„Kinder ist das einzige, was ich kann“

50 Jahre SOS-Kinderdorf Harksheide: Die Norderstedterin Ingrid Moser war 1963 die erste Mutter im Dorf

Da stehen mehrere Klappstühle und ein ausziehbarer Tisch in der Diele der Wohnung von Ingrid Moser, 79. Weitere sechs Stühle stehen um den Tisch im Wohnzimmer. Ziemlich viele Sitzgelegenheiten für eine alleinstehende alte Dame. Aber Ingrid Moser braucht jede einzelne davon. Denn der Familienbesuch fällt meistens vielköpfig aus.

„Die vier waren gestern zu Besuch. Mit ihren Kindern. Ich mache immer einmal im Jahr Birnen, Bohnen und Speck. Das mögen nicht alle. Aber die vier hier schon“, sagt Moser. Sie zeigt auf einen hochformatigen Bilderrahmen an der Wand. Unter Glas 17 Passbilder von Kindern, Halbstarken und fast Erwachsenen. Es sind die Menschen, für die Ingrid Moser ihr Leben gegeben hat.

Die 79-Jährige ist Kinderdorfmutter. Als das SOS-Kinderdorf in Harksheide 1963 auf der grünen Wiese am Henstedter Weg eröffnete, war Ingrid Moser mit ihren neun Kindern die erste Familie. 38 Jahre später ging sie offiziell in Rente. Mutter ist sie selbstverständlich bis heute geblieben.

Für 17 Kinder wurde sie in vier Jahrzehnten im Harksheider Dorf der verlässliche Mittelpunkt in ihrer früh zerstörten Welt. Eine neue Mutter, die Vertraute, die sie nie hatten. Mit einem Herz, das endlich auch für sie schlug. „Kinder ist das einzige, was ich kann“, sagt Ingrid Moser.

Über die Physik und die Diakonie in ein Kinderdorf im Schwarzwald

Außer Mathe und Physik. Denn eigentlich wäre sie gerne Physikerin geworden. „Doch mir fehlte das Geld für ein Studium.“ Zur Assistentin in der Halbleiterforschung brachte sie es aber immerhin. Ihre Berufung jedoch fand sie im Verlauf eines diakonischen Jahres in Bethel. „Eine gute Bekannte war Mutter im Kinderdorf. So lernte ich die Idee kennen.“ Schließlich muss sich die junge Frau entscheiden: Diakonisse werden, in langem Kleid und mit Häubchen, in ehelos und keuscher Gemeinschaft mit Gleichgesinnten? Oder ein Leben für die Kinder? „Als ich von einem Pastor erfuhr, wie viele missbrauchte Kinder er schon aus dem Krankenhaus geholt hatte, wühlte mich das so auf, dass ich gar nicht mehr lange überlegen musste.“

Im SOS-Kinderdorf in Sulzburg im Schwarzwald begleitet Ingrid Moser eine krebskranke Kinderdorfmutter bis zu deren Tod. Schließlich beerbt sie die Frau und übernimmt die neun Kinder, die zu ihrer Kinderdorf-Familie gehören. Als kurz darauf klar war, dass in Harksheide ein Dorf eröffnet wird, bewarb sich Moser. „Als ich irgendwann im Zug saß und nach Hamburg fuhr und die Kinder schlafend im Abteil liegen sah, da fühlte ich mich, als würde ich meine Beute sichern. Ich war so verliebt in die Kinder.“ Die Kinder aus ihrer gewohnten Umgebung zu reißen, weg von ihren Verwandten – das würde heute in den SOS-Dörfern nicht mehr passieren. „Damals unterband man den Kontakt mit den Eltern, das wurde von den Dorf-Leitungen regelrecht gefordert“, sagt Moser. In Harksheide ist 1963 Udo Pütt, Diakon des Rauhen Hauses aus Hamburg, der Leiter des Dorfes. Ingrid Moser eckt schnell an. „Damals haben die Kinder auch schon mal Haue bekommen. Es wurde gesagt, man solle gerade am Anfang besonders streng sein.“ Moser aber sieht das anders.

Ingrid Moser will Erziehung ohne Schläge und aus dem Bauch heraus

Damals tobt gerade die große gesellschaftliche Diskussion um Rolf Hochhuths „Stellvertreter“, dem Schauspiel über die Rolle des Vatikans im Holocaust. Alles dreht sich um Themen wie Gehorsam und das Aufbegehren gegen Autoritäten. Ingrid Moser ficht viele Konflikte mit Diakon Pütt aus. „Ich dachte, ich höre bei der Erziehung einfach auf meinen Bauch. Ich schlage keine Kinder, dafür gebe ich ihnen meine Liebe und bin total für sie da – dann wird das schon.“ Ingrid Moser seufzt. „Ach Gott, ich habe viele Fehler gemacht, so wie jede Mutter.“ Leicht machen es ihr die Kinder nicht. Da ist zum Beispiel die eine Tochter, deren leiblicher Vater sich nicht zu ihr bekannt hatte, deren Mutter nur noch Hass für sie empfand, sie misshandelte und schließlich einfach nicht mehr aus dem Krankenhaus abholte. „Was soll ich machen, wenn mich keiner haben will? Ich schaffe es, dass du mich auch weggibst!“, blafft sie Ingrid Moser an. „Schaffst du nicht!“, antwortet Moser. Und sie behielt Recht. Heute ist das Mädchen erwachsen und selbst Mutter. Eine andere Tochter, die von ihrem Pflegevater missbraucht worden war, hatte eine dicke Akte voller Verfehlungen und Horrorgeschichten. „Man konnte den Eindruck bekommen, es handle sich um ein dummes Monster“, sagt Ingrid Moser. „Doch ich mochte sie sofort.“

Natürlich gab es Abende, da wollte sie in ihr Auto springen und einfach wegfahren. Oder sie rannte nach Konflikten aufgewühlt aus dem Haus und joggte kilometerweit durch die Knicklandschaft, um sich abzureagieren. Während sich im Kinderdorf-Haus die Kinder gegenseitig trösteten und warteten, bis Mutti wieder zurückkam. „Wir waren eine Gemeinschaft, wir hielten zusammen“, sagt Moser.

Der „Nonnenring“ aus den Händen von Kinderdorfgründer Hermann Gmeiner

Einen Ring holt sie nun aus dem Wohnzimmerschrank. Golden, mit grünem Stein, darauf ein goldenes Kinderpaar, Junge und Mädchen, und ein zartes Pflänzchen – das Kinderdorf-Logo. „Das ist der Nonnenring“, sagt Moser und lacht in sich hinein. Kinderdorf-Gründer Hermann Gmeiner habe ihr den Ring nach fünf Jahren Tätigkeit verliehen. Der Ring ist die Insigne der Mitglieder der SOS-Familie. „Wir Mütter nannten ihn Nonnenring, weil er endgültig markierte, dass man Kinderdorfmutter war und blieb und auf leibliche Kinder verzichtete.“ Was heute in den Kinderdörfern durchaus vorkommt, war damals nicht vorgesehen. Völlige Hingabe für das Dorf war gefordert. „Für mich kein Problem. Ich wäre ja beinahe Diakonisse geworden.“

Ihr Leben gemeistert haben alle ihre 17 Kinder. Einer wurde Studienrat, andere Söhne Rangierer, Bäcker oder erfolgreicher Handwerker. Die Mädchen ergriffen Berufe und heirateten. 22 Enkelkinder nennen Ingrid Moser Oma. „Doch viele Beziehungen meiner Kinder scheiterten. Sie leben getrennt. Meine Jungs suchen immer die heile Familie. Meine Mädchen lassen sich nichts sagen.“ Aber sie alle seien stolz darauf, SOS-Kinder zu sein und eine Mutter wie0 Ingrid Moser zu haben.