Norderstedt
Pflegenotstand

Angehörige von Heimbewohnern zwischen Sorge und Wut

Einmal im Monat treffen sich Angehörige in Norderstedt zum Gesprächskreis. „Wir müssen uns fragen: Was ist der Gesellschaft die Pflege im Heim wert?“, sagt der Leiter des Pflegestützpunkts, Ulrich Mildenberger.

Norderstedt. Der Raum mit dem Blick auf die Bäume einer Wohnstraße hat mehr Geschichten gehört als ein Mensch verkraften könnte. Der runde Tisch bietet Platz für zwölf Menschen, die erzählen – von Abschied, Liebe oder vollgekoteten Windeln. Manche weinen, manche vor Wut, andere über den Tod. Kaffee, Wasser und Pralinen stehen bereit. Süßigkeiten sind gut für die Seele, sagt man. Wenn das stimmt, stehen sie auf dem Tisch richtig. Einmal im Monat sind alle Stühle am Tisch besetzt. Dann treffen sich Angehörige von Menschen, die im Pflegeheim leben. Sie erzählen und fragen sich, ob außerhalb dieses Raumes Menschen diese Geschichten hören wollen.

Ulrich Mildenberger will die Geschichten hören. Der Leiter des Norderstedter Pflegestützpunkts leitet die Gruppe. „Wir müssen uns fragen: Was ist der Gesellschaft die Pflege im Heim wert?“, sagt er. „Aber diese Diskussion wird nicht geführt.“ Die Geschichten bleiben in dem kleinen Raum. Auch jene von liebevoller Betreuung und herzlichen Menschen, die in Heimen arbeiten.

„Ich kam in sein Zimmer und es stank bestialisch“, sagt Karin Beier (alle Namen geändert). Ihr Ehemann lag nachmittags allein in seinem Zimmer. Offenbar hatte stundenlang niemand nach ihm gesehen und die Windel kontrolliert. „Ich habe versucht ihn auszuziehen, doch ohne Hilfe konnte ich die Situation nicht bewältigen. Karin Beier rief eine Pflegerin. „Dafür war meine Kollegin zuständig“, sagte die Frau beim Anblick des Mannes. Dann ging sie. „Dann habe ich meinen Mann aus diesem Heim geholt“, erzählt Karin Beier. Ihr Ehemann ist vor wenigen Tagen im Alter von 74 Jahren gestorben.

„Seitdem die neue Pflegerin in dem Heim arbeitet, hat sich mein Mann verändert“, sagt Petra Becker. Ihr 76-jähriger Mann kann nur noch wenige Regungen zeigen. Wenn die junge Frau kommt, lächelt er. Manchmal nehmen sich beide in den Arm. „Er ist zufrieden“, sagt Petra Becker. „Mir sagt sie, er sei wie ein Vater für sie.“

„Diese Frauen erledigen nicht nur einen Job“, sagt Hans-Peter Müller über die Pflegerinnen. „Sie sind mit dem Herzen dabei.“ Seine 82-jährige Frau wird in einem Heim betreut, nachdem er sie selbst zu Hause nicht mehr pflegen konnte. „Ich bin erleichtert, dass ich mir keine Sorgen mehr machen muss.“

„Ich verstehe das nicht“, sagt Anneliese Schulz. Vor kurzem kam sie ins Zimmer ihrer 91-jährigen Mutter, als die Pflegerin den Boden wischte. „Warum muss diese Arbeit eine examinierte Pflegekraft erledigen, von denen es sowieso zu wenige gibt?“ Die Frauen sammeln auch die Wäsche ein oder räumen Tabletts ab, sagt Anneliese Schulz. „Dabei werden sie doch für andere Aufgaben gebraucht.“

„Auch die Dokumentation kostet viel zu viel Zeit“, sagt Karin Beier. Alles werde aufgeschrieben: wie oft ein Patient wie viel trinkt, wielange er auf dem Klo war. In manchen Häusern ist eine Pflegerin jeden Tag nur mit der Dokumentation beschäftigt, während ihre Kollegen die Patienten betreuen. Diese Frau fehle auf den Stationen. „Dann wird den Patienten aus Zeitnot die Wasserflasche hingestellt, damit sie trinken könne, doch keiner kümmert sich darum, ob sie die Flasche auch öffnen können.“

Nachmittags muss sich in der geschlossenen geronto-psychiatrischen Abteilung eines Heims ein Pfleger um 15 Patienten kümmern. „Das kann nicht funktionieren“, sagt Carla Berger, die täglich ihren 85-jährigen Mann dort besucht. „Es ist laut, die Menschen schreien, sie sind inkontinent“, berichtet sie. „Zum Nachdenken bleibt dem Personal dort keine Zeit, die Belastung ist enorm“, sagt sie. „Manchmal passiert es, dass nicht Patient dazu kommt, seine Mahlzeit zu essen, bevor sie abgeräumt wird.“ Sie hat durchgesetzt, dass ihr Mann nicht kontinuierlich mit Medikamenten ruhig gestellt wird. „Ohne Angehörige ist es für einen Patienten sehr schwierig.“

„Manchmal fühle ich mich, als ob ich störe“, sagt Anneliese Schulz, die jeden Tag ihre Mutter besucht. Selbst einfache Fragen zu klären, scheitert manchmal daran, dass die Pfleger keine Zeit haben. „Wir müssen uns doch als Team sehen, wir müssen miteinander reden, ich will Augenhöhe“, sagt sie. „Für das Geld, das wir zahlen, dürfen wir das erwarten.“ Doch Anneliese Schulz sieht nicht nur die Probleme. Trotz der Zeitnot werde ihre Mutter stets mit Respekt behandelt: „Es wird angeklopft, sie wird gesiezt und nicht auf einen Pflegefall reduziert.“

Hans-Peter Müller hatte zufällig erfahren, dass der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) eine Kontrolle in dem Heim angekündigt hatte, in dem seine Frau gepflegt wird. „An dem Tag war doppelt so viel Personal da“ erzählt er. „Die haben dann in die Dokumentationen geschaut. Wie es in den Betten unter den Decken aussieht, haben sie nicht gesehen.“

Nach zwei Stunden sind die Stühle an dem runden Tisch wieder leer. Mehr Personal, mehr Gehalt für die Pfleger, mehr Mitsprache der Angehörigen, das wünschen sich die Teilnehmer des Treffens. Doch zugehört hat nur Pflegestützpunktleiter Ulrich Mildenberger.

„Die Politik muss doch auf die Zustände reagieren“, hatte Karin Beier noch gesagt, bevor sie ging. Doch bis heute warten die Teilnehmer vergeblich auf den Besuch mehrerer Sozialpolitiker des Kreistags. Sie hatten einen Termin beim Gesprächskreis vereinbart, waren jedoch nicht gekommen. Warum das Treffen scheiterte, wissen die Männer und Frauen nicht. Sie haben keine Absage erhalten.