Straßenverkehr

Dicke Luft an der Ohechaussee in Norderstedt

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Andreas Burgmayer
Staus vor den Ampeln an der Einmündung der Ulzburger Straße in die Ohechaussee: Bis zu 25.000 Autos sorgen hier täglich für dicke Luft

Staus vor den Ampeln an der Einmündung der Ulzburger Straße in die Ohechaussee: Bis zu 25.000 Autos sorgen hier täglich für dicke Luft

Foto: Andreas Burgmayer / BM

Die Grenzwerte für das giftige Stickstoffdioxid werden regelmäßig überschritten. Bisher hat keine der Gegenmaßnahmen gewirkt.

Norderstedt.  Nirgendwo in Norderstedt ist die Luft dicker als auf dem Abschnitt der Ohechaussee zwischen der Ochsenzoller Straße und der Ulzburger Straße. Bis zu 25.000 Autos und Lastwagen fahren hier täglich durch die neun bis zwölf Meter hohe Häuserschlucht. Es sind die besten Bedingungen für die Konzentration eines von Experten als „stiller Killer“ bezeichneten Gases: Stickstoffdioxid.

Jahr für Jahr werden auf dem Straßenstück die jährlichen Mittelwerte von maximal 40 Mikrogramm pro Kubikmeter Atemluft überschritten. Seit 2010 verpflichtet das europäische Luftreinhaltegesetz das Land Schleswig-Holstein und die Stadt Norderstedt dazu, diesen Missstand zu beheben. Doch die Behörden bekommen die Lage nicht in den Griff. Auch in diesem Jahr liegen die Werte deutlich zu hoch.

Das gefährliche Gas entsteht überall dort, wo Kohle, Öl, Gas, Holz und Abfälle verbrannt werden. Die kleinen Gas-Moleküle können bis tief in die Lungenbläschen eindringen und greifen die Schleimhäute an. Das führt zu Atemwegserkrankungen, zudem steigt das Risiko, an Herz-Kreislauf-Krankheiten zu sterben. Asthmatiker und Kinder sind besonders betroffen.

Ein Studie der Universität Athen aus dem Jahr 2006, die die Gesundheitsdaten von 60 Millionen Europäern in 34 Ländern auswertete, kam zu dem Ergebnis, dass bereits eine Erhöhung von zehn Mikrogramm Stickstoffdioxid pro Kubikmeter Luft mehr Menschen sterben lässt. 100 Mikrogramm erhöhten die Sterberate um durchschnittlich vier Prozent. Die Forscher verzeichneten in Gegenden, in denen Menschen ständig große Mengen Stickstoffdioxid einatmen, sowohl bei den atemwegsbedingten Todesfällen als auch bei den Herz-Kreislauf-Toten eine Zunahme um jeweils rund 0,4 Prozent. Auf Basis dieser Ergebnisse bewerteten die Forscher die geltenden Jahresmittelwerte von 40 Mikrogramm für viel zu hoch.

An der Ohechaussee liegen die Werte Monat für Monat zwischen 43 und 46 Mikrogramm. Zwischen 6 und 9 Uhr, wenn die Pendlerströme fließen, schnellen die Werte auf bis zu 140 Mi-krogramm empor. Direkt betroffene Anwohner an der Ohechaussee gibt es nur wenige. Das Land hat bei einer Analyse 14 Anwohner ermittelt.

Wer auf diesem Teil der Ohechaussee als Passant unterwegs ist, hat nichts zu befürchten. Wer über Jahre derart hohen Konzentrationen von Stickstoffdioxid ausgesetzt ist, aber schon.

Anne Ganter vom Amt Nachhaltiges Norderstedt wacht über die Maßnahmen, die Norderstedt ergriffen hat, um gegenzusteuern. Gesetzlich ist die Stadt verpflichtet, den „Zeitraum einer Nichteinhaltung der Grenzwerte so kurz wie möglich“ zu halten. Doch das gelingt nicht. Zunächst hatte man im Rathaus angenommen, der Umbau des Ochsenzoll-Kreisels werde den Verkehr flüssiger machen und die Schadstoffemissionen senken. Doch dem war nicht so. 2014 lag der jährliche Mittelwert bei 45 Mikrogramm, bis Ende November bei 43 Mikrogramm.

Der Verkehr muss besser fließen

„Nun versuchen wir mit einer veränderten Ampelschaltung eine Verstetigung des Verkehrs zu erreichen“, sagt Ganter. Seit dem 30. September haben die Autos in Richtung Segeberg auf der Ohechaussee montags bis donnerstags zwischen 15 und 21 Uhr sowie freitags zwischen 12 und 21 Uhr vier Sekunden längere Grünphasen. Weniger Stop-and-go, mehr fließender Verkehr ist das Ziel. „Wir können die Ergebnisse noch nicht berechnen. Dazu müssen wir erst einen neuen Luftreinhalteplan erstellen. Da sind wir bei“, sagt Ganter.

Wenn auch das nichts bringen sollte, dann bleiben der Stadt nur noch drastische Maßnahmen übrig. Eine davon ist ein Lastwagen-Durchfahrtsverbot. Stickstoffdioxid entsteht maßgeblich in Dieselfahrzeugen und damit im Schwerpunkt im Schwerlastverkehr. „Doch wenn wir die Lastwagen von der Ohechaussee verdrängen, verlagern wir das Problem nur in andere Stadtviertel“, sagt Ganter. „Da bräuchte es dann regionale Verkehrskonzepte. Und wir müssten gemeinsam mit dem Land Umleitungswege ermitteln.“

Ein weiteres Mittel wäre die Geschwindigkeitsreduktion auf der Ohechaussee. Stuttgart, das auf seinen viel befahrenen Straßen Stickstoffdioxid-Belastungen von bis zu 90 Mikrogramm im Jahresmittel hat, machte gute Erfahrungen mit Grüne-Welle-Schaltungen bei Tempo 40. Auch in Norderstedt sei so etwas denkbar, sagt Anne Ganter.

Ein letztes Mittel seien Durchfahrtsbeschränkungen in Form einer Umweltzone. Doch davon erhofft sich Ganter die geringsten Effekte. Zwar sind 33 Prozent aller Autos, die auf der Ohechaussee unterwegs sind, aus Norderstedt. Doch von den 44.301 in der Stadt gemeldeten Wagen haben lediglich 2824 keine grüne Plakette (bei den Nutzfahrzeugen sind es 835 von 3223 Lkw). „Der Aufwand für die Einführung der Zone wäre erheblich, der Effekt unerheblich“, sagt Ganter.

Wenn alle Maßnahmen nicht greifen und die Grenzwerte weiterhin überschritten werden, dann könnte eine Klage der EU gegen Schleswig-Holstein drohen, die mutmaßlich Strafzahlungen nach sich ziehen würde. Außerdem könnte einer der betroffenen Anwohner auf dem belasteten Teil der Ohechaussee eine Privatklage anstreben. In Hamburg droht der Bund für Umwelt- und Naturschutz mit einer Klage gegen die Hansestadt.

Die Umweltschützer werfen Hamburg Untätigkeit bei der Bekämpfung von Stickstoffdioxid vor. Diesen Vorwurf muss sich Norderstedt bislang nicht gefallen lassen.

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