Norderstedt
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Wollen jetzt alle aufs Gymnasium?

Eltern können die weiterführende Schule völlig frei wählen, das Ministerium hat die Schulartempfehlung abgeschafft

Norderstedt. Erstmals haben die Grundschullehrer mit den jetzigen Halbjahreszeugnissen keine Empfehlung mehr abgegeben, ob ein Kind nach der vierten Klasse auf das Gymnasium oder die Gemeinschaftsschule gehen soll. Die völlige Freigabe der Schulartwahl könnte zum Ansturm auf die Gymnasien führen. Die Norderstedter Schulleiter sind gleichermaßen verunsichert wie zuversichtlich, dass sie gehäuftes Interesse an ihren Schulen bewältigen können. „Da hat das Bildungsministerium ein echtes Überraschungspaket geschnürt. Wir können überhaupt nicht einschätzen, was da auf uns zukommt“, sagt Stephan Damp, Leiter des Lise-Meitner-Gymnasiums.

Kollege Carsten Apsel vom Lessing-Gymnasium teilt zwar die Ungewissheit, glaubt aber eher nicht an den großen Run auf die Gymnasien. „An den Grundschulen führen die Lehrer Beratungsgespräche mit den Eltern, und ich gehe davon aus, dass doch die große Mehrheit dem Rat der Pädagogen folgen wird“, sagt Apsel.

Grundlage der Gespräche sind die Entwicklungsberichte, die die bisherigen Empfehlungen ablösen und über ein sogenanntes Kompetenzraster detailliert Auskunft geben sollen, was der Grundschüler kann, und wie er sich verhält. Beurteilt werden überfachliche Kompetenzen wie Arbeitsorganisation, Team- und Konfliktfähigkeit, Konzentration und Selbstständigkeit, in den Fächern Deutsch, Mathematik, Heimat-, Welt- und Sachunterricht, Englisch, Sport, Musik, Kunst, Textillehre, Technik, Religion und Philosophie bewerten die Grundschullehrer fachspezifische Kompetenzen wie Sprachgebrauch, Problemlösen, Kenntnisse über Schleswig-Holstein, Gestalten, kritisch hinterfragen und begründet antworten.

„Man muss sich vorher Gedanken machen, dann geht das Ausfüllen der Berichte am Computer ziemlich flott“, sagt Anette Korn, Leiterin der Grundschule Friedrichsgabe. Sie plädiert dafür, den Ball flach zu halten und geht davon aus, dass sich in der schulischen Praxis wenig ändern wird. „Im Beratungsgespräch wird sicher die Frage kommen, was denn die ganzen Häkchen hinter den Kompetenzen nun für die Wahl der weiterführenden Schule bedeuten“, sagt die Schulleiterin, die dennoch bedauert, dass es die Empfehlungen nicht mehr gibt und ihren Kollegen eine hohe Trefferquote bei der Einschätzung des Bildungsweges attestiert.

Unter Bildungsexperten waren die Schulartempfehlungen umstritten. Aktuelle Erkenntnisse aus der Pisa- und Iglu-Studie zeigen, dass nach Ansicht von Bildungsforschern bei rund 50 Prozent der Kinder die Empfehlung falsch liegt. Es sei zu früh, ein Leistungspotenzial in diesem Alter zu prognostizieren. Die Empfehlung sei häufig an die soziale Herkunft und das Geschlecht des Kindes gebunden. Die Grundschuluntersuchung Iglu von 2011 zeigte, dass Ärztekinder eine mindestens dreifach höhere Chance haben, eine Gymnasialempfehlung zu bekommen als Arbeiterkinder – bei gleichen Kompetenzen. Hinter der Wahlfreiheit steckt die Absicht des Kieler Bildungsministeriums, die Abiturquote zu erhöhen.

Den Norderstedter Gymnasialleitern soll es recht sein. „Wir können ohnehin noch mehr Kinder aufnehmen“, sagt Carsten Apsel vom Lessing-Gymnasium. Bis zu 120 Kinder könnten in vier Parallelklassen lernen. Lange hatte das nördlichste Norderstedter Gymnasium um die 70 Fünftklässler aufgenommen, im vorigen Jahr waren es schon 93. Auch Kollegin Heike Schlesselmann vom Coppernicus-Gymnasium sieht noch Luft nach oben. „Wenn es mehr Anmeldungen werden als bisher, können wir das problemlos verkraften.“

Am Gymnasium Harksheide decken sich meist Interesse und Kapazität. „Allerdings mussten wir auch schon mal Kinder abweisen“, sagt Schulleiter Gerhard Frische. In solchen Fällen greifen die Aufnahmekriterien, die alle weiterführenden Schulen erarbeiten und öffentlich machen sollen. „Damit haben wir Rechtssicherheit, falls sich Eltern einklagen wollen“, sagt Thomas Kuhn, Leiter der Willy-Brandt-Schule. Seine Kollegin Barbara Schirrmacher von der Gemeinschaftsschule Harksheide hat schon erlebt, dass Eltern juristisch einen Platz in der Wunschschule erstreiten wollten. Die Verfahren seien aber zugunsten der Schule ausgegangen.

Die Schulkonferenz beschließt die Vorgaben für die Aufnahme. Oft haben Geschwisterkinder Vorrang, die Nähe zur Schule spielt eine Rolle, die Entwicklungsberichte der Grundschulen, Kinder mit besonderem Förderbedarf, und im Zweifelsfall wird gelost. Die Schulleiter raten den Eltern, sich und ihr Kind nicht auf eine Schule festzulegen. Klappt das nicht, so Carsten Apsel, fließen beim Kind schon mal Tränen, und die Eltern müssen sich mit Wut und Enttäuschung auseinandersetzen.