Norderstedt
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Bestattung: Probefahrt für seine letzte Reise

Gerhard Pichowiakprobt seine Beerdigung und fährt neben Kutscher Sven Merchel mit der Wulffschen Bestatterkutsche von 1860

Gerhard Pichowiakprobt seine Beerdigung und fährt neben Kutscher Sven Merchel mit der Wulffschen Bestatterkutsche von 1860

Foto: Heike Linde-Lembke

Gerhard Piechowiakwollte wissen, wie es sich anfühlt, mit der Bestatterkutsche zum eigenen Grab zu fahren.

Norderstedt. Gerhard Piechowiak ist einer, der stets selbst die Regie in seinem Leben führt. Er ist einer, der voll im Leben steht – und trotzdem seine eigene Beerdigung organisiert. Der spontan ist und sich beispielsweise bei der großen Flut im Februar 1962 ein Ruderboot schnappte und mal eben 40 Menschen von den Dächern im überschwemmten Hamburg rettete. Dafür gab es Auszeichnungen. Und 2005 die Mitwirkung als Zeitzeuge in dem Film „Die große Flut“. Da war er 17 Jahre alt. Jetzt ist er 70 Jahre und immer noch sein eigener Regisseur.

Als ihm die Ärzte sagten, er habe Rippenfellkrebs und nur noch maximal 18 Monate zu leben, dachte er, es sei Zeit, über die Beerdigung nachzudenken. Die Diagnose erhielt er vor fünfeinhalb Jahren. „Die Ärzte meinen, ich bin ein Wunderkind, ich lebe immer noch“, sagt Gerhard Piechowiak und lacht übers ganze Gesicht. Er reißt jeden sofort mit seiner guten Laune mit, seinem kolossalen Lebensmut.

„Ich bin zwar nicht getauft, ich glaube aber daran, dass es etwas gibt zwischen Himmel und Erde, was wir nicht wissen, das gibt mir Kraft“, sagt der Klempner- und Installateurmeister, der eine eigene Firma hatte. „Meine Krankheit ist ein Tod auf Raten“, sagt Gerhard Piechowiak. Deshalb habe er sich vor drei Jahren drei Angebote von Bestattungsunternehmen für seine letzte Reise geholt. Als er in der Broschüre des Bestattungsunternehmens Wulff & Sohn die schwarze Kutsche mit zwei Rappen sah, war für ihn klar: So will ich zum Friedhof fahren, im Schritttempo vom Haus des Bestatters über die Segeberger Chaussee, durch den Ochsenzoll-Kreisel, die Ulzburger Straße entlang, Alter Kirchenweg bis zum Friedhof Harksheide.

„Dann fiel mir ein, dass ich nicht weiß, ob ich das selbst erlebe, denn ich bin ja tot“, überlegte Piechowiak. Und prompt kam ihm die nächste Idee. „Ich hing mal wieder 14 Stunden am Chemo-Tropf, da fiel mir ein, dass ich das alles durchspiele, dann weiß ich, wie das sein kann“, sagt Piechowiak. Am Tropf habe er sich ohnehin immer von innen betrachtet und seine guten und seine Schattenseiten überprüft.

Er holte seine Tochter Ilka Piechowiak und seinen Freund Hans-Jürgen Poser ins Boot, ging zu Sönke Wulff und ließ die Probefahrt mit der 1860 im dänischen Stil gebauten Kutsche organisieren. Die Rappen kommen vom Reitstall Eichenhof in Hamburg-Duvenstedt, heißen Sandy und Shadow und wurden zum Abschluss der Probetour von Piechowiak mit Äpfel und Möhren belohnt. „Das kann ich auch nur jetzt machen“, sagte der 70-Jährige.

Die Fahrt hat er sichtlich genossen. „Das war wunderbar“, sagte er gerührt, als er auf dem Harksheider Friedhof ankommt. Auch das Grab ist bestellt, und eine Bank gegenüber dem Grab hat er auch aufstellen lassen. „Damit sich meine Besucher hinsetzen können. Ich setze mich dann dazu, mal sehen, wie das wird“, sagt der Bruder des ehemaligen HSV-Fußballers Erwin Piechowiak.

„Ich probe auch den Ernstfall, um zu begreifen, dass mein Leben endlich ist“, sagt der in zweiter Ehe verheiratete Vater zweier Töchter aus erster Ehe und verweist darauf, dass er seit einigen Monaten zwischen zwei Chemotherapien immer so gut drauf ist wie schon lange nicht im Leben.

Auch für seine Beerdigung hat er bereits ein Drehbuch geschrieben: „Als Musik erklingen die Don Kosaken, um 14 Uhr gibt es Bier, Köm und Sekt, damit die Gäste schon mal etwas gleunig in der Bank sitzen.“

Er will aber nicht nur selbst erfahren, wie sich die eigene Beerdigung anfühlt, er will zeigen, dass der Tod im Leben etwas Normales ist und kein Schreckgespenst. „Ich bin doch nicht tot, wenn ich sterbe, ich bin nur woanders“, philosophiert er. Und hofft, dass seine Probefahrt Menschen ermutigt, über ihre letzte Reise nachzudenken.