Norderstedt
Betreuung

Immer mehr Männer in Norderstedts Kitas

Kevin Corleis (links) und Michael Wielage arbeiten als Erzieher in der Kita Vicelin in Norderstedt

Kevin Corleis (links) und Michael Wielage arbeiten als Erzieher in der Kita Vicelin in Norderstedt

Foto: Helge Buttkereit

Wissenschaftler fordern das seit langem. Nun steigt der Anteil der Erzieher auch in Norderstedt. Das Abendblatt hat einige besucht.

Norderstedt.  Es ist schon ein wenig kurios. Als Michael Wielage nach der Schule Erzieher werden wollte, rieten ihm die Eltern ab. Das sei ein Frauenberuf, er solle lieber etwas Richtiges lernen. Wielage lernte Gas- und Wasserinstallateur, arbeitete lange Jahre als Klempner und hatte zum Schluss überhaupt keine Lust mehr. Jetzt befindet sich der 29-Jährige in der berufsbegleitenden Ausbildung zum Erzieher.

Bei Kevin Corleis hingegen war es fast genau umgekehrt. Als seine Zeit bei der Bundeswehr sich dem Ende zuneigte und er sich für den Beruf des Erziehers entschied, freute sich sein Vater sehr. Der Vater, selber Handwerker, wollte, dass sein heute 37-jähriger Sohn etwas Anständiges wird. Bloß kein Handwerker. So wurden aus Wielage und Corleis Kollegen in der evangelischen Kindertagesstätte Vicelin in Norderstedt.

Auch wenn Männer in den Kitas immer noch in der Minderheit sind, steigt ihr Anteil. Das zeigt nicht nur die Kita Vicelin. In Schleswig-Holstein hat sich beispielsweise die Zahl der männlichen Erzieher in Kitas zwischen 2007 und 2014 verdoppelt. Da insgesamt mehr Personal eingestellt wurde, ist der Anteil der Männer im Land von 4,4 auf 5,7 Prozent gestiegen, im Kreis Segeberg von 4,1 auf 7,7 Prozent. In den städtischen Kitas Norderstedts sind es sogar 12,5 Prozent. Allerdings ist auch dieser Wert noch recht weit entfernt von den 20 Prozent, die die Europäische Union als Ziel ausgegeben hat. „Aus pädagogischer Sicht ist es wichtig, dass mehr Männer in den Kitas arbeiten. Jungs zum Beispiel lernen eine andere Rolle des Mannes, der sich mit ihnen hinsetzt, bastelt oder Geschichten erzählt“, sagt Thomas Kasubke, Leiter der städtischen Kita Storchengang in Norderstedt-Mitte. „Außerdem haben sie ein Vorbild, an dem sich ihre männliche Identität entwickeln kann.“ Bei den Eltern in seiner Kita komme es sehr gut an, dass sich neben ihm noch drei Erzieher um die Kinder kümmern. „Es gibt keine Berührungsängste.“

Männer in der Kita für Kinder wichtig

Das merken auch Michael Wielage, Kevin Corleis und ihr Kollege Florian Schuck in der Kita Vicelin. Sie sind gleichwohl nur ein kleiner Teil eines von Frauen dominierten Teams. Schuck stellt dennoch heraus: „Wir wollen keine Exoten mehr sein.“ Für ihn und seine Kollegen kommt es darauf an, für die Kinder da zu sein, sie bei ihrer Entwicklung begleiten und zu unterstützen. „Ich möchte den Kindern etwas mitgeben, ihre natürliche Neugier unterstützen und ihnen etwas geben, was sie interessiert.“

Dass ihn sein neuer Beruf in die Kita führen würde, hat Kevin Corleis zunächst nicht geahnt. Er wollte nach der Ausbildung ursprünglich in einer Wohngruppe oder ihm Jugendheim arbeiten. Jetzt in der Kita mache ihm die Arbeit viel Spaß. „Es ist spannend, wie die Kinder sich entwickeln. Ich bin ein großer Teil davon und gehöre dazu.“ In seinen Augen gibt es wenige Unterschiede zu den weiblichen Kollegen. Für manche Kinder sei er, für manche eine seiner Kolleginnen die wichtigste Bezugsperson. Das ergebe sich aus dem Alltag. Das sehen auch seine Kollegen so.

Für Kevin Corleis kommt es vielmehr auf den Typ, nicht auf das Geschlecht des Erziehers an. „Wenn ich mich im Bewegungsraum auf die Matte lege und die Kinder auf mir herumtoben lasse, dann kommen die, weil ich es zulasse“, sagt er. Würde das eine Kollegin tun, kämen sie auch, wenngleich er zugibt, dass eher die Männer als „Tobe-Kumpel“ fungieren. Das sieht auch der ehemalige Klempner Michael Wielage so, den seine frühere Arbeit manchmal einholt. Seine handwerklichen Fähigkeiten sind zuweilen gefragt: „Wenn ich Sachen sehe, die gut mal eben gemacht werden können, dann mache ich das. Dann müssen wir keinen Handwerker holen.“

Erzieher fordern eine bessere Bezahlung

Da der Job viel Spaß mache, denke er auch nicht darüber nach, was er als Klempner mehr verdienen könnte, sagt Wielage. Sein Kollege Schuck gibt allerdings zu bedenken: „Die Verhältnisse beim Gehalt stimmen nicht. Meine Frau arbeitet auch voll und wir haben keine Kinder.“ Da reiche es aus. „Für Alleinerziehende sieht es aber eng aus mit dem Gehalt.“ Wie seine Kollegen möchte aber auch er sich von der immer noch bescheidenden Bezahlung eines Erziehers in der Kita nicht den Spaß an der Arbeit verderben lassen.

Nach den Streiks des vergangenen Jahres sei die Bezahlung etwas besser geworden, sagt Thomas Kasubke von der Kita Storchengang. „Aber damit alleine eine Familie zu ernähren, ist relativ schwierig.“ Es komme für die Zukunft darauf an, den Beruf weiter aufzuwerten. Da passiere schon einiges, und die Sicherheit der Anstellung im öffentlichen Dienst – oder wie bei der Kita Vicelin in der Kirche – sei wichtig, aber genüge nicht. Derzeit sei die Jugendarbeit beispielsweise durch die Schichtzulagen für viele seiner Kollegen attraktiver.