Forschungsschiff

Wie die "Polarstern" der Pandemie einfach davonfährt

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Edgar S. Hasse
Die "Polarstern" auf Expedition in Richtung Antarktis (Archivbild).

Die "Polarstern" auf Expedition in Richtung Antarktis (Archivbild).

Foto: Alfred-Wegener-Institut / Stefan Hendricks

Das Schiff ist unterwegs auf Forschungsmission in die Antarktis. Warum alle Wissenschaftler nun schon zu Beginn an Bord sind.

Bremerhaven. 24 Grad Wassertemperatur, 23 Grad warme Luft und leichter Wind. Die „Polarstern“, der Forschungseisbrecher des Alfred-Wegener-Instituts (AWI) mit Sitz in Bremerhaven, befindet sich in diesen Tagen im südlichen Atlantik. Aber es wird täglich kühler. Der Kurs des Schiffes mit Kapitän Moritz Langheinrich auf der Brücke: der kälteste, windigste und trockenste Kontinent der Erde, die Schelfeiskante in der antarktischen Atka-Bucht.

Von dort aus, so der Plan, soll vom 18. Januar an die zehn Kilometer entfernte deutsche Forschungsstation Neumayer III unter anderem mit Proviant, Geräten, Pistenraupen, Treibstoff und Kühlcontainern versorgt werden. Außerdem erfolgt ein Personal- und Crewwechsel. Die „Überwinterer“ warten auf ihre Rückkehr in die Heimat.

Für die „Polarstern“, die 2020 mit der spektakulärsten Arktis-Expedition aller Zeiten international für Aufsehen sorgte, wäre die Fahrt zum Südpol-Kontinent eigentlich Routine. Doch diesmal ist alles anders. Normalerweise würden Wissenschaftler und Techniker per Flugzeug von Südafrika aus in die Antarktis gebracht – und nur das Material mit dem Schiff.

32 Wissenschaftler an Bord der "Polarstern" steuern Antarktis an

Wegen der Corona-Pandemie ist jedoch ausschließlich der Seeweg vorgesehen - mit 32 Wissenschaftlern an Bord. Es soll verhindert werden, dass das Coronavirus in die Station und damit in die Antarktis geschleppt wird.

An Bord befindet sich Expeditionsleiter Tim Heitland. Der Arzt und ehemalige Stations-Überwinterer ist in der Logistik-Abteilung des Alfred-Wegener-Instituts als medizinischer Koordinator tätig. „Es ist meine dritte Reise in die Antarktis, aber mit einem Schiff das erste Mal“, sagte Heitland dem Abendblatt am Telefon, während die „Polarstern“ auf der Höhe Südafrikas durch den Atlantik glitt.

Das Schiff war am 20. Dezember in Bremerhaven gestartet. Zuvor mussten die rund 70 Männer und Frauen zwei Wochen lang bei Einzelunterbringung in Quarantäne, es gab zwei vorgeschriebene PCR-Tests. Zur Sicherheit erfolgte später ein dritter Abstrich.

"Die größte legale Weihnachtsfeier in Deutschland“

Alle wurden negativ getestet – und so konnte die Reise beginnen, die zunächst kurz vor Weihnachten von einem veritablen Sturm in der Biskaya begleitet wurde. Am Heiligen Abend aber legte sich der Wind. Anders als an Land konnte auf dem Schiff das Weihnachtsfest ohne AHA-Regeln und sonstige Einschränkungen gefeiert werden. „Wir hatten auf der ‚Polarstern‘ wohl die größte legale Weihnachtsfeier in Deutschland“, sagt Tim Heitland.

Die „Polarstern“ fährt der Pandemie einfach davon. „Wir können an Bord ein völlig normales Leben führen und genießen es, mit anderen Menschen in Gruppen zusammenzustehen. Das bedeutet für uns wirklich ein Privileg, und wir sind dankbar dafür“, so der Expeditionsleiter, der momentan die Entladung an der Schelfeiskante plant.

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Andere Wissenschaftler an Bord sind auf dem südlichen Atlantik dabei, den Meeresboden zu kartieren. Die Wassertiefe beträgt hier rund 4300 Meter. Je mehr die Forscher demnächst in das Südpolarmeer gelangen, desto häufiger werden sie Eisberge sehen, so hoch wie Kathedralen und manchmal so groß wie die Fläche des Bodensees.

Forscher harrten einen Monat länger im Eis aus als geplant

Crew und Wissenschaftler werden Esels- und Adelie-Pinguine und bestimmt auch Kaiserpinguine beobachten, wie sie von Eisschollen flink ins Wasser gleiten; sie werden den eiskalten Atem spüren, der von den Gletschern weht, und die katabatischen, herabfallenden Winde, die binnen Minuten aus Sonnenschein und sanftem Wind einen Sturm heranwachsen lassen, in dem jedes Schiff zu tanzen beginnt.

Vor allem aber werden sich die Überwinterer in der Station freuen, wenn ihre Ablösung mit dem zukünftigen Stationsleiter Peter Jonczyk endlich da ist. Sie mussten einen Monat länger ausharren, weil die Seereise eben länger dauert als ein Flug. Der Unfallchirurg aus dem Landkreis Würzburg sagt: „Im neuen Überwinterungsteam müssen wir uns wegen Corona weniger Sorgen um uns selbst machen. Das ist etwas Besonderes. Aber die Sorge um unsere Angehörigen dabei bleibt bestehen.“

Zusammenarbeit mit Kennedy Space Center der NASA

Bei der Überwinterung 2021 mit den langen Polarnächten und flüchtigen, aber atemberaubenden Polarlichtern wird eine NASA-Pflanzenwissenschaftlerin dabei sein. In einem Antarktis-Gewächshaus erforscht sie die Gemüsezucht ohne Erde und unter künstlichem Licht. Die Zusammenarbeit mit dem Kennedy Space Center der NASA soll dazu beitragen, den Entwurf eines zukünftigen Mars- und Mondgewächshauses mitzugestalten, heißt es im AWI.

Erst in zwei Monaten wird die „Polarstern“ vom anderen Ende der Welt wieder in heimatliche Gefilde zurückkehren. Zuvor kreuzt sie durch das Weddellmeer, dem wohl schönsten Laufsteg der Eisberge, und nimmt dort Forschungen vor. Expeditionsleiter Tim Heitland und andere fliegen in wenigen Wochen über die Falklandinseln per Flugzeug nach Deutschland zurück – mit vielen Eindrücken und hoffentlich einem tiefen Gefühl der Freude: Auftrag erfüllt!