Norderstedt
Kreis Segeberg

Den Bäumen geht es besser als erwartet

Foto: Andreas Burgmayer / HA

Zu dem Ergebnis kommt der Waldzustandsbericht 2015. Dennoch sorgen die Schadstoffe der letzten Jahrzehnte für lichtere Baumkronen.

Kreis Segeberg.  Die gute Nachricht ist: Dem Wald geht es besser. Besser zumindest als wir es in den 80er-Jahren befürchtet haben. Das Waldsterben galt damals als bedrohlicher Fakt, Bilder von kahlrasierten Berghängen mit wenigen verdorrten Baumstubben auf der Schwäbischen Alb brannten sich ins kollektive Gedächtnis ein.

Das Thema Waldsterben ist gestorben. Der aktuelle Waldzustandsbericht des Landes Schleswig-Holstein, der alljährlich von der Förstlichen Versuchsanstalt Göttingen erstellt wird, spricht von einem stabilen Zustand der Bäume im Land. Elf Prozent der Fläche Schleswig-Holsteins sind von Bäumen besetzt, im Kreis Segeberg sind es 15,1 Prozent. Im Vergleich zu anderen Bundesländern ist das Land zwischen den Meeren also waldarm.

Weniger saurer Regen – aber die Schadstoffe sind im Boden gespeichert

Wer wissen will, wie gut oder schlecht es einem Baum geht, blickt in die Krone. Je lichter das Laub oder die Nadelpracht, desto bedenklicher der Zustand. Verloren die Bäume im Jahr 2004 im Schnitt noch fast ein Viertel der Nadeln und Blätter, waren es 2015 nur noch 16 Prozent. Das entspricht dem Niveau der Vorjahre seit 2012.

Bäume, die 60 Jahre oder länger im Wald stehen, sind deutlich stärker angegriffen als junge Exemplare. Die Alten haben mit 21 Prozent eine mehr als doppelt so hohe Kronenverlichtung wie die Jungen (neun Prozent). Kaum verwunderlich: Schließlich haben die Alten ja auch deutlich mehr Schadstoffe abbekommen als ihre Nachfahren in der Neuzeit. Die Göttinger Forscher betreiben in Bornhöved im Kreis Segeberg die einzigen beiden Messstationen des Landes. Die Ergebnisse dort belegen, dass der sogenannte saure Regen heute nicht mehr das Problem ist. Seit 1989 ist der Säureeintrag um 80 Prozent zurückgegangen. So gut sich diese Statistik auch anhört – der Wald kämpft trotzdem gegen massive Umwelteinflüsse. „Was wir dem Wald über Jahrhunderte angetan haben, kann man nicht in ein paar Jahrzehnten wiedergutmachen“, sagt Hans-Jürgen Sturies. Er leitet die Forstabteilung der schleswig-holsteinischen Landwirtschaftskammer in Bad Segeberg. Jede Woche ist er im Forst unterwegs. Deswegen weiß er auch genau, was zwischen Buchen, Fichten und Douglasien los ist. „Selbst wenn wir jetzt null Prozent an neuem Schadstoffeintrag hätten: Der Wald ist ein Filter, er speichert den Stickstoff im Boden. Und es bräuchte Jahrzehnte, um ihn da wieder heraus zu bekommen.“ Zwar könne der Mensch mit dem Kalken der Böden nachhelfen. „Aber selbst wenn sie drei Tonnen Kalk pro Hektar ausbringen, tangiert das den PH-Wert der Böden nur marginal. Noch dazu schädigen sie damit viele Bodenlebewesen.“

Die Kiefer bleibt standhaft, die Esche wird vom Pilz dahingerafft

Mit den Lebensbedingungen kommen die Baumarten in den Wäldern des Kreises unterschiedlich gut zurecht. Die Laubbaumarten Buche und Eiche verlieren laut Waldbericht 2015 immer mehr Blätter, bei der älteren Buche liegt die Kronenverlichtung durchschnittlich bei 23 Prozent. Bei den Eichen kommt neben der Schadstoffbelastung die Einwirkung durch blattfressende Schmetterlings-Raupen hinzu. Im Mittel haben Eichen 2015 bis zu 24 Prozent ihrer Krone verloren, durch Insektenfraß wurden ein Prozent der älteren Eichen zum Teil stark geschädigt. Bei den Nadelbäumen ist die Fichte mit einer Kronenverlichtung um 23 Prozent nicht so schlimm dran, wie noch 2006 (37 Prozent). Der vermeintlich härteste, weil widerstandsfähigste Baum im Wald ist die Kiefer: Trotz aller schädlichen Einflüsse wurde sie in der Krone nur um 15 Prozent lichter.

Das absolute Sorgenkind im Kreis Segeberg ist derzeit die Esche, sagt Hans-Jürgen Sturies. „Ein Pilz ist aus Osteuropa eingewandert. Wir beobachten ein verstärktes Eschentriebsterben.“ Die Bäume im Kreis Segeberg haben keinen Schutzmechanismus gegen den Pilz. Sturies: „Wir laufen Gefahr, alle Eschen zu verlieren. Wir können nichts dagegen tun. Außer zu hoffen, dass die Eschen das irgendwie überstehen.“

Hans-Jürgen Sturies und sein Fachbereich Forstwirtschaft betreuen und beraten die etwa 10.000 Waldbesitzer und 9000 Forstbetriebe des Landes. 100.000 Hektar oder zwei Drittel des Waldes im Land werden von ihnen bewirtschaftet. In einem Privatwald bei Bad Bramstedt verdeutlich Sturies das Konzept der Forstwirtschaft im Kreis. Der ehemals als Nadelbaum-Monokultur angelegte Forst wird durch Buchen- und Eichen-Aufforstungen durchmischt. Abgestorbene Bäume bleiben dabei als wichtige Rückzugsorte für das Wald-Ökosystem erhalten. Wirtschaftlich wird auf die Verwertung der Fichten gesetzt.