Leiterin der Gemeinschaftsschule Harksheide, die sich den Standort mit der Grundschule teilt und, wie der Standort am Lütjenmoor, zu den neuralgischen Verkehrspunkten vor den Norderstedter Grundschulen gehört. Beim Projekt haben Schüler ihre Mitschüler befragt, wie oft und wann sie mit dem Auto zur Schule gebracht werden. Die Nachfrage hat Schüler wie Eltern zumindest kurzfristig sensibilisiert, die Schulleiterin stellte jedenfalls einen vorübergehenden Rückgang der Elterntaxis fest.

Ein Kids-and-Ride-Platz – das könnte sich Angelika Aust vorstellen, um die Situation am Lütjenmoor zu entschärfen. Alternativ könnte die Straße Lütjenmoor zur Einbahnstraße umfunktioniert werden. Beide Ideen will sie weiterverfolgen und in der Arbeitsgruppe Schulwegsicherung vortragen.

Die Sicherheit könnte auch durch einen Vorschlag von Verkehrsminister Alexander Dobrindt steigen: Städte und Gemeinden sollen Tempo-30-Zonen ausweisen können, ohne dass es sich um einen Unfallschwerpunkt handelt. „Wenn die Initiative Gesetz wird, würden wir in jedem Einzelfall prüfen, ob eine solche Regelung Sinn macht“, sagte Verkehrsdezernent Thomas Bosse.

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