Norderstedt
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Kostenexplosion bei Knast-Umbau im Glasmoor

Das Haupthaus der Justizvollzugsanstalt Glasmoor in Norderstedt mit dem markanten Uhrturm

Das Haupthaus der Justizvollzugsanstalt Glasmoor in Norderstedt mit dem markanten Uhrturm

Foto: Wolfgang Klietz

Um aus dem Gefängnis eine moderne Haftanstalt mit 250 Plätzen zu machen, werden wohl statt 17 über 33 Millionen Euro nötig sein.

Norderstedt.  Die einzige echte historische Sehenswürdigkeit der Stadt hat Oberbürgermeister Hans-Joachim Grote die Justizvollzugsanstalt Glasmoor einmal genannt. Die in den 20er-Jahren nach Plänen des Oberbaudirektors Fritz Schumacher errichtete Anlage mit Denkmalschutzstatus liegt auf Norderstedter Gemarkung und gehört zum Justizvollzugssystem der Hamburger Nachbarn.

Nun entwickelt sie das Potenzial, eine kleine Hamburger Elbphilharmonie in der schleswig-holsteinischen Tiefebene zu werden: Denn laut aktuellen Berechnungen der Justizbehörde in Hamburg wird der seit 2011 geplante Ausbau der Haftanstalt fast doppelt so teuer wie ursprünglich geplant. Statt 17 Millionen Euro werden wohl über 33 Millionen Euro nötig sein, um aus dem Glasmoor einen in Kapazität und Haftstandard zeitgemäßen offenen Strafvollzug zu machen.

Die Zahlen gehen aus zwei Kleinen Anfragen hervor, die der CDU-Bürgerschaftsabgeordnete Richard Seelmaecker dem Senat im November gestellt hatte. Seelmaecker sprach darin von einer Kostenexplosion am Glasmoor, die der Senat zu verschleiern versuche. Tatsächlich wird in der Antwort auf Seelmaeckers Fragen klar, dass der Justizbehörde schon seit Frühjahr 2014 klar war, dass 17 Millionen Euro am Glasmoor nicht reichen werden, Justizsenator Till Steffen die Kostensteigerung „im niedrigen zweistelligen Millionenbereich“ aber erst während einer Ausschusssitzung im November „en passant“ unter Verschiedenes bekannt gab.

Geplant ist, den Standort Glasmoor um ein weiteres großes Hafthaus zu erweitern und die bestehenden Häuser zu modernisieren. Hafträume für bis zu acht Gefangene, wie sie am Glasmoor bis heute Realität sind, soll es danach nicht mehr geben. Statt knapp 200 würde die JVA nach dem Um- und Neubau über 250 Haftplätze verfügen. Dass dies alles nun etwa 16,2 Millionen Euro teurer wird als gedacht, liegt laut Senat an unvollständigen und fehlerhaften Kalkulationen aus einer Realisierungsstudie für das Projekt aus dem Jahr 2012. Kosten für Heizung, Sanitäreinbauten und Sicherheitstechnik seien viel zu gering angesetzt worden, ebenso wie die Kosten für die technische Gebäudeausrüstung und die Außenanlagen am Glasmoor. Empfindliche Mehrkosten erzeugt offenbar die Zuwegung. Seit Jahrzehnten führt eine kopfsteingepflasterte, historisch anmutende Straße zum Glasmoor. Die Hamburger wollten sie als Baustraße nutzen und nach Abschluss der Arbeiten einfach instandsetzen. Doch nun ist klar, dass ein Neubau der Straße nötig sein wird, zudem die Umgestaltung der Stellplatzanlagen vor dem Knast – aufgrund denkmal- und naturschutzrechtlicher Anforderungen.

Und die Kostenspirale am Glasmoor könnte sich in diesem Jahr noch weiter drehen. Denn aktuell weiß die Justizbehörde noch gar nicht, ob die für das Glasmoor angesetzten Kapazitäten den neusten Entwicklungen gerecht werden. Im Zuge der Neuordnung des Justizvollzuges in der Hansestadt wurde die Kooperation mit dem schleswig-holsteinischen Nachbarn beschlossen. Hamburg übernimmt den kompletten Frauenstrafvollzug für beide Länder, und Schleswig-Holstein kümmert sich im Gegenzug um alle Jugendstraftäter. „Was das genau für die Übernahme des Frauenstrafvollzuges für die JVA Glasmoor bedeuten würde, können wir zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Das zu ermitteln, ist Teil des Prüfauftrags“, sagt die Sprecherin der Justizbehörde, Marion Klabunde.

Klar ist: Im Glasmoor werden wohl deutlich mehr Haftplätze für Frauen benötigt als ursprünglich geplant. Derzeit gibt es 19 Haftplätze für Frauen. In Schleswig-Holstein gibt es derzeit 23 Plätze in der JVA Lübeck. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird es im Glasmoor also nach einem Umbau insgesamt deutlich mehr als die bislang vorgesehenen 250 Haftplätze geben.

„Wir wissen über die Pläne auch nicht mehr als in der Zeitung steht. Aber wir hätten es lieber heute als morgen, dass es hier endlich los geht“, sagt die stellvertretende Leiterin der JVA Glasmoor Sabine Schnabel. Trotz der ganzen Diskussion um den Ausbau und die Sanierung am Glasmoor sei noch nicht viel geschehen. Im September 2013 wurde das Dach des Hafthauses II saniert und im Oktober 2014 der markante Uhr-Turm des Hafthauses I. Doch obwohl der Bauvorbescheid für die Errichtung des Hafthauses III und der Entwurf für den Umbau des Hafthauses I vorliegen, gibt es keine konkrete zeitliche Planung für den nächsten Baubeginn – zuerst müsse die Neustrukturierung des Justizvollzuges abgeschlossen sein, sagt Behördensprecherin Klabunde.

„Wir haben hier lediglich zwei Achter-Schlafsäle so umgebaut, dass jeweils vier Insassen getrennt voneinander wohnen können“, sagt Sabine Schlegel. Ansonsten ist der Haftanstalt der planungsbedingte, jahrelange Sanierungsstillstand überall anzusehen. Die Zellen im Glasmoor sind – wie immer – komplett belegt. 193 Männer und 19 Frauen leben hier. „Und es besteht eine Warteliste mit etlichen weiteren Gefangenen, die gerne in den offenen Vollzug wollen“, sagt Schlegel. Die könnte noch deutlich länger werden, wenn sich die Pläne für den Ausbau weiter hinziehen.