Projekte 2020/21

Landkreis setzt auf Ausbau des Radverkehrs

Vorrang für Radfahrer ist im Landkreis Harburg keineswegs gesetzt. Das soll sich zügig ändern.

Vorrang für Radfahrer ist im Landkreis Harburg keineswegs gesetzt. Das soll sich zügig ändern.

Foto: Sebastian Becht

Heute radelt Ministerpräsident Stephan Weil bei Hanstedt durch die Region – ADFC übergibt dabei einen Katalog mit Forderungen.

Kreis Harburg. Fahrradfahren im Landkreis Harburg rückt immer stärker in den Fokus der Politik. Bei einer Radtour mit Niedersachsens Ministerpräsidenten Stephan Weil (SPD) will der Kreisverband des Allgemeinen Deutschen Fahrradclubs (ADFC) am heutigen Mittwoch aufzeigen, wo „das Leben für Radfahrer verbessert werden kann“, wie die Vorsitzende Karin Sager sagt. Sie wird zudem nach der Tour über 15 Kilometer einen Forderungskatalog an Weil überreichen. Die CDU-Kreistagsfraktion hat zum Bau- und Planungsausschuss Ende August ihrerseits eine Anfrage eingereicht und will sich so über die geplanten Projekte für die Jahre 2020/21 informieren. Hintergrund: Für die beiden Jahre plant der Kreis ein Doppelhaushalt.

Der Katalog der Fahrrad-Enthusiasten ist detailliert und sieht in neun Punkten gegliederte Maßnahmen vor. So sollen Straßen rund um Schulen grundsätzlich zu Fahrradstraßen umgewidmet werden. Alle Dörfer, Städte und Siedlungsgebiete müssten schnellstmöglich durch gute Fahrradachsen erreichbar sein, direkt und soweit wie möglich, autofrei. Für die Landkreise Harburg und Lüneburg biete sich hier etwa die stillgelegte Trasse der Buchholzer Bahn von Buchholz nach Lüneburg an. Das Land Niedersachsen habe bisher jedoch versäumt, diese Strecke zu erwerben und zu einer Veloroute umzubauen.

Sager geht davon aus, dass bei einem rascheren Bau von Radschnellwegen in Richtung Hamburg viele Pendler innerhalb der Metropolregion bereit wären, auf das Fahrrad umzusteigen. Bedingung: Die Velorouten müssten von Hamburg aus ebenso wie die Bahnhöfe im Landkreis gut per Rad erreichbar sein.

Im Öffentlichen Personennahverkehr soll bei relativ wenigen Abfahrten von Bus und Bahn der Transport von Fahrräder möglich sein. An den Haltestellen und Knotenpunkten müsse es dazu sichere Abstellmöglichkeiten geben. Die Renovierung und Sanierung von bestehenden Radwegen müsse ebenso gefördert werden wie der Neubau, fordert der ADFC weiter. Fahrschulen sollten stärker auf den Radverkehr und seine Vorschriften eingehen. Denn bislang würden Radfahrer oft von Autofahrern „missachtet.“ „Es gibt mehrere Radverkehrskonzepte im Kreis Harburg, in den kreisangehörigen Städten und in Seevetal. Es muss nun dringend dafür gesorgt werden, dass Maßnahmen umgesetzt werden“, schreibt Sager, „Denn ein Konzept schafft keine Infrastruktur.“

Infrastruktur soll ausgebaut werden

Auch die CDU macht sich für sichere und komfortable Wege stark. „Wir wollen die Infrastruktur so ausbauen, dass mehr Kilometer auf zwei Rädern gefahren werden“, sagt Fraktionsgeschäftsführer Christian Horend. „Es soll für die Bürger künftig keine Ausreden mehr geben, sich in den Sattel zu setzen.“

Schon 2017 hatte die Partei beantragt, die finanziellen Mittel zusätzlich zur Instandhaltung von Radwegen um 500.000 Euro jährlich aufzustocken. Erstmals soll dieses Geld nun 2019 für Projekte fließen. Damit steigt die Gesamtsumme in diesem Jahr auf 1,5 Millionen Euro. Der Zuschuss ist zunächst mindestens bis 2022 vorgesehen.

Wie schnell jedoch Gelder abfließen, lässt sich schon an einer einzigen Maßnahme aus der Prioritätenliste des Kreises ersehen. Da werden für einen 1,7 Kilometer langen, neuen Radweg zwischen Sieversen und Nenndorf allein 664.000 Euro aufgerufen. „Das Radverkehrskonzept des Kreises hat 250 Seiten mit Maßnahmen und dazu aufgelisteten Preisen. Die Summe geht insgesamt in die Millionen Euro“, sagt Horend. Um den Überblick zu behalten, setzt die CDU auf den Rat der Kreisverwaltung. „Die Experten müssen dazu Stellung nehmen, was rasch den größten Nutzen bringt.“

Es fehlen noch E-Bike-Ladestationen

Vorschläge haben jedoch auch die Christdemokraten. Für zielführend hält Horend, der auch Mitglied im Kreistag ist, Maßnahmen im Bereich der Strecke zwischen Buchholz und Jesteburg, um so Fahrgästen der Bahn ein Fortkommen zu sichern. „E-Bike-Ladestationen fehlen etwa am Kiekeberg und Pendlerparkplätze könnten künftig für Räder ihre Abstellplätze ausgebaut werden.“

Wie es mit dem Radwegeausbau weitergehen soll hatte der ADFC-Kreisverband die Parteien im Kreistag bereits Anfang Juli gefragt. Sager hatte CDU, SPD, FDP, Grüne und Freie Wähler angeschrieben und sie gebeten ihre Statements bis zum 15. August abzugeben.

Der Verband will etwa wissen, welche Projekte in den nächsten zwei Jahren realisiert werden sollen. Zudem fragt auch der ADFC nach den Mitteln, die jährlich in den Kreis-Haushalt eingestellt werden und zudem nach einem Sofortprogramm zum Ausbessern von maroden Wegen.

Viele Erwartungen richten sich derzeit auf den neuen Fahrradbeauftragten, den der Landkreis einstellen wird. Den würde die CDU am 20. August im Bauausschuss gern kennen lernen, soweit die Personalie schon steht. Klar ist: Spätestens am 1. Januar soll der herbeigesehnte Fachmann die Arbeit aufnehmen.

ADFC hofft auf Weil

Der ADFC Niedersachsen sieht Abbiegeassistenten in Lkw als geeignetes Mittel, schwere und tödliche Unfälle mit Radfahrern zu vermeiden. Deshalb bittet der ADFC Ministerpräsident Stephan Weil (SPD), darauf hinzuwirken, dass die Polizei künftig erfasst und mitteilt, ob Abbiegeassistenten in einem Unfall-Lkw vorhanden sind. Solche Veröffentlichungen könnten dazu beitragen, dass die Assistenz-Systeme rascher verbreitet würden, heißt es in einem Papier, das heute ebenfalls an Weil übergeben werden soll.

Der Verband setzt sich zudem für die Einführung der ERA 2010 in Niedersachsen ein und bittet Weil um Unterstützung. Die Empfehlungen für Radverkehrsanlagen sind ein technisches Regelwerk für Planungen und den Betrieb von Radverkehrsanlagen, das die Forschungsgesellschaft für Straßen- und Verkehrswesen in Köln herausgegeben hat. Die ERA sind bundesweit nicht eingeführt, wohl aber in Nordrhein-Westfalen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt, Berlin, Baden-Württemberg und inzwischen auch in Hamburg.