Norderstedt
Kreis Segeberg

Mobile Deiche aus Henstedt-Ulzburg

Firmenchef Walter Wagenhuber liefert Hilfe in Form seiner mobilen Deiche in die Katastrophengebiete. Aus Norderstedt kommen 200.000 Sandsäcke.

Kreis Segeberg. Seit Tagen hat das Hochwasser Deutschland im Griff. Während die Pegel in Süddeutschland langsam sinken, sind vor allem Teile Brandenburgs und Sachsen-Anhalts von den Wassermassen bedroht. Niedersachsen, Schleswig-Holstein und das nordwestliche Brandenburg rüsten sich gegen die heranrollende Flutwelle, die am Wochenende erwartet wird.

Das Leid der Menschen in den von Hochwasser bedrohten Gebieten ist gleichzeitig eine Bewährungsprobe für den Diplom-Ingenieur Dr. Walter Wagenhuber, 50, der auf dem Gelände der früheren Betonsteinwerke an der Schleswig-Holstein-Straße mobile Deiche lagert und vertreibt. Die können überall sofort eingesetzt werden - angesichts der Flutkatastrophe sind sie ein Umsatzrenner geworden.

Das Prinzip ist einfach, die Idee geradezu genial: Angesichts der zunehmenden Umweltkatastrophen überall in der Welt versuchen sich die Menschen vor den Wassermassen zu schützen. Das geht bis zu einem gewissen Grad mit Sandsäcken, besser aber funktionieren Deiche, die im Bedarfsfall sehr schnell aufgebaut und anschließend genauso schnell wieder abgebaut werden können. Walter Wagenhuber, der zusammen mit seinem Bruder Manfred bis zum vergangenen Jahr das Betonsteinwerk betrieb - aus dem 4,42 Hektar Gelände soll eines Tages ein Baugebiet werden -, hat mit seiner Mobildeich GmbH offenbar ein zukunftsträchtiges Unternehmen gegründet. Die Nachfrage ist groß - so groß, dass im Augenblick kaum noch geliefert werden kann und der Firmenchef unablässig in den deutschen Hochwassergebieten unterwegs ist.

Alleine in Dessau wurde 1,7 Kilometer Deichlinie verlegt

Die Gesamtlänge der in den vergangenen Tagen ausgelieferten Mobildeiche beträgt etwa drei Kilometer. Alleine in Dessau wurde 1,7 Kilometer Deichlinie verlegt, in Magdeburg wird das Gebäude des Mitteldeutschen Rundfunks damit geschützt, am Deutschen Eck in Koblenz liegen die Deiche, in zwölf anderen Orten sollen sie die Wassermassen zurückhalten.

So funktioniert der Mobildeich: Die Flut steigt, der Mobildeich wird direkt in das ansteigende Hochwasser gerollt. Ein Helfer positioniert die Tauchpumpe im Wasser. Der erste Schlauch wird an die Tauchpumpe angeschlossen und mit Wasser befüllt. Nach 20 Minuten wird das ansteigende Flutwasser bereits gestaut. Eine zusätzlich ausgelegte Dichtungsplane unter dem Deich verhindert bei unbefestigten Flächen Unterspülungen. Wenn nach 60 Minuten auch der dritte Schlauch mit Wasser gefüllt ist, wiegt der Deich 120 Tonnen und ist bis zu 2,60 Meter hoch. Weil der Deich in der Regel auf bestehende Deiche gelegt wird, reicht er auch für höchste Wasserstände.

Walter Wagenhuber lässt den Mobildeich in einem Werk in der Nähe von Osnabrück herstellen, geliefert wurde bisher auch nach Polen, Österreich und die Schweiz. Entwickelt wurde der Deich für Katastrophenfälle - die Situation ist für den Geschäftsmann Walter Wagenhuber deshalb paradox: "Durch die Flut steigt natürlich unser Bekanntheitsgrad." Der ist in den letzten Tagen sogar so stark gestiegen, dass die Nachfrage die Produktionsmenge fast überstiegen hat. "Wir haben gerade noch 150 Meter im Lager." Die Idee des Henstedt-Ulzburgers ruft allerdings Nachahmer auf den Plan - der Diplom-Ingenieur muss sich jetzt auch gegen Billiganbieter behaupten.

Die Norderstedter Sandsäcke werden in Indien produziert

Säcke aus Norderstedt sind in den deutschen Katastrophengebieten ebenfalls gefragt. Das Säckekontor Kurani an der Oststraße gehört zu den Hauptlieferanten: Rund 200.000 Jute- und Kunststoffsäcke hat der aus Indien stammende Geschäftsmann Hirendra Kurani bis zu diesem Freitag ausgeliefert. Zuletzt 156.000 Säcke, die von einer Spedition nach Wittenberg an der Elbe gefahren wurden.

Für das 1994 gegründete Unternehmen ist das eine zusätzliche und unverhoffte Einnahme. Denn hauptsächlich werden Industriebetriebe in Deutschland und anderen europäischen Ländern beliefert. "Sandsäcke machen noch nicht einmal ein Prozent unseres Umsatzes aus", sagt Hirendra Kurani, der seine Säcke in Indien fertigen lässt. Er hatte sich in den Katastrophengebieten selbst nicht angeboten, Zwischenhändler sind bei der Suche im Internet auf das Norderstedter Unternehmen aufmerksam geworden und kaufen für die Städte, Gemeinden und Hilfsorganisationen in den Katastrophengebieten ein. Erst am Einsatzort werden die für den Einmalgebrauch gedachten Säcke mit Sand befüllt. Je nach Größe passen 13 oder 18 Liter hinein.

Schon 2002 und 2006 konnte er mit größeren Sacklieferungen in deutschen Hochwassergebieten aushelfen. Überhaupt macht der indische Geschäftsmann keine Reklame für sein Säckekontor: Viele Kunden, die schon seit Jahren bei ihm einkaufen, empfehlen ihn weiter.