Norderstedt
Rinderseuche

BSE-Warnerin Margrit Herbst kassiert deftige Niederlage im Kreistag

Schwere Vorwürfe statt einer Entschädigung: Nach einer emotionaler Debatte beschließt der Kreistag, die entlassene Tierärztin nicht zu rehabilitieren. Aber ihre Unterstützer geben nicht auf.

Kreis Segeberg. Der Segeberger Kreistag hat beschlossen, Margrit Herbst nicht zu rehabilitieren oder zu entschädigen. Und trotzdem: Was sich im Segeberger Kreistag am Donnerstagabend abspielte, war die emotionalste und bemerkenswerteste Debatte seit Jahren. Endlich Gerechtigkeit für eine Whistleblowerin und couragierte BSE-Warnerin – mit dieser Forderung waren Piraten, Linke und Grüne angetreten.

Es kam anders, die Mehrheit, bestehend aus SPD, CDU und FDP, verhinderte eine Rehabilitation. Auch die Vergabe eines Preises für Zivilcourage an Herbst wurde abgelehnt. Aber mehr noch: In seiner Rede machte Peter Säker (SPD), Stellvertretender Kreispräsident, Margrit Herbst persönlich dafür verantwortlich, dass BSE-verdächtiges Fleisch auf die Teller der Bürger gelangte.

Zugrunde liegt den beiden Bewertungen derselbe Sachverhalt: Margrit Herbst hatte ab 1990 als angestellte Tierärztin im Bramstedter Schlachthof Rinder mit Symptomen der tödlichen Rinderkrankheit BSE entdeckt. Herbst informierte den Landrat. Proben der Rinder blieben ohne eindeutig positives Ergebnis, werden heute allerdings als methodisch unzureichend kritisiert. Weil sie im November 1994 schließlich öffentlich vor BSE-verseuchtem Fleisch in Bad Bramstedt warnte, wurde Herbst vom Kreis Segeberg entlassen.

In mehreren Gerichtsurteilen wurde die Rechtmäßigkeit der Kündigung bestätigt, Margrit Herbst hätte sich erneut an ihre Vorgesetzten und nicht an die Öffentlichkeit wenden müssen, so die Richter damals. Mittlerweile hat Margrit Herbst diverse Preise für ihre Zivilcourage bekommen. Darunter ist auch der renommierte Whistleblower-Preis, den zuletzt Edward Snowden erhalten hat.

Die Verwaltung wirft Herbst vor, eine weitgehende Vollmacht des damaligen Landrats zur eigenständigen Veranlassung aller notwendigen Maßnahmen nicht genutzt zu haben. Herbst beteuert, diese nie schriftlich erhalten zu haben. Außerdem sei sie von ihren direkten Vorgesetzten im Schlachthof daran gehindert worden. Diese hätten sie unter Druck gesetzt und gemobbt.

Sorgen um mögliche Creutzfeldt-Jakob-Fälle

Nichts spiegelt die unterschiedlichen Sichtweisen besser wieder als das Gespräch von Henning Wulf (CDU) und Susanne Herbst-Richter, der Tochter von Margrit Herbst. Der Beschluss des Kreistags ist schon eine halbe Stunde alt, da diskutieren sie immer noch miteinander. Sorgen machen sich beide um mögliche Fälle von Creutzfeldt-Jakob, der menschlichen Variante der BSE-Seuche. Die Inkubationszeit kann mehrere Jahrzehnte betragen, „wir sind also noch nicht aus dem Schneider“, wie Wulf es ausdrückt.

Der Vorsitzende des Hauptausschusses wiederholt bei der Gelegenheit die Vorwürfe an Herbst. Falls ein Mensch das infizierte Fleisch konsumiert habe und an der Krankheit sterbe, sei das ihre Schuld. Sie habe sich nicht gegen ihre Vorgesetzten durchgesetzt, habe sich wegschicken lassen und den Landrat im Stich gelassen. „Meiner Mutter wurde gedroht: Sie müsse aufpassen, dass sie, falls sie stolpere, nicht auf einmal ein Messer im Rücken habe“, entgegnete Herbst-Richter. „Wie viel Widerstand erwarten Sie unter solchen Umständen? Was ist mit der Verantwortung der anderen Tierärzte des Kreises?“

Schon während der Rede des Stellvertretenden Kreispräsidenten war es der Tochter Margrit Herbsts entfahren: „Gut, dass meine Mutter nicht hier ist.“ Die Hauptdarstellerin des Abends war zu Hause geblieben, zu groß ist der Stress für die 74-Jährige. Nach dem Votum sagte ihre Tochter: „Dass sich Menschen mit der Krankheit infizieren, war das letzte, was meine Mutter wollte. Dagegen hat sie trotz ihrer körperlichen Beschwerden mit aller Macht gekämpft. Die Anschuldigungen sind infam und haben mir persönlich sehr weh getan.“ Auch der Beschluss des Kreises, die Aufklärungsbemühungen der Tierärztin anzuerkennen, konnten diesen Schmerz nicht lindern. „Was heute gesagt worden ist, ist das Gegenteil von Anerkennung; es wird missachtet, wofür meine Mutter gekämpft hat.“

Ähnliches Problem bei neuem Whistleblower

Zumindest in einem Punkt waren sich Henning Wulf und Susanne Herbst-Richter einig: Die Vorgänge im Bad Bramstedter Schlachthof müssen weiter untersucht werden. Insbesondere die Rolle der anderen Veterinäre und Fleischbeschauer. „Wenn es damals so war, kann es auch heute noch so sein“, sagte Wulf. „Sowohl der Landrat als auch der Leiter des Kreisveterinäramtes sollten sich um Aufklärung bemühen.“ Allerdings sei er zuversichtlich, dass so etwas wie im Fall Herbst nicht noch einmal passieren könnte.

Erst im Februar war der Schlachthof in Bad Bramstedt wegen Tierquälereien und Hygienemängeln erneut in die Schlagzeilen geraten. Ans Tageslicht kamen die Missstände durch einen Hinweisgeber. Die Identität des Mannes ist bis heute nur wenigen Menschen bekannt. Er steht mit Margrit Herbst in Kontakt und hat ein ähnliches Problem: Sich öffentlich zu äußern, würde ein Bruch der Verschwiegenheitspflicht gegenüber seinem Arbeitgeber darstellen. Nachdem er beim Kreisveterinäramt nichts erreicht hatte, wandte er sich schließlich an das Landwirtschaftsministerium. Das veranlasste eine groß angelegte Durchsuchung des Schlachthofs in Bad Bramstedt. Im Fall Herbst half das Landwirtschaftsministerium nicht. Aus „nicht eindeutigen Hinweisen, wie es in Berichten zu eingeschickten Proben stand, machte das Ministerium eindeutig negative Ergebnisse.

Bekommt Herbst Unterstützung von privaten Spendern?

Trotz aller Meinungsverschiedenheiten markiert das Votum des Kreistags zumindest für die politischen Ausschüsse des Kreises das Ende der Beschäftigung mit dem Fall. Sie hatten sich monatelang mit der Frage auseinandergesetzt. Abgeschlossen haben dennoch nicht alle mit dem Schicksal Herbsts: Noch zu später Stunde schmiedete so mancher auf den Gängen Pläne für ein privates Netzwerk von Unterstützern für Herbst.