Norderstedt
Norderstedt

Polizisten proben für den Ernstfall

Minister weiht neues Trainingszentrum ein. Regelmäßiges Üben schafft Souveränität und schützt vor Gewalt

Norderstedt. Ein Armhebel, und der Minister geht zu Boden. Zwei Beamte drehen ihn auf den Bauch, haben ihn fest im Griff – und helfen ihrem obersten Dienstherren wieder auf die Beine. Schleswig-Holsteins Innenminister Andreas Breitner wollte nicht nur die Eröffnungsrede halten, sondern auch spüren, was im neuen Trainingszentrum der Polizei passiert – die Übungshalle in Norderstedt wurde am gestrigen Mittwoch eingeweiht.

Und der Minister, selbst gelernter Polizist, spielte mit, als Freiwillige gesucht wurden. Simuliert wurde die Situation in einer Gaststätte, der Gast will nicht zahlen. „Durchaus typisch für mich“, scherzte Breitner, der den zahlungsunwilligen Kneipenbesucher spielte und sich den Einsatztrainern Alexandra Peters und Holger Lüthje gegenüber sah. Auf das normalerweise übliche verbale Vorspiel, mit dem die Polizisten auf einen Zechpreller einwirken, entfiel in diesem Fall. Peters und Lüthje packten sofort zu, ein Armstreckhebel mit weiterführender Technik, wie der Griff korrekt heißt, brachte den Minister aus dem Gleichgewicht, er sank, gehalten von den beiden Trainern, sanft zu Boden.

740 Einsatzkräfte der Polizeidirektion Segeberg und Pinneberg werden in der Halle, die die modernste der sieben Trainingsstätten im Norden ist, trainieren und sich fit machen für ihre alltäglichen Einsätze. „Routiniertes und immer wieder geübtes Verhalten bringt Souveränität und Professionalität“, sagte Andreas Görs, Leiter der Polizeidirektion. Und die 570.000 Menschen in den Kreisen Segeberg und Pinneberg, für deren Sicherheit die Polizeidirektion verantwortlich ist, hätten Anspruch auf möglichst professionelles Verhalten der Polizei.

Zweimal im Jahr soll jeder Polizist in dem 220 Quadratmeter großen Großraum, der durch variable Trennwände flexibel gestaltet werden kann, Alltagssituationen üben. Ob Fahrzeugkontrolle, das Eingreifen bei häuslicher Gewalt im Wohnbereich oder das Vorgehen gegen Amokläufer – das regelmäßige Training dient auch der Eigensicherung. Immer wieder werden Beamte Opfer von Gewalt. „Das muss gar nicht immer in Extremsituationen wie bei Demonstrationen, die aus dem Ruder laufen, sein. Auch bei einer ganz normalen Verkehrskontrolle ist es schon vorgekommen, dass sich die Einsatzkräfte plötzlich auf dem Rücken liegend wiederfanden und mit Tritten malträtiert wurden“, sagte der Minister, selbst gelernter Polizist.

Im vergangenen Jahr wurden in Schleswig-Holstein 1188 Gewalttaten gegen Polizeibeamte verübt, etwa zehn Prozent weniger als 2012. Die Zahl der verletzten Beamten sank um 20 Prozent auf 354. Aber, so Breitner, Massivität und Schwere der Übergriffe haben zugenommen. „Die Aggression gegen Polizeibeamte ist teilweise sehr groß“, sagte der Minister. Es komme nicht nur zu Pöbeleien und Beleidigungen, häufig würden die Angriffe mit Schlägen und Tritten, aber auch mit Schlag- und Stichwaffen ausgeführt. „Der Beruf ist gefährlich, und das Risiko können wir nicht ganz ausschalten. Wir können aber die Rahmenbedingungen verbessern, und dazu zählt das neue Trainingszentrum“, sagte Breitner.

175.000 Euro hat das Land in die moderne Trainingshalle am Kösliner Weg investiert, wo früher eine Druckerei ihren Sitz hatte. „Gut ist, dass wir da sogar mit Fahrzeugen reinfahren können“, sagte Dirk Peters, der die Besucher durch die Räume führte, in den Mattenraum, in dem Breitner zu Boden ging, in die kleine Wohnung, wo das richtige Verhalten bei häuslicher Gewalt geübt wird und in den schmucklosen Hallentrakt, der Straße und Außenbereich simuliert.

Hier demonstrierten Siegfried Wilken, Chef der 22 Einsatztrainer, und sein Team typische Trainingssituationen. Zum Beispiel den Einsatz des sogenannten ballistischen Schutzschildes, mit dem auch eine Polizistin einen mit zwei Messern bewaffneten Amokläufer außer Gefecht setzen kann, und das Vorgehen gegen einen bewaffneten Autofahrer, der zuvor eine Bank ausgeraubt hatte.

Audio- und Videotechnik unterstützt das Einsatztraining, das bis zu 18 Männer und Frauen gleichzeitig absolvieren können. Kameras fangen die Übungsszenen ein, auf dem Bildschirm können die Übenden sehen, was gut war, und was noch verbessert werden muss. „Die Analyse ist ein wesentlicher Bestandteil des Trainings“, sagte Dirk Peters vom Trainingszentrum,.

Einsatztrainingsstätten gibt es außerdem in Ratzeburg, Lübeck, Eggebek, Kiel, Itzehoe und Neumünster. Eine weitere soll im Ausbildungszentrum der Polizei in Eutin gebaut werden. „Dafür nehmen wir fünf Millionen Euro in die Hand“, sagte Breitner. „Eigensicherung, Selbstverteidigung und Schießtraining sind ein unverzichtbarer Bestandteil in der polizeilichen Aus- und Fortbildung“, sagte Breitner. Er appellierte an die Beamten, das Einsatztraining sehr ernst zu nehmen. Regelmäßiges und intensives Einsatztraining sei unverzichtbar.