Norderstedt
Donatus im Visier von Heimaufsicht und Gewerkschaft

Chaotische Zustände im Seniorenheim

Alte Menschen werden nur unzureichend versorgt. Kreistagspolitikerin schaltete die Polizei ein.

Bad Bramstedt. Der Notruf erreichte Jutta Altenhöner an einem Sonnabend kurz vor dem Frühstück. Der Anrufer meldete sich aus dem Seniorenzentrum Donatus in Bad Bramstedt. "Für mich stand fest: Dort steppt der Bär", berichtet die resolute Vorsitzende des Kreis-Sozialausschusses, die sich seit Jahren mit den Zuständen in dem Alten- und Pflegeheim beschäftigt. Die Sozialdemokratin machte sich sofort auf den Weg - und war entsetzt.

"Als erstes kam mir eine Pflegerin entgegen und rief immer wieder ,Ich kann nicht mehr'", berichtet Altenhöner. Die Frau habe offenbar fünf Tage ohne nennenswerte Pausen gearbeitet und sei nervlich am Ende gewesen.

Als sich Altenhöner bei den Patienten umsah, stellte sie fest, dass viele noch gar kein Frühstück erhalten hatten, obwohl es bereits 11.30 Uhr war. Dazu gehörte auch eine Frau, die im Speisesaal saß und als Diabetikerin dringend auf eine Mahlzeit angewiesen war. "Das passiert hier öfter", habe die alte Dame zu Altenhöner gesagt. "Irgendwann falle ich hier tot vom Stuhl." "Ich habe mich in dieser Situation gefragt, was zu tun ist", sagt die Politikerin, die Mitglied im Kreis-Sozialausschuss ist. Nachdem Altenhöner zunächst kein Pflegepersonal entdecken konnte, um den alten Menschen zu helfen, entschied sie sich zu einem ungewöhnlichen Schritt: Sie rief die Polizei.

Außerdem alarmierte die Politikerin Landrätin Jutta Hartwieg, die als Chefin der Kreisverwaltung auch für die Aufsicht der Heime zuständig ist. Die Besatzung des Streifenwagens konnte den Bewohnern nicht helfen. Im Gegensatz zur Landrätin, die sich noch am Abend im Donatus umsah. Altenhöner: "Die Landrätin war entsetzt." Kurz danach verfügte die Heimaufsicht nach Informationen der Norderstedter Zeitung einen Belegungsstopp und weitere Auflagen, um für erträgliche Bedingungen zu sorgen.

Auch die Gewerkschaft hat das Donatus ins Visier genommen. "Donatus ist ein schlechter Arbeitgeber", sagt Ver.di-Sekretärin Sabine Daß. Die Arbeit für die Beschäftigten nehme ständig zu, die Gehälter seien niedrig. "Etliche Mitarbeiter haben sich eine neue Stelle gesucht", sagt Daß. Einen Betriebsrat gebe es nicht. Auch Angehörige von Bewohnern berichten von chaotischen Zuständen im Donatus. "Die Heimaufsicht geht dort ein und aus", berichtet ein Bramstedter, dessen Eltern dort betreut werden. Das Donatus beschäftige viele Teilzeitkräfte. Das Personal wechsle ständig, sodass manche Mitarbeiter nicht einmal die Namen der Patienten kennen. "Die Pfleger beklagen, dass ihnen immer mehr Arbeit aufs Auge gedrückt werde", sagt der Bramstedter.

Der Glückstädter Owe Mertens hat seine 91 Jahre alte Mutter vom Donatus in ein anderes Heim verlegt. "Es kam immer mehr Zeitarbeitspersonal", berichtet Mertens. "Die Leute waren fachlich nicht in der Lage, mit den Menschen umzugehen." Immer wieder seien neue Pfleger aufgetaucht, die nicht einmal die Namen der Patienten kannten. Besonders altersverwirrte Menschen wie seine Mutter seien jedoch auf vertraute Personen angewiesen, um sich zurechtzufinden. Die Folge: "Meine Mutter baute immer mehr ab."

Mertens hat beobachtet, dass die wenigen verbliebenen Mitarbeiter des Stammpersonals sich mit hohem Einsatz bemühten, die Lage in den Griff zu bekommen, jedoch ohne Erfolg. "Was dort läuft, ist Ausbeutung", sagt Mertens. Den Betreibern gehe es ausschließlich um eine gute Rendite. Den letzten Anstoß, seine Mutter in ein Heim in Glückstadt zu verlegen, habe im Sommer eine Angehörigen- und Betreuerversammlung im Donatus gegeben. "Alle Besucher waren sich einig, dass es so nicht weiter geht", sagt der Glückstädter. "Doch die Leitung des Donatus hat keine konkrete Antwort gegeben."

Falk Dennhardt aus dem Kreis Rendsburg-Eckernförde hat vor wenigen Tagen seinen dementen Vater (94) in ein anderes Heim verlegt. "Dort hat man festgestellt, dass mein Vater wochenlang nicht gebadet worden war", berichtet der pensionierte Polizist. Zeitweise sei eine Betreuerin für 50 Demente im Dienst gewesen. Dennhardt: "Hinter den Kulissen war das eine Katastrophe."

Die Heimaufsicht in der Kreisverwaltung will sich aus Datenschutzgründen nicht zu den Zuständen im Donatus äußern. Die H&R Senioren Heimbetriebsgesellschaft in Berlin, die das Seniorenzentrum leitet, schweigt zu den Fragen der Norderstedter Zeitung.