Norderstedt
Eekholt/Winsen

Seeadler stirbt an einer Überdosis Zink

Foto: Wolf v. Schenck / HA

Tagelang wurde in Eekholt und Winsen um das Leben des Tieres gekämpft. Der Greifvogel hat vermutlich einen Giftköder gefressen.

Eekholt/Winsen.  Viele Tausend Besucher waren zwischen den Jahren zu Gast im Wildpark Eekholt. Was keiner von ihnen wusste: Hinter den Kulissen spielte sich im Pflegebereich ein Drama ab. Rund um die Uhr wurde um das Leben eines jungen Seeadlers gerungen, zeitweise gab es sogar Hoffnung. Am ersten Weihnachtstag verlor der Greifvogel jedoch den Kampf, er verendete an einer Zinkvergiftung. Die Hintergründe hierzu hat der Wildpark jetzt öffentlich gemacht.

Demnach fanden Passanten das flugunfähige Tier bereits am 18. Dezember in Fiel bei Nordhastedt (Kreis Dithmarschen). Wie in Schleswig-Holstein üblich, wurde der Adler auf schnellstem Wege von Helfern der Projektgruppe Seeadlerschutz in die Gemeinde Winsen nahe Kaltenkirchen gebracht. Dort betreibt die Wildtierärztin Elvira von Schenck das Freie Institut für Wildtierschutz, das ein gemeinnütziger Verein ist. Das Institut ist für die Erstversorgung ausgerüstet.

„Der Adler zeigte alle Anzeichen einer schweren Vergiftung. Laboruntersuchungen ergaben, dass im Blut eine toxische Zinkkonzentration vorlag, die den Grenzwert um mehr als 280 Prozent überschritt“, so die Veterinärin. Von Winsen fuhr sie das stark geschwächte Tier nach Eekholt in die dortige Vogelpflegestation. Alle zwölf Stunden wurden Antibiotika und Infusionen verabreicht. Über Weihnachten setzten sie und ihr Ehemann Wolf von Schenck, Geschäftsführer des Wildparks, die Behandlung wiederum in Winsen fort. „Das Zink verursachte Lähmungen im Magen-Darm-Trakt. Das war das Hauptproblem. Den Kreislauf konnten wir stabilisieren, aber der Adler ist dann an einem Stoffwechselzusammenbruch gestorben.“

Der majestätische Greifvogel – der größte in Europa vorkommende – wurde gerade einmal zwischen acht und neun Monate alt. Dies konnte relativ exakt bestimmt werden, da der Seeadler am 26. Mai in Norderstapel (Kreis Schleswig-Flensburg) beringt worden war. „In freier Wildbahn werden die Adler bis zu 30 Jahre, in Gefangenschaft sogar bis zu 40 Jahre alt“, sagt Elvira Schenck.

Der frühe Tod hat definitiv keine natürliche Ursache. Das nachgewiesene Zinkphosphid ist in Wühlmausgift enthalten – dieses kann frei in Baumärkten oder im Internet erworben werden, es wird gerade in der Landwirtschaft häufig verwendet. Theoretisch könnte jedoch auch jeder Privathaushalt das Gift im Garten verteilen.

„Es ist das erste Mal, dass wir hier einen Adler mit einer Zinkvergiftung hatten“, so von Schenck. „Wir wissen nur nicht, ob es gezielt gegen den Adler ging oder ob der Köder ein anderes Tier vergiften sollte.“ Letzteres ist wahrscheinlich. So könnte zunächst eine Maus den Giftköder gefressen haben, ehe sie zur Beute des Adlers wurde. Eine toxikologische Untersuchung könnte hier Klarheit bringen, sie ist noch nicht abgeschlossen.

Elvira von Schenck fordert, den Einsatz von Zinkphosphid zu verbieten

Von Schenck geht es aber auch um das grundsätzliche Problem. „In der Gesellschaft muss ein Umdenken stattfinden. Es muss Schluss damit sein, Gift in der Landschaft zu verbreiten. Diese hochtoxischen Substanzen sind unkontrollierbar und auch für Haustiere und Menschen gefährlich.“

Eigentlich müssen Köder mit Zinkphosphid unterirdisch ausgelegt werden. „Ein Landwirt muss die Gänge der Mäuse identifizieren, die Köder tief per Hand ausbringen. Das ist sehr zeitaufwendig“, sagt die Tierärztin. Nach Herstellerangaben kann es bis zu vier Stunden dauern, bis das Gift zum Tod führt. „In der Zeit kann eine Maus auch von einem Greifvogel verspeist werden.“ Oder von einem Fuchs, einem Marder, einer Eule. Nach einer gewissen Zeit wird aus dem Zinkphosphid Phosphorwasserstoff, dann wäre es ungefährlich für die Umwelt – aber eben nur, sofern ein Nagetier nicht bereits von einem größeren Räuber erbeutet wurde.

Das Thema ist heikel, das weiß auch der Bauernverband Schleswig-Holstein. Michael Müller-Ruchholtz ist stellvertretender Generalsekretär und Leiter der Umweltabteilung. „Ein Landwirt darf Köder auslegen, wenn er sachkundig ist. Alle drei Jahre gibt es Auffrischungsschulungen, früher hatte man das noch mit der Ausbildung erworben.“ Wer Futter oder Lebensmittel herstellt, ist hierzu sogar per Gesetz verpflichtet. „Der Lebensmittelschutz steht im Vordergrund.“ Denn das Landesamt für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume führt regelmäßige Kontrollen durch, ob die Schadnager-Bekämpfung beispielsweise in Getreidespeichern sachgemäß stattfindet. Köder mit Zinkphosphid sind legal, die Verantwortung hierfür liegt beim Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit. „Jeder Anwender muss sich an die Auflagen halten. Die Köder müssen in den Mäusegängen ausgebracht werden“, so Müller-Ruchholtz. „Dann sollten Kettenreaktionen wie mit dem Adler nicht passieren.“

Elvira von Schenck kennt die Argumentation. Absurd sei es trotzdem: „Hier wird ein Adler getötet, der die Mäuse doch frisst. Das ist traurig anzusehen.“ Seit 15 Jahren behandelt sie Adler, ein Viertel der Patienten leidet an Vergiftungen. „Früher war oft Blei die Ursache. Das hat sich geändert, seitdem bleihaltige Munition verboten worden ist.“

Windräder sind weiterhin die Haupttodesursache für Seeadler

In Schleswig-Holstein hat es 2015 zahlreiche Fälle gegeben, bei denen streng geschützte Seeadler ums Leben kamen. Im Juni sorgte der Fund von vier toten Seeadlern – ebenfalls in Dithmarschen – für Aufsehen. Ihre Körper wiesen Rückstände von Mevinphos auf – einem Pflanzenschutzmittel, das in keinem Land der Europäischen Union mehr zugelassen ist.

„Die Haupttodesursache für Adler in Schleswig-Holstein sind aber immer noch die Windräder“, sagt Elvira von Schenck.