Neues Asyl

Ein Neubau für Frauen in Not in Norderstedt

Das bisherige Frauenhaus in Norderstedt ist alt und viel zu eng. Die Diakonie will ein neues Asyl bauen, doch die Finanzierung steht noch nicht.

Norderstedt. Wenn Frauen von ihren Ehemännern geschlagen wurden und mit ihren Kindern fliehen müssen, dann finden sie im Frauenhaus Norderstedt der Diakonie Zuflucht und ein Dach über dem Kopf. Doch die Immobilie im Besitz der Stadt, die irgendwo an einem für die meisten Menschen unbekannten Ort in Norderstedt steht, ist ein altes Einfamilienhaus, über Jahre immer wieder renoviert und baulich erweitert, nun aber nicht mehr zeitgemäß und für die Unterbringung von Frauen und Kindern in seelischem Ausnahmezustand unzumutbar.

Das Diakonische Werk Hamburg-West/Südholstein als Träger hat Pläne für einen Neubau eines Frauenhauses vorgelegt. Es gibt architektonische Skizzen, es gibt ein passendes Grundstück mit noch ungeklärten Besitzverhältnissen in Norderstedt, aber es gibt noch keine Finanzierung. Dafür wäre in erster Linie das Land Schleswig-Holstein zuständig, aber die Diakonie hofft auf die Unterstützung durch den Kreis Segeberg und die Stadt Norderstedt. Etwa 1,5 Millionen Euro würde der Neubau kosten.

Wer das Frauenhaus besucht, der erlebt die Enge dort. Jeder Meter wird genutzt. Umzugskisten und Koffer stehen auf den Gängen. Die Habe der Frauen. "Wir haben keine Lagerräume", sagt die Leiterin des Frauenhauses, Anita Brüning. "Irgendwo müssen die Frauen ihre Sachen ja lassen." 25 Plätze bietet das Haus, fünf Zimmer in der ersten Etage mit je vier Plätzen in zwei Stockbetten, dazu ein Zimmer im ausgebauten Dach. Kaum vier Quadratmeter Fläche pro Frau, 269 Frauen wohnten hier 2012 vorübergehend.

Doch das Haus ist eigentlich mehr ein Kinder- als ein Frauenhaus. "Mehr als 50 Prozent der Bewohner sind Kinder", sagt Brüning. Frauen suchen mit zwei oder drei Kindern Zuflucht. Ausgeschlossen ist, dass sie in einem Zimmer mit Alleinstehenden zusammengeworfen werden. Also werden Familienzimmer gebildet, um ein Minimum an Privatsphäre zu bieten. "Sie können auch nicht eine Frau mit einem zweijährigen und eine Frau mit einem elfjährigen Kind zusammenlegen. Der Lebens-Rhythmus der Kinder ist zu verschieden", sagt Brüning.

In einer 15-Quadratmeter großen Küche kochen zeitweise drei Frauen gleichzeitig Mittag- oder Abendessen. In zwei Bädern haben die Familien morgens und abends ihre streng limitierten Zeitkontingente für die Körperpflege. Vielleicht wäre das alles zumutbar, wenn die Frauen auf dem Wohnungsmarkt schnell eine eigene Bleibe finden könnten. Doch der Markt für mit Sozialhilfe bezahlbarem Wohnraum ist leergefegt. Mindestens vier oder sechs Monate bleiben die Frauen im Frauenhaus. "Ihr Leben bricht zusammen, und zusätzlich drückt die beengte Wohnsituation auf die Psyche", sagt Brüning. Beratungsgespräche führen die sieben Mitarbeiterinnen des Hauses in ihren engen Büros. Für die Kinder fehlen Spielzimmer oder Rückzugsorte. Anita Brüning: "Mit einer männlichen Honorarkraft versuchen wir, den Jungen in unserem Haus eine Bezugsperson zu bieten. Die Kinder sollen hier erfahren, wie man gewaltfrei aufwachsen und zusammenleben kann."

Ein Neubau könnte schon bis Ende 2014 Realität werden

Diakoniepastorin Maren von der Heyde bemüht sich intensiv um einen Zuschuss des Kirchenkreises für einen Neubau. "Außerdem stehen wir in Gesprächen mit dem Land, dem Kreis und der Stadt Norderstedt. Wir sind zuversichtlich, dass es vielleicht doch ganz schnell gehen wird und wir bereits Ende 2014 in ein neues Frauenhaus einziehen können." Ihr Optimismus ist nicht unbegründet. Kürzlich besuchte die frauenpolitische Sprecherin der Landtagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen, Marret Bohn, das Frauenhaus. Sie versprach, sich für die Finanzierung bei der Landesregierung einzusetzen.

"Keine vier Quadratmeter pro Frau - das ist unzumutbar. Auf unbestimmte Zeit leben drei fremde Frauen in einem Raum miteinander. Das ist die Realität in Norderstedt und wahrscheinlich nicht nur hier." 16 Frauenhäuser gibt es in Schleswig-Holstein. Die schwarz-gelbe Vorgängerregierung habe 500.000 Euro bei den Frauenhäusern gekürzt. Rot-Grün-SSW habe diese Kürzung bereits wieder kassiert. "Damit dies nicht ein Tropfen auf dem heißen Stein bleibt, sind jetzt alle gefragt: Bund, Land, Städte und Gemeinden. Alle müssen gemeinsam an einem Strang ziehen und bereit sein, in den Gewaltschutz zu investieren."

Anfang der 80er-Jahre startete das Frauenhaus als autonomes Projekt

Anette Reinders, die Sozialdezernentin der Stadt Norderstedt, signalisiert die Bereitschaft der Stadt zur Hilfe. Mit der Finanzierung habe die Stadt faktisch aber nichts zu tun. "Da kann ich nichts zu sagen. Das muss die Politik diskutieren und entscheiden", sagt Anette Reinders.

Ihre vollste Unterstützung hat der Neubau allerdings. Seit Mitte der 80er-Jahre ist das Einfamilienhaus im städtischen Besitz ein Frauenhaus. "Es ging los als autonomes Frauenhaus, es gab viel politischen Streit deswegen. Die Finanzierung war kompliziert", sagt Reinders. Erst 2006 wurde die Kostenübernahme klar geregelt. Geldgeber ist an erster Stelle das Land.

Das Frauenhaus in Norderstedt hat festgelegte 25 Plätze und ist zuständig für den gesamten Kreis Segeberg. "Weil wir als Stadt so nett waren, der Diakonie das Haus über all die Jahre zu einem sehr günstigen Mietpreis zu überlassen, haben wir heute ein Problem", sagt Reinders. Denn die niedrigen Hauskosten werden im Land als Grundlage für die Budgetierung genommen. Doch so lässt sich ein Neubau nicht stemmen. Reinders: "Doch das sind keine Probleme, die sich nicht lösen lassen, indem sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen und diskutieren. Wir reden ja bei dem Neubau nicht über Unsummen."