Norderstedt

Eine Blume als Rauschdroge

Kreis Segeberg: Das Rätsel um die massenhafte Hortensien-Klauerei scheint gelöst

Kreis Segeberg. Erinnern Sie sich noch? Im Herbst der Jahre 2003 und 2004 konnten sich die Polizeistationen im Kreis Segeberg kaum noch vor Anrufen von aufgebrachten Bürgern retten. Eine Strafanzeige wegen Diebstahls löste die andere ab. Eine ungewöhnliche Situation, denn die Ordnungshüter konnten sich keinen Reim auf die Massen-Klauerei machen. Wenn die Menschen ins Bett gingen und tief und fest schliefen, schlichen merkwürdige Zeitgenossen auf ihren Grundstücken herum und hatte nur eine einzige Blume im Auge: die Hortensie.

Allgemeines Kopfschütteln am nächsten Morgen. Überall hatten die ungebetenen Gäste die neuen Triebe der Hortensien abgesäbelt und mitgenommen. Abgesehen davon, daß die schönen großen Büsche im kommenden Sommer nicht mehr blühen konnten, fragte sich alle Welt: Was wollen die Diebe bloß mit diesen Hortensien-Trieben? Polizei, Behörden und Bürger standen vor einem Rätsel. Statt der Hortensien blühten die Spekulationen. Werden die geklauten Teile mit Goldspray besprüht und anschließend verkauft? Oder werden sie bewurzelt und zum Verkauf angeboten? Wegen der unterschiedlichen Blütenfärbung - so die Polizei - würde das wohl nicht in Frage kommen. Einige kamen auf die wahnwitzige Idee, Tiere seien scharf auf die Triebe, Kaninchen in unteren Gefilden, Wildschweine weiter oben.

Während sich der Hortensien-Klau auf ganz Deutschland ausdehnte, setzte das Landeskriminalamt in Kiel eine Spezialtruppe ein, die irgendwann - ohne die Öffentlichkeit zu informieren - ihre Ermittlungen einstellte. Die Polizeiinspektion Bad Segeberg nahm aus der Landeshauptstadt zur Kenntnis: Die Sache habe sich erledigt.

Was von den Ordnungshütern wie ein Fall für den Panzerschrank behandelt wird, hatte sich in anderen Kreisen längst herumgesprochen. Die Hortensie hat gemäß Fachliteratur eine euphorisierende Wirkung. Die getrockneten Triebe sollen, raucht man sie, ähnliche Effekte wie Marihuana haben, fallen aber nicht unter das Betäubungsmittelgesetz.

Aha! Hortensiensträucher also als Rauschdroge und die Diebe aus dieser Szene? Bewiesen ist dies noch nicht, aber die Wahrscheinlichkeit grenzt an Sicherheit. Die aus China und Japan stammende Garten- und Zierpflanze ist hierzulande ziemlich spät als Droge entdeckt worden. Auch wenn das Landeskriminalamt die Wirkung herunterspielt: "Die euphorisierenden Wirkstoffe haben unsere Experten von der Kriminaltechnischen Untersuchung nicht gefunden."

Interessant ist, was Wissenschaftler über die begehrte Pflanze sagen: Nach direkter Aufnahme in größeren Mengen könne es zu Schwindelgefühlen, Beklemmungen und zentralnervösen Störungen kommen. Dabei könne ein erheblicher Teil von Blausäure freigesetzt werden, der Vergiftungs- und Todesgefahr bedeute.

Diesen gefährlichen Pferdefuß haben die Diebe aus der Drogenszene offenbar auch erkannt. Sie scheinen auf unsere schönen Hortensien nicht mehr so scharf zu sein. Im vergangenen Herbst sind sie jedenfalls nicht mehr aufgetaucht.