160 Angestellten droht die Kündigung

Flughafen Lübeck: Die Angst geht um

Der defizitäre kleine Airport steht vor dem Aus. Letzte Hoffnung ist ein neuer Investor - der muss bis Februar 2010 gefunden sein.

Lübeck. Mittags um zwölf ist Fofftein auf dem Lübecker Flughafen Blankensee - auf jedem Friedhof ist am Sonntag mehr los. Das Rollfeld ist leer. Die fröhliche Dame im LSG Shop sammelt die Kaffeepötte ein, lässt die Gardinen runter und sperrt die Türen zu. Auch ihre Kollegin von der Sixt Autovermietung stellt den Geschäftsbetrieb vorübergehend ein. "Komme gleich wieder", steht auf einem Schild.

In der Abfertigungshalle herrscht Totenstille. Neonlicht scheint auf den hellgrauen Steinfußbuden, die sieben Abfertigungsschalter sind verwaist, einsam brummt eine Eismaschine vor sich hin. Ein paar Frauen und Männer des Abfertigungspersonals kommen vorbei und verschwinden in die Pause. Fast alle tragen Buttons am Revers: "Ja zum Flughafen" Sagen will keiner etwas zur drohenden Schließung des Airports. Warum nicht? Schulterzucken.

Erneut kehrt Ruhe ein. Auch der einzige sichtbare Passagier, ein Mann mit schwarzer Lederjacke und Laptop auf einem der orangefarbenen Schalensitze, ist verschwunden. Tristesse pur - passend zur Situation des Provinzflughafens rund 60 Kilometer vor den Toren Hamburgs. Am vergangenen Donnerstag hat die Lübecker Bürgerschaft beschlossen, den Airport nicht mehr zu bezuschussen. Wird bis Februar 2010 kein Kaufinteressent oder Investor gefunden, soll "abgewickelt" werden. Aus dem kalten Amtsdeutsch übersetzt heißt das: 160 Angestellten droht die Kündigung; zudem sind 500 Jobs im Lübecker Umfeld gefährdet.

"Die Situation ist erschütternd", sagt Putzfrau Christine Gehrmann (46). Für einen Moment lässt sie ihren Reinigungswagen stehen, lehnt den Besen dagegen, stemmt die Hände in die Seite und sagt: "Für mich ist diese politische Entscheidung unbegreiflich - denn unser Flughafen brummt doch." Im Sommer sei der Teufel los gewesen. Seit sechs Jahren sei sie dabei, sechs Tage in der Woche à sechs Stunden, da könne man mitreden.

"Aber noch ist die Hoffnung nicht begraben", meint die Lübeckerin und macht sich wieder an die Arbeit. Zwischenzeitlich wird der eine Passagier wiederentdeckt, der mit der schwarzen Lederjacke und dem Laptop. Er ist der einzige Gast im Restaurant Welcome direkt neben der Abflughalle. Ein XXL-Burger mit Pommes für sieben Euro ist im Angebot. Wer sechs Euro mehr anlegt, darf in der Lounge auf schwarzen Ledersesseln Platz nehmen.

Von dort aus besteht exzellente Aussicht auf die Gastwirtschaft Bruchpilot auf der anderen Straßenseite sowie auf den "Komfort-Parkplatz" direkt vor dem einstöckigen Flughafengebäude. Wer den Langzeitparkplatz 300 Meter entfernt nimmt, zahlt weniger als die Hälfte.

Noch günstiger ist der Shuttle-Bus. Vom Hamburger ZOB dauert es nur 65 Minuten bis Blankensee - und von der Haltstelle bis zum Gate sind es nur ein paar Schritte. Angeboten wird dieser Service zu jedem Flug. An diesem Sonntag starten und landen je sieben Flugzeuge. Das Prinzip ist simpel und effektiv: Die Maschinen landen - und fliegen rund eine halbe Stunde später wieder zurück. Herkunfts- und Zielorte heute sind London-Stansted und Frankfurt-Hahn am Morgen sowie Danzig, Dublin, Palma de Mallorca, Stockholm und nochmals London am Nachmittag und Abend. Sechsmal ist der irische Billigflieger Ryanair im Einsatz; die Danzig-Verbindung übernehmen die Ungarn von Wizz Air. One way gibt es das Ticket ab 12,49 Euro inklusive Steuern. Andere Flüge sind für zehn oder 19 Euro zu haben. Rund 700 000 Passagiere jährlich wissen solche Tarife und fast immer Pünktlichkeit zu schätzen.

Um 14.55 Uhr soll die Boeing 737 mit der Flugnummer FR 7075 vom Rollfeld abheben. 90 Minuten früher, fast auf die Minute pünktlich, kommt der Shuttle aus Hamburg an. Er ist gut besetzt. "Wenn Lübeck dichtmacht, wäre es eine Schande", sagt ein Fluggast aus Hamburg-Marienthal. "Die Politik plant an den Bürgern vorbei", ergänzt eine Mitreisende. Die abgestellten Autos nebenan weisen auf Fluggäste aus ganz Norddeutschland hin. Viele Pkw aus Hamburg sind zu sehen, aber auch Nummernschilder aus Ostholstein, Nordfriesland, Mecklenburg und Polen.

Der kleine Laden und die beiden Autovermietungen sind wieder besetzt. Eine Reisegruppe aus Kiel bestellt Hotdogs und Mineralwasser. Ein Ehepaar ist aus Rostock angereist, um sich über die Lage des Flughafens mit der hervorragenden Autobahnanbindung und die Startzeiten zu erkundigen. Mit Plänen und einer Informationsbroschüre verlassen sie den Service-Point. Kompetente und freundliche Auskunft gab es von Sonja Schoomann und ihrer Kollegin des Airport-Service.

"Unser Lübecker Flughafen ist wichtig für die gesamte Region", sagt Frau Schoomann zwischen zwei Kundengesprächen. Aber natürlich gehe es auch um die Zukunft der Mitarbeiter. "Ich mache mir Sorgen um meine Familie", ergänzt sie. "Unsere Existenz ist bedroht." Aus beiden Gründen war sie dabei, als 40 Kollegen am Donnerstag vor der Bürgerschaft demonstrierten. Der Beschluss dort habe die Stammkundschaft verunsichert. "Dennoch haben wir die Hoffnung keineswegs aufgegeben", sagt sie zum Schluss. "Vielleicht gibt es doch noch einen Lösungsweg."