Norderstedt
Henstedt-Ulzburg

Mein Verein . . . jagt den Holzwurm

Am heutigen Montag kommt ein Spezialist zur Götzberger Mühle - er rückt dem gefährlichen Nagekäfer mit heißer Luft zu Leibe. Seit Jahren treibt das Tier hier sein Unwesen.

Henstedt-Ulzburg. Den Gemeinen Nagekäfer und den Holzwurm kennen Sophia, 7, und Bohdan, 9, nicht. "Das gehört nicht zum Unterrichtsstoff", sagen sie. Deshalb möchte Wolfgang Sievers die Kinder von der Offenen Grundschule in Friedrichsgabe schlau machen: "Der Nagekäfer ist ein gefährliches Insekt", informiert der Vorsitzende des Vereins Götzberger Mühle beim Rundgang durch das historische Bauwerk.

Sievers zeigt auf kleine kreisrunde Löcher in den Dielenbrettern. Häufchen von Holzmehl verteilen sich an der Oberfläche. "Die Käfer und Larven schaden unserer Mühle sehr, aber jetzt werden wir den Übeltätern zu Leibe rücken", kündigt er an.

Das dürfte das Ende sein für den Gemeinen Nagekäfer. Seit Jahren schon treibt er hier sein Unwesen. Der drei bis fünf Millimeter große Holzschädling, dessen Larve Holzwurm genannt wird, ist an einer Art Kapuze auf dem Kopf zu erkennen und frisst sich vom Erdgeschoss bis zur Mühlenkappe durch die Holzkonstruktion und die Maschinenhölzer.

Könnte es passieren, dass die Mühle irgendwann einmal einstürzt, hat ein Besucher gefragt. "Das hätte passieren können", gesteht Sievers. "Aber jetzt droht keine Gefahr mehr."

Die Jagd ist eröffnet. Am heutigen Montag rückt der ärgste Feind des Nagekäfers an - der Mensch. Wolfgang Szemjonneck aus Scheeßel-Westerholz, in der Schädlingsbekämpfung seit 25 Jahren erfahren, schickt einen Lkw mit einer Wunderwaffe an Bord nach Götzberg: nichts als heiße Luft.

Dafür hatte der Verein grünes Licht erteilt, nachdem Juniorchef Tim Szemjonneck bei einer Ortsbesichtigung im Oktober 2012 einen "Anobium punctsatum-Befall" diagnostizierte. Zu deutsch: Der Holzwurm steckt in der Götzberger Mühle!

Am frühen Vormittag geht es los. Aus einem Heizgerät, von dem ein Schlauch mit 70 Zentimeter Durchmesser zur Mühle führt, werden große Mengen heiße Luft ins Gebäude geblasen. Bei einer Temperatur von 56 Grad im Holzinneren beginnt die Abtötung der darin befindlichen Käfer, Larven und Eier. Die tödliche Hitzeeinwirkung zielt auf die Gerinnung der lebenswichtigen Eiweiße. Nach einer Stunde ist die Abtötung gesichert.

Die Bekämpfungsaktion, die zwei Tage dauert, kostet den Verein 14.000 Euro

"Nach menschlichem Ermessen kommt der Holzschädling nicht wieder", versichert Geschäftsführer Wolfgang Szemjonneck. Die Bekämpfungsaktion, die zwei Tage dauert, kostet den Verein 14.000 Euro.

"Diese Summe finanzieren wir durch Spendengeld", sagt Sievers. Das Geld kommt zum Beispiel vom Denkmalfonds Schleswig-Holstein, Kiel, von der Stiftung Denkmalschutz, Bonn, und dem Landesamt Denkmalpflege, Kiel, von der Stiftung Sparkasse Südholstein, Pinneberg, von der Stiftung Schleswig-Holsteinische Landschaft, Kiel, sowie aus Eigenmitteln.

"Ziel unseres Vereins ist es, die Götzberger Mühle für viele Jahre in einem guten Zustand zu erhalten und sie für die Nachwelt zu bewahren", sagt Vereinsvorsitzender Wolfgang Sievers. "Ein zweites Ziel ist es, den nachfolgenden Generationen das Thema Getreide, Mühlen und Brot nahe zu bringen. Bei den Führungen sollen die Kinder eine Vorstellung davon bekommen, wie sich Weizenkörner anfassen."

Die Kids haben auch viel Spaß. Zum Beispiel, wenn sie gefragt werden, was ein Katzenstein ist. "Der besteht aus weichem Schieferstein, er trägt die Last der Flügelwelle und riecht, wenn er heiß ist, wie Katzenscheiße", heißt die Antwort. Nie wird Wolfgang Sievers jenen Tag vergessen, als sich die Flügel der Mühle nach jahrelangen Restaurierungsarbeiten erstmals wieder im Wind drehten. "Am 24. April 2008, 13.25 Uhr war das", erinnert er sich. "Da schlug die Stunde der Emotionen."

Agraringenieur und Vorstandsmitglied Frank Kabel, auch "Schmiermaxe" genannt, weil er die komplizierte Mühlentechnik aus dem Effeff kennt, bringt die Flügel auch heute wieder zum Drehen. Aber nur, wenn er Besuchern zeigen will, wie das funktioniert.

Anerkennung für die Leistungen gab es schon von vielen Seiten. Auch von der Gemeinde, die 30 Prozent der Restaurierungskosten übernahm. Doch manchmal wird die Arbeit fast zu viel. Und das liegt nicht nur an den 100 Buchweizentorten, die Ilona Sievers und ihre Mitstreiterinnen alljährlich zum Mühlenfest backen, die den Grundstein legen für die Bezahlung notwendiger Reparaturkosten. "Wir suchen dringend neue Mitglieder", sagt Sievers. "Für handwerklich Begabte gibt es immer etwas zu tun."

Der Verein hat bisher noch keinen Kredit aufgenommen

Der Verein, der mit großem Engagement eine der schönsten Windmühlen zu einem kulturellen Anziehungspunkt gemacht hat und am Leben erhält, muss auf jeden Euro achten. "Wir haben bisher noch keinen Kredit aufgenommen, sondern nur verfügbares Geld ausgegeben. Und so wollen wir auch künftig vorgehen", sagt Sievers. "Wir sparen eisern; denn wir wollen bald die Beplankung und die Schindeln des Mühlenrumpfes erneuern."

Manchmal steht Klaus Schlüter, 78, in seinem Garten und schaut hinüber zur Windmühle. Die Flügel drehen sich längst nicht mehr, wenn der Wind weht. Sie tun es nur, wenn der Mühlenverein es möchte. Der pensionierte Müllermeister, der das Landhandel-Geschäft seinem Sohn Klaus und seiner Tochter Angela übergeben hat, weiß die alte Mühle trotzdem in guten Händen.

Kommenden Montag stellen wir die Tauchergruppe Sepia vor. Alle Folgen finden Sie im Internet.

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