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Kaltenkirchen

Norbert Blüm: Ein Mann, der nie untergeht

Norbert Blüm gab am Dienstagabend einige Anekdoten zum Besten

Norbert Blüm gab am Dienstagabend einige Anekdoten zum Besten

Foto: imago/Dieter Bauer / IMAGO

Der ehemalige Arbeitsminister war Dienstagabend zu Gast im Rathaussaal und las dort vor 40 Gästen aus seiner Biographie.

Kaltenkirchen.  Norbert Blüm wird im Juli 80 Jahre alt. 16 Jahre davon – bis 1998 – amtierte er als Bundesarbeitsminister unter der Kanzlerschaft Helmut Kohls. Bereits seit 1972 war er Mitglied des Bundestages. Man kann sagen, sein politisches Wirken ist essentieller Bestandteil seines Daseins. 1998 ist 17 Jahre her, und die Welt dreht sich irrsinnig schnell. An welchen Rädern der Minister Blüm seinerzeit auch immer gedreht hat – fragt man die Leute, was sie mit Norbert Blüm in Verbindung bringen, fällt todsicher der Satz: „Die Rente ist sicher.“ Das geht zurück auf eine CDU-Wahlkampagne, anlässlich derer Blüm mit entsprechendem Slogan posierte. Genau genommen hieß der Satz: „Denn eins ist sicher: Die Rente“. Aber für eine griffige Formulierung darf man Feinheiten opfern. Wer verstünde das besser als Norbert Blüm.

Dienstagabend, 2. Juni 2015. Blüm gastiert in Kaltenkirchen und liest: „Biographische und politische Geschichten zum Lachen und Weinen“. So steht es auf den Werbeplakaten. Und so wird es auch sein, obwohl noch bis zum Mittag die Veranstaltung auf der Homepage der Stadt Kaltenkirchen als Lesung aus Blüms Buch „Einspruch! Wider die Willkür an deutschen Gerichten“ angekündigt wurde. Immerhin ist das auch zum Lachen und Weinen und somit nicht komplett daneben. Im Rathaussaal versammeln sich erwartungsvoll um die 40 Zuhörer, fast ausnahmslos im Seniorenalter. Es ist noch viel Platz im Saal, denn der Eintritt kostet stolze 35 Euro. Da muss die Rente schon sehr sicher sein oder wenigstens die Liebe groß – und beides kommt leider nicht so oft vor, wie Norbert Blüm vielleicht mal wirklich geglaubt hat.

Blüm lobt Bescheidenheit der Weltmeister von 1954

Dann bezieht er seinen Platz am Lesetisch und sieht aus wie immer: Ein laufender Meter rheinische Gemütlichkeit verspricht einen Spannungsbogen von heiter bis wolkig, obwohl zunächst noch keiner lacht. Wenigstens weint auch niemand. Aus aktuellem Anlass – Fußball! Fifa! Blatter! – liest Blüm zu Beginn die Anekdote, wie er das WM-Finale 1954 während einer Zugfahrt zwischen Rüsselsheim und Königswinter verbrachte. Zwischendurch unterbricht er kurz, um auswendig die Aufstellung der Herberger-Elf von Turek bis Rahn zu deklamieren. Dann lobt er die Bescheidenheit der damaligen Spieler, die als Weltmeisterprämie beispielsweise mit Maggie-Würzwürfeln beschenkt wurden und fragt empörungsheischend in den Saal, ob es heutzutage noch irgendetwas gäbe, das nicht käuflich wäre? Glasklares Nein, denkt der Zuschauer, der gerade 35 Euro Eintritt gezahlt hat.

Dann wird Blüm persönlich, beschreibt Kindheitserlebnisse wie eine verstörende Nacht im Luftschutzkeller. Eine blockierte Ausgangstür, das Haus brennt bereits, Rettung in letzter Minute und Flucht über eine offene Fläche im Bombenhagel – nur 30 Schritte, aber für Blüm „der längste Gang meines Lebens“. Das glaubt man ihm. Genau wie die sehr persönlichen, durchaus anrührenden Geschichten über seine Großeltern, Sonntagsrituale im Familienkreis oder Anekdoten aus dem Nachkriegs-Malocher-Dasein bei Opel in Rüsselsheim, das Blüm als Werktätiger persönlich erlebt hat. Das ist die authentische Seite Blüms, die er gern und offen teilt. Dafür mochten und mögen ihn die Leute.

Dann ist da noch der Rheinländer in ihm, der immer, wenn zu viel Besinnlichkeit aufzukommen droht, unweigerlich einen Karnevalstusch dazwischen schmettern muss. Zum Beispiel den Witz vom Polen, der bei einer Fee drei Wünsche frei hat und jedes Mal dasselbe bestellt: Die Chinesen sollen in Polen einmarschieren, drei Tage bleiben und wieder gehen. Warum? Weil sie dann sechsmal durch Russland müssen… Tätäää! Wer das nicht lustig findet, kann ja immer noch weinen, womit das Motto des Abends auf jeden Fall bedient wäre.

Anekdote von denkwürdigem Treffen mit chilenischen Diktator

Um Politik geht es schließlich auch noch. Blüm erzählt von einem Treffen mit dem chilenischen Diktator Pinochet im Jahr 1997. Es ging um die Freilassung von 14 politischen Gefangenen, allesamt bereits nach grausamsten Folterungen zum Tode verurteilt. In der Tat kann man sich kaum einen größeren Gegensatz vorstellen, als ihn diese Männer verkörpern: Hier der eiskalte, berechnende, skrupellose Machtmensch – auf der anderen Seite Blüm, die personifizierte Konsensfähigkeit. Pinochet, genervt von den Vorwürfen, wies plötzlich auf ein hinter ihm an der Wand hängendes Holzkreuz und zischte sein Gegenüber an: „Ich bin kein Unmensch – ich bete jeden Tag!“ Worauf Blüm himmelwärts wies und erwiderte: „Und er kennt von jedem Ihrer Opfer Namen und Anschrift.“ Daraufhin, erinnert sich Blüm, sei in Pinochets zuvor überheblichem Blick deutlich Verunsicherung, vielleicht sogar Erschrecken erkennbar gewesen.

Das erzählt vielleicht etwas über Pinochet, vor allem jedoch über Norbert Blüm. Über das, was er unbedingt und durchaus ehrenwerterweise glauben möchte: Am Ende siegt die Moral über das Böse. Das größte Wunder ist dabei vielleicht, dass ein Mann wie er noch so denken kann – nach all den Jahren in Bonn und Berlin und fünf Amtszeiten im Kabinett Kohl. Denn Blüm wirkt echt. Im Grunde ist er ein Prediger, der niemandem weh tun und keinem etwas wegnehmen möchte, mal abgesehen von den 35 Euro Eintritt natürlich. Der gelernte Werkzeugmacher Blüm schwingt nicht den verbalen Vorschlaghammer, verletzt nicht mit der Präzisionsklinge, sondern beschraubt die Welt mit solider Flachzange. Er habe sich nie als Machthaber empfunden, bekennt er an diesem Dienstagabend in Kaltenkirchen. So hat ihn das Wahlvolk wohl auch nie gesehen, und das darf man als Kompliment verstehen. Trotzdem: „Loslassen ist keine Augenblicksangelegenheit“, beantwortete Blüm die Frage einer Zuhörerin nach dem Umgang mit dem Ruhestand. In einem Interview offenbarte er jüngst gegenüber „Spiegel Online“ zur selben Problematik: „Man kann viel reden, aber es hat keine Konsequenzen mehr. Ein Leben am Spielfeldrand ist nicht immer leicht. Aber ich bin zufrieden.“ Darf man sein, wenn man fest daran glaubt, dass am Ende die Moral siegt. Norbi et orbi, alles gut.