Ermittlungen der Polizei Itzehoe

Chef der "Engel" wird als Mörder gesucht

An der türkischen Riviera betreut Recep K. reiche Gäste. Die Polizei in Itzehoe ist überzeugt, dass er in Glückstadt einen Mann erstochen hat.

Das Fünf-Sterne-Luxus Hotel an der türkischen Riviera ist angelegt wie ein künstliches Paradies. Ein gigantischer bunter Kasten gleich oberhalb des traumhaften Strandes. 900 Gäste finden hier Platz, in der Glitzerwelt mit Dutzenden Spiegeln in jedem Zimmer, über 100 Meter langen Pools, einer fast 90 Meter langen Bar, Lichtspielen an den weißen Wänden - und happigen Preisen: Das Doppelzimmer kostet 288 Euro, die teuerste Suite ist für knapp 12 000 Euro zu haben. Pro Nacht. Ein Glas Sekt kostet 25 Euro. Viele Gäste aus Russland lassen sich verwöhnen, auch Türken verbringen hier gern ihre Flitterwochen.

Im Erdgeschoss hat Recep K. sein Büro. Er trägt eine weiße Hose mit Bügelfalten und weißem Gürtel, dazu ein weißes gestärktes Hemd. Recep K. leitet eine Gruppe weiß gekleideter Betreuer und Hostessen ("Angels"), die sich um die Gäste kümmern. Der Chef der "Engel" bewegt sich selbstsicher und ist seit zwei Jahren mit anderen Führungskräften des Hotels befreundet. Wenn er mit Gästen redet, wirkt er herzlich, lässt sie aber nie aus den Augen und beendet Gespräche meist sehr rasch.

Dieser Mann in Weiß soll ein Mörder sein. Seit vier Monaten wird er per internationalem Haftbefehl gesucht. Die Kriminalpolizei in Itzehoe ist überzeugt, dass Recep K. vor sieben Jahren in Glückstadt einen jungen Griechen ermordet hat. Mehr als 200-mal hat der Täter zugestochen - das Verbrechen gilt als eines der brutalsten in der deutschen Kriminalgeschichte.

Es geschah am frühen Morgen des 18. August 2002 in einem alten Backsteinhaus an der Anckenstraße in Glückstadt, unweit des Bahnhofs. Um kurz vor fünf traf ein früher Spaziergänger einen jungen Mann mit kurzen schwarzen Haaren, Bartstoppeln im Gesicht und einer sportlichen Figur, der gerade aus dem Haus kam. Von seiner Kleidung tropfte Blut. Auch die Hände waren rotverschmiert. Der Mann machte einen ruhigen Eindruck, gab der Zeuge später zu Protokoll. Er fragte: "Sind Sie verletzt? Soll ich Hilfe holen?" "Ja, mach mal", sagte der Angesprochene und ging ohne Hast weiter. Der junge Mann entschwand Richtung Bahnhof. Anfangs hinterließ er noch Blutflecken auf dem Gehweg. Dann verlor sich seine Spur. Für sieben Jahre.

Um 5.05 an jenem Sonntagmorgen ging der Notruf bei der Polizei ein. Der Spaziergänger war in den Flur des Hauses getreten und hatte einen bestialisch zugerichteten Mann am Boden gefunden. Ein Bild, das sich kaum in Worte fassen lässt. Der Täter hatte mit einem 14 Zentimeter langen Messer mehr als 200-mal zugestochen. Das Opfer, der 22-jährige griechische Gastwirt Ioannis O., starb nicht durch einen Stich in ein lebenswichtiges Organ, sondern er blutete aus.

Erst sieben Jahre später konnte jetzt die Kriminalpolizei Itzehoe den Fall aufklären. Seit Juni sucht sie den aus der Türkei stammenden Recep K. (29), genannt "Ritschie", damals Türsteher in der Hamburger Rotlichtszene. Er soll den Griechen regelrecht hingerichtet haben. Eine Tat, die in dem beschaulichen Glückstadt nicht nur wegen der Umstände Entsetzen ausgelöst hat, sondern auch, weil sich niemand erklären konnte, warum Ioannis O. sterben musste.

Auch Siegfried Lindhorst, Chef der Itzehoer Mordkommission, wusste es lange nicht, verfolgte mit seinem Team mehr als 300 Hinweise. "Die Ermittlungen standen nie still. Sieben Jahre lang haben wir beharrlich weiterermittelt, Spuren verfolgt, Aussagen neu bewertet. Kriminaltechnische Untersuchungen wurden stetig verfeinert und in diesem Mordfall eingesetzt."

Für die Aufarbeitung und Analyse aller Daten der Tat nutzten die Ermittler ein spezielles EDV-Programm, das zum Beispiel auch im Mordfall des Münchner Modemachers Rudolf Mooshammer zum Erfolg geführt hatte. Erst als diese vielen Informationen mit den neuen technischen Methoden ausgewertet werden konnten, hatten die Fahnder einen konkreten Verdacht. Chefermittler Lindhorst: "Es war ein Durchbruch, wir sind sicher, den Mörder mit einer DNA-Spur überführt zu haben." Gefasst haben sie ihn damit noch nicht: Recep K. hat sich 2002 in seine Heimat Türkei abgesetzt.

Die Nacht der blutigen Tat rekonstruiert die Polizei so:

Es ist der 17. August 2002. In den Glückstädter Cafés, Kneipen und Restaurants genießen noch viele Menschen den lauen Sommerabend. Ioannis O. hat die Gaststätte seines Vaters, Taverna Athena, aushilfsweise geführt. Wieder war es ein Abend voll unbeschwerter griechischer Fröhlichkeit, die den jungen Mann und die Gaststätte in der Nähe des Hafens so beliebt macht.

Nachdem um 22 Uhr die letzten Gäste die Taverna Athena verlassen haben, brechen Ioannis O. und sein 18-jähriger Begleiter, der ihm an diesem Abend auch im Lokal ausgeholfen hat, nach Hamburg auf. Sie fahren zunächst in das Café Rendezvous an der Kieler Straße, kurz darauf besuchen sie die griechische Diskothek Kalua in der Holstenstraße. Man schwatzt, man hört griechische Musik, und der 18-jährige Begleiter von Ioannis tanzt ein wenig. Ioannis ist gut gelaunt in dieser Nacht, wie Zeugen bestätigen. Er hat eine fröhliche und unbeschwerte Natur und gilt als ein Mensch, der Konflikten eher aus dem Weg geht.

Die Diskothek Kalua liegt unmittelbar neben dem türkisch dominierten Bordell Club 77. Hier ist Ritschie als Türsteher tätig. Er und Ioannis' Begleiter sind Cousins. Ihre Familien leben in Glückstadt. Doch Ritschie ist in dieser Nacht nicht in Hamburg, sondern in Glückstadt. Dort wartet er vor dem Haus in der Anckenstraße auf sein Opfer.

Morgens um 4 Uhr machen sich Ioannis und sein Begleiter auf den Heimweg. Eine knappe Stunde später kommen sie in Glückstadt an. Ioannis lässt seinen Mitfahrer am Marktplatz aussteigen, weil dieser den Rest des Weges zu Fuß gehen möchte. Der junge Grieche fährt zu seiner Wohnung, die im ersten Stock des Mehrfamilienhauses an der Anckenstraße liegt.

Als Ioannis die Haustür aufschließen will, wird er von hinten in den Flur gestoßen. Der Schlüssel bleibt im Schloss von außen stecken. Der Täter sticht sofort zu, er trifft den Oberkörper. Ioannis wehrt sich verzweifelt, aber er kann seinem Mörder nicht entkommen. Seine Schreie hört offenbar niemand. Die Türen zu den Wohnungen bleiben geschlossen. Der immer stärkere Blutverlust schwächt ihn zusehends. Er strauchelt und kommt schließlich zu Fall, schafft es noch, sich in eine Ecke zu drücken. Sein Mörder sticht weiter auf das nun wehrlose Opfer ein. Das werden Polizei und Rechtsmediziner später eindeutig feststellen. Dann raubt der Angreifer sein Opfer aus. Es müssen ein paar Hundert Euro gewesen sein: die Tageseinnahmen des Lokals.

Der Mörder verlässt, obwohl er vor der Haustür dem Zeugen begegnet, seelenruhig den Tatort und entkommt.

Die ersten Ermittlungen ergeben weder ein Motiv noch einen Täter. Nichts. Siegfried Lindhorst, der bisher mit seinem Team jeden Mord im Kreis Steinburg in den vergangenen Jahren aufgeklärt hat, spricht schnell von einem "sehr schwierigen Fall". Das Opfer hatte keine Feinde, auch keine Vorstrafen. Warum sollte jemand einen jungen, fröhlichen und sehr beliebten Menschen so brutal ermorden? "Unbändiger Hass auf Ioannis und absolute Gewaltbereitschaft müssen den Täter getrieben haben", sagt Lindhorst. "Das Opfer war dem Täter bekannt. Der Täter wusste auch, dass Ioannis nach Hause kommen würde."

Viele Zeugen aus dem Umfeld des Opfers werden vernommen. Unter ihnen ist auch Recep K. Auf ihn fällt aber kein Verdacht, weil er ein Alibi vorlegen kann, das bestätigt wird. Wie andere gibt auch er eine DNA-Probe ab.

Die 14-köpfige Sonderkommission verfolgt Spuren in ganz Deutschland. Mehrfach wird über den Fall im Fernsehen berichtet, im Januar 2003 und noch einmal im März 2004 bei "Aktenzeichen XY ... ungelöst". Flugblätter in deutscher, türkischer und griechischer Sprache werden gedruckt und veröffentlicht. Und die Summe, die auf die Ergreifung des Täters ausgesetzt ist, wächst auf 20 000 Euro.

Das Puzzle, das Siegfried Lindhorst mit seiner Crew zusammensetzen muss, wird immer schwieriger. Ein Durchbruch bei den Ermittlungen lässt auf sich warten. Ermittler Lindhorst: "In Glückstadt herrschte die Angst. Wir vermuten, dass aus diesem Grund einige Menschen erst 2009 Angaben zu Ritschie gemacht haben."

Ende 2008 ist der Polizeicomputer mit allen verfügbaren Daten gefüttert und liefert erstmals "Rechercheansätze", die auf eine Verbindung in die Hamburger Bordellszene weisen. Anfang 2009 kommen "wackelige" Hinweise auf Recep K. "Im Mai 2009 wurde die Spur sicher", sagt Lindhorst. "Denn ein DNA-Gutachten brachte endlich Sicherheit."

Heute weiß die Kripo auch: Der Täter stand unter Druck. Er brauchte Geld. Ritschies Job als Aushilfstürsteher hatte ihm Schwierigkeiten bereitet. Er hatte sich offenbar an die Prostituierte eines Zuhälters herangemacht und sollte an den eine "Strafe" von mehreren Tausend Euro zahlen. War das das Motiv für den Raubmord?

Im Juni geht der internationale Haftbefehl heraus. Weil die türkischen Behörden nicht reagieren, fragen die Kripo-Beamten im Konsulat nach, erhalten aber nur ausweichende Auskünfte. Bis heute haben die türkischen Behörden den Haftbefehl nicht vollstreckt.

Dafür ist es Mitarbeitern des Abendblatts vor wenigen Wochen gelungen, Recep K. in dem Fünf-Sterne-Hotel an der türkischen Riviera aufzuspüren. Weiß er nicht, dass er als mutmaßlicher Mörder gesucht wird - oder ließ er sich nur nichts anmerken?

Die Mordkommission Itzehoe sucht weitere Hinweise auf Recep K. Telefon: 04821/60 20.