Norderstedt
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Streit um Lehrerstellen

„Gymnasien bluten aus“, sagt CDU-Politikerin Rathje-Hoffmann. „Stimmt nicht“, kontert das Bildungsministerium

Norderstedt. CDU und Philologenverband sprechen von einem Frontalangriff auf die Gymnasien. Die Landeselternbeiräte fordern in einem offenen Brief an Ministerpräsident Albig und Finanzministerin Heinhold, „die Mangelwirtschaft im Bildungssystem“ zu beenden. Im Norden seien 1600 Lehrerstellen unbesetzt. Und zum neuen Jahr sollen nach dem aktuellen Planstellen-Erlass 386 Stellen wegfallen. Besonders betroffen seien die Gymnasien, so der Philologenverband, landesweit werde sich die Zahl der Gymnasiallehrer um 295 verringern. Auch die Gymnasien im Kreis Segeberg müssten bluten, sagt die CDU-Landtagsabgeordnete Katja-Rathje-Hoffmann.

Sie bezieht sich auf die Planstellenzuweisung des Ministeriums. Danach werde allein das Lessing-Gymnasium fast sechs Stellen (5,7) verlieren. Das Gymnasium Harksheide müsse 3,4 Stellen abgeben, das Lise Meitner Gymnasium 1,6. Lediglich das Coppernicus-Gymnasium komme ungeschoren davon (+0,1). Insgesamt verlieren die Gymnasien im Kreis Segeberg 38,2 Lehrerstellen. „Dabei sind anstehende Pensionierungen und zusätzliche Herausforderungen durch das neue Schulgesetz noch nicht einmal berücksichtigt“, sagt die Abgeordnete. So entfalle künftig die Schullaufbahnempfehlung, sodass der ohnehin schon starke Andrang zu den Gymnasien zunehmen werde. Außerdem dürften nur noch in absoluten Ausnahmefällen Schülerinnen und Schüler an eine Gemeinschaftsschule versetzt werden. Das werde dazu führen, dass mehr Schüler einzeln gefördert werden müssen. „Wer in dieser Situation noch Stellen streicht, der will den Gymnasien bewusst schaden“, sagt Rathje-Hoffmann.

„Wenn man bedenkt, dass auch wir an den Gymnasium inklusiv unterrichten, Kindern mit und ohne Förderbedarf gemeinsam den Stoff vermitteln sollen, kann man nur von einem massiven Angriff auf die Gymnasien sprechen“, sagt Thomas Clemen vom Philologenverband in Norderstedt. Die Küstenkoalition treibe die Schwächung und den Bildungsabbau an Gymnasien voran, kritisiert der Landesverband. Lehrer würden von den Gymnasien abgezogen, um die neue genehmigten Oberstufen an den Gemeinschaftsschulen personell auszustatten und diese Schulform zu stärken.

Die Praxis stellt sich allerdings deutlich weniger dramatisch dar. Inzwischen liegen die tatsächlichen Anmeldezahlen vor, das Ministerium hat nachgesteuert. An den neun Gymnasien im Kreis Segeberg fallen insgesamt zwölf Planstellen weg, in Norderstedt an den vier Gymnasien zusammen nur 0,6. „Für Panikmache besteht kein Anlass“, sagt Ministeriumssprecherin Patricia Zimnik. Damit reagiert die Behörde auf die wachsenden Anmeldezahlen. So nimmt das Lessing-Gymnasium 93 Fünftklässler auf, 24 mehr als im Vorjahr das Gymnasium Harksheide startet mit 120 neuen Schülern ins zweite Schulhalbjahr, zwölf mehr als 2013. Die Planstellenzuweisung sei ein grober Rahmen, um in den Personaleinsatz einzusteigen. „Natürlich wünscht man sich immer mehr Lehrer, vor allem, wenn man sieht, was wir alles an Extras anbieten. Aber wir können mit der Situation leben“, sagt Apsel. Diese Auffassung teilt auch sein Kollege Michael Höppner vom Alstergymnasium, der eine Planstelle weniger hat.

„Wir holen wirklich das Bestmögliche für die Schüler in dem uns gesteckten finanziellen Rahmen heraus“, sagt Ministeriumssprecherin Patricia Zimnik. Das Ministerium müsse seinen Beitrag zur Schuldenbremse in Schleswig-Holstein leisten. Würde der Rückgang der Schülerzahlen eins zu eins in Lehrerstellen umgesetzt, müssten doppelt so viele Lehrerstellen abgebaut werden. „Wir lassen aber die Hälfte im System. Außerdem gehen noch neun Millionen Euro aus den Zensusmitteln in die Schulen, dadurch werden in diesem und nächsten Jahr 75 Lehrerstellen finanziert. Und wir versuchen, mit der Vertretungsfeuerwehr den Stundenausfall zu reduzieren.“

Anstatt die 1600 Lehrerstellen zu besetzen, würden in dem seit Jahren chronisch unterversorgten Bildungssystem weiter Stellen gestrichen, kritisieren die Landeselternbeiräte: „Dieser Zustand ist nicht zu ertragen.“ Das Bildungsministerium verwalte nur noch den finanzpolitisch aufgezwungenen Mangel und versuche, diesen möglichst „gerecht“ zu verteilen.

Für die Elternbeiräte sind sinkende Schülerzahlen kein Argument, weil das Bildungssystem ohnehin schon ausgeblutet ist. Fakt sei, dass die Grundzuweisung pro Schüler an den weiterführenden Schulen weiter sinke: „Der Stellenabbau eilt, trotz Lehrkräftemangels, dem Schülerrückgang erneut voraus.“

Die GEW lobt die klare Kritik der Eltern: „Gemeinsam müsste es uns doch gelingen, die Küsten-Koalition vom Irrweg der Stellenstreichungen abzubringen“, sagte der Landesvorsitzende Matthias Heidn.