Norderstedt

Eine Stadt wagt den Aufbruch in die digitale Stromwelt

Norderstedter Stadtwerke fragen Bürger, ob sie die Waschmaschine einschalten und den Energieverbrauch von außen steuern dürfen.

Norderstedt. Wie finden es die Bürger, wenn die Stadtwerke ihre Waschmaschine von außen einschalten, wenn sie ihre Gefriertruhe steuern oder das TV-Gerät dunkel bleibt, weil der Strom aus der "falschen" Steckdose kommt? Oberbürgermeister Hans-Joachim formuliert ganz handfest, was die Stadt von den Norderstedtern wissen will. Ende März bekommen 31.000 Haushalte Post von den Stadtwerken - alle, die Kunden des örtlichen Versorgers sind. In den Umschlägen stecken Fragebogen. Knapp 20 Fragen sollen die Adressaten beantworten, Thema sind Energienutzung und Klimaschutz im Haushalt.

Forschungsschwerpunkt in Norderstedt ist die klimaneutrale Stadt

"Es ist die erste flächendeckende Umfrage in der Stadt", sagte Grote, der Anlass ist hoch aufgehängt: Norderstedt fragt im Auftrag des Bundesforschungsministeriums. Die Stadt hat es unter die 15 Städte und Gemeinden geschafft, die sich am bundesweiten Wettbewerb "ZukunftsWerkStadt" beteiligen. Forschungsschwerpunkt ist die klimaneutrale Stadt - in Norderstedt soll bis zum Jahr 2040 nur soviel CO2 in die Luft gepustet werden wie auch hier gebunden werden kann. Dafür gibt es 250.000 Euro. Die Hälfte ist für die Bürgerbeteiligung gedacht, auch da ist und war Norderstedt Vorreiter mit dem Lärmminderungsplan. 125.000 Euro will die Stadt für Forschungsprojekte ausgeben.

Daher werden die Fragebogen auch wissenschaftlich ausgewertet. "Drei Lehrstühle sind daran beteiligt", sagt Herbert Brüning, Leiter der Stabsstelle "Nachhaltiges Norderstedt", der die Aktivitäten koordiniert. Die Stadt will erfahren, was die Bürger über die Energiewende wissen, was sie über den Atomausstieg und die erneuerbaren Energien wissen, wie sie handeln, und was sie akzeptieren würden, um die Neuausrichtung der Energiepolitik zu unterstützen.

"Natürlich haben wir einen Plan, wie unsere Produkte künftig aussehen sollen. Aber wir wollen nicht an unseren Kunden vorbei entwickeln und möglichst viele Menschen mitnehmen auf dem Weg in die energetische Zukunft", sagte Jens Seedorff, Leiter der Norderstedter Stadtwerke. Und das heißt vor allem: Strom sparen, Windkraft nutzen, wenn sich die Rotoren drehen, die Sonne, wenn sie scheint. "Intelligente Netze" und "Smart-Metering" sind die entscheidenden Stichworte. "Man redet drüber, aber wer weiß schon, was das wirklich bedeutet", sagte der Oberbürgermeister.

Norderstedt sei da bundesweit weit vorn. "Es gibt nur wenige kommunale Versorger, die solche Angebote machen können wie die Stadtwerke Norderstedt", sagte Brüning. Dazu zählten nicht nur ökologisch ausgerichtete Stromtarife wie "TuWatt" oder "Gezeitenstrom". Zweite wichtige Komponente ist wilhelm.tel. Das leistungsstarke Telekommunikationsnetz bietet die Kapazitäten, die für eine Messung und Steuerung des Stromverbrauchs nötig sind. "Unsere TuWatt- und Gezeitenstrom-Kunden bekommen einen digitalen Zähler, einen sogenannten Smart-Meter, installiert. Damit können sie jederzeit und an jedem Ort ihren aktuellen Stromverbrauch ablesen und analysieren. So können sie selbst entscheiden und ihren Stromverbrauch aktiv steuern", sagte Seedorff. Rund 1000 dieser modernen Geräte haben die Stadtwerke bisher ausgeliefert.

Die Energiewende birgt aber auch ein psychologisches Problem: Wie weit sind die Menschen bereit, sich von außen steuern zu lassen und Eingriffe in ihr familiäres Leben zu akzeptieren? "Das ist ein Aspekt, den man nicht unterschätzen sollte", sagte Grote. Daher sind auch Psychologen an der Auswertung der Umfrage beteiligt. Ein bis zwei Prozent Rückläufer reichen für die Statistik.

Die Ergebnisse geben Auskunft über die Zahl der technikaffinen Kunden

Doch die Initiatoren hoffen auf deutlich mehr. "Je mehr Menschen mitmachen, desto zuverlässiger sind die Erkenntnisse", sagte Seedorff. Daraus lasse sich beispielsweise ablesen, ob und wie viele technikaffine Haushalte es gibt. Diese Kunden könnten anders angesprochen werden als solche, die moderner Technologie eher skeptisch gegenüberstehen. Grote verwiest auf das Motto der Fragebogen-Aktion: "Meine Stadt - meine Zukunft". Das sage sehr deutlich, worum es geht: möglichst viele Norderstedter mitzunehmen.

20 Minuten reichten, um die Fragen zu beantworten. Wer teilnimmt, macht automatisch bei einem Gewinnspiel mit. Die Initiatoren der Umfrage gehen davon aus, dass die Ergebnisse Ende Juni vorliegen.