Urlaubsserie

Urlaub in Dangast: Das Dorf der Maler und Musiker

Der Blick auf den Jadebusen und das einmalige Licht   haben auch viele Künstler inspiriert.

Der Blick auf den Jadebusen und das einmalige Licht haben auch viele Künstler inspiriert.

Foto: dpa Picture-Alliance / CHROMORANGE / W. Boyungs / picture alliance

Die schönsten Urlaubsorte an Nord- und Ostsee, Teil 4. Das Kurbad am Jadebusen hat nur 500 Einwohner – aber jede Menge Kunstwerke.

Dangast. Mit stolzgeschwellter Brust stehe ich auf dem Steindeich, als wäre ich eine Königin, die auf ihr Reich blickt. „Das ist mein Strand“, sage ich zu meiner Freundin neben mir. Doch statt „Ohs“ und „Ahs“ steht sie einfach nur da und sagt: nichts. Schweigen und gucken. Das können wir Friesen ja gut. Dennoch hatte ich etwas mehr erwartet. Erst nach einer ganzen Weile sagt sie: „Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll, aber ist das da ein …?“ Ja, ist es. Es ist nicht zu übersehen und doch vergesse ich es jedes Mal wieder.

Aber dazu später. Eins ist klar: Mein Strand hat offenbar Erklärungsbedarf. Und vielleicht gilt das auch für das dazugehörige Dorf Dangast, eine gut 500 Einwohner große Gemeinde am Jadebusen. Erklärungsbedarf, weil es sich nicht so recht einreihen mag in die Liste der größeren und bekannteren Nord- und Ostseebäder.

Anderswo ist das Wasser blauer, ist der Strand weißer, sind die Promenaden mondäner. Im Grunde genommen liegt Dangast noch nicht mal am Meer. Böse Zungen behaupten, der Jadebusen sei nur eine große Pfütze mit ziemlich viel Matsch drin. Aber wie wir Friesen so sind, nehmen wir das alles mit Humor (nur nicht, wenn wir als Ostfriesen bezeichnet werden). Wir machen lauter lustige Sachen, zum Beispiel spielen wir Wattgolf, veranstalten Schlickschlittenrennen und einen Flugtag, bei dem noch nie jemand geflogen ist. So viel zum Klischee. Sonst noch was? Oh ja!

Wattenmeer, Natur und vor allem: Rhabarberkuchen

Schließlich gibt es Menschen, die seit Jahrzehnten nirgendwo lieber ihren Urlaub verbringen als hier. Und dafür gibt es gute Gründe. Und das sind mehr als die ganz offensichtlichen: Wattenmeer, Natur, sattes Grün, ziemlich viele Schafe und Kühe und frischer Fisch. Wir in Dangast erzählen uns jedenfalls leidenschaftlich gern Geschichten von Leuten, die nur für einen Tagesausflug ziemlich viele Kilometer auf sich genommen haben, nur um bei uns ein Stück Kuchen zu essen. Jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der von noch weiter weg hergekommen ist. Ob die Geschichten stimmen? Wer weiß das schon.

Drei Tipps für Dangast

  • Kurhaus Dangast: deftiges Frühstück und Abendessen und eine leckere Kuchenauswahl am Nachmittag (Rhabarberkuchen!) Dazu gibt’s einen tollen Blick auf den Jadebusen.
  • Mamma Mia: ein wirklich gutes italienisches Restaurant, das sich nur wenige Gehminuten vom Strand entfernt befindet. Ganz besonders zu empfehlen: der gemischte Vorspeisenteller.
  • Museum Spijöök: „Spijöök“ kommt aus dem Plattdeutschen und bedeutet so viel wie „humorvolle Unterhaltung“ – und genau die gibt’s in diesem einmaligen Museum für Kuriositäten und Seemannslegenden direkt am Vareler Hafen.

Klar ist, dass wir das mit dem Kuchen ziemlich genau nehmen. Denn mit Kuchen meinen wir eigentlich nur eine Sorte: Und das ist der Rhabarberkuchen, den es hier im Alten Kurhaus gibt, das direkt über dem Steindeich thront. An dem Rezept sollen sich schon viele Generationen die Zähne ausgebissen haben. Aber nichts zu machen.

Das Rezept hütet, ebenfalls seit Generationen, eine Familie namens Tapken, die eben dieses Kurhaus seit 1884 betreibt. Wie viele andere Dangaster Kinder bin ich hier auf den knarzenden Dielen zwischen Kaffee und Kuchen aufgewachsen. Habe unter den Tischreihen getobt, mich hinter den Säulen versteckt, später habe ich hier die Nächte durchgetanzt, so wie es meine Eltern und Großeltern auch getan haben. Noch heute komme ich gerne her und freue mich immer wieder, dass alles noch genauso ist, wie es immer war, nur dass ich jedes Mal wieder staune, wer schon wieder alles da gewesen ist: Heinz Strunk, Linda Zervakis, Jan Weiler, Rocko Schamoni ...

Kunst ist aus Dangast bis heute nicht wegzudenken

Das Kurhaus war immer schon ein Ort für Künstler und Intellektuelle. Aber auch für Hippies, Spießer, Alte und Junge, feine Herrschaften und Punker, die hier seit jeher in trauter Gemeinschaft Rhabarberkuchen essend nebeneinandersitzen. Genauso schön wie das Kurhaus selbst ist übrigens die dazugehörige, immer geöffnete Terrasse. Besonders an Sommerabenden wird sie zu einem wunderbaren Open-Air-Kino mit dem immer selben Film: Sonnenuntergang.

Gut, genau genommen geht die Sonne gar nicht über dem Meer unter. Aber das kann ja auch jeder. Bei uns geht die Sonne an dem Fleckchen Erde unter, an dem Reinhard Mey einst seinen Flugschein gemacht und sein Lied „Über den Wolken“ geschrieben haben soll. So! Und fast so grenzenlos wie über den Wolken fühlt sich die Freiheit auch hier auf der Terrasse an. Es ist die Ruhe, der Duft des Wattenmeers und dieses ganz besondere Licht, das es so nur hier gibt. Übertrieben? Vielleicht. Aber ganz allein bin ich mit der Einschätzung nicht. Eine offizielle Erhebung dazu, wie viele Maler schon versucht haben, diese Kulisse in Öl oder Aquarell abzubilden, gibt es wohl nicht.

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Fakt ist: Es sind ziemlich viele und ganz sicher keine Unbekannten. Es waren vor allen Dingen die „Brücke“-Maler Max Pechstein, Karl Schmidt-Rottluff und Erich Heckel, die Dangast als Inspirationsort um die Jahrhundertwende für sich entdeckt haben und zum Teil lange geblieben oder immer wieder gekommen sind. Auch sie waren fasziniert von der Natur, dem Licht und die Ruhe, die dieser Ort ausstrahlt. Das mag alles lange her sein, aber Kunst ist aus Dangast bis heute nicht wegzudenken.

Da ist zum Beispiel das Wohnhaus des Malers Franz Radziwill – ein Weggefährte Schmidt-Rottluffs – das im Originalzustand erhalten ist und das heute als Museum betrieben wird. Oder die Kunstpfade, die sich durch den gesamten Ort ziehen und die mit oder ohne Führer erkundet werden können. Andere Pfade führen, das gehört wohl auch dazu, derzeit vor allen Dingen durch eine Baustelle. Auch das muss man erklären. Denn diese Baustelle hat eine Weile lang dafür gesorgt, dass der Haussegen hinterm Deich ziemlich schief hing.

Musikfestival „Watt En Schlick

Denn hier entsteht eine Ferienanlage mit mindestens 700 Betten für Touristen. Ein Dorf im Dorf. Die einen sagen: Dangast muss sich weiterentwickeln und braucht mehr Touristen, andere finden: Erhaltenswerte Grünflächen verschwinden und hässlich sind die Bettenburgen auch noch. Was ich meine? Ich finde: Schön geht anders. Aber schöne Ecken gibt es in Dangast auch wahrlich noch genug. Und in vielerlei Hinsicht ist Dangast heute schöner als es jemals war.

Tolle Restaurants und auch eine schöne Saunalandschaft mit Meerblick sind dazu gekommen, genau wie eine neue Promenade und ein „Weltnaturerbeportal“. Aber es gibt noch einen ganz anderen Grund dafür, dass Dangast derzeit moderner ist als es vielleicht jemals war. Und dafür, dass die Menschen inzwischen nicht nur der Legende nach, sondern tatsächlich auch aus Süddeutschland anreisen, um ein, zwei Tage hier zu sein.

Junge Seehunde werden in der Nordsee ausgewildert

Der Grund dafür ist allerdings in diesem Fall nicht der Rhabarberkuchen, sondern ein Event, das wir in Dangast nur „Das Fest“ nennen. Gemeint ist das Musikfestival „Watt En Schlick“, das ein Freund aus Schulzeiten aus dem (Sand-)Boden gestampft hat. Nach einem schleppenden Start im Jahr 2014 mit etwa 1500 Festivalbesuchern, waren es vergangenen Sommer schon bis zu 6000 Menschen pro Tag. (In diesem Jahr fällt das Festival wegen Corona leider aus). Und so geht die Tradition des etwas verschrobenen Küstendörfchens, das doch immer ziemlich mit der Zeit geht, weiter.

Und wenn sie dann unten am Strand tanzen und feiern, Kinder, Eltern und Großeltern, dann stehe ich wieder stolz da oben blicke auf meinen Strand. In diesen Momenten denke ich: So viel muss man dann vielleicht doch nicht erklären. Bis auf „das da“, das meiner Freundin damals die Sprache verschlagen hat.

Ein 4,6 Tonnen schwerer Granit-Phallus am Strand

Nun die Auflösung: Das da, das ist ein drei Meter hoher und 4,6 Tonnen schwerer Granit-Phallus, der mitten auf den Strand gebaut wurde. Da steht er seit 1984, und damals war das ein ganz schöner Skandal. Die „Bild“-Zeitung brachte das Thema auf der Titelseite, und auch die Tagesthemen berichteten über den anrüchigen „Grenzstein“. So taufte der Künstler Eckart Grenzer sein Werk, mit dem er die Begegnung der Gezeiten und der Geschlechter zeigen wollte.

Aber Skandal hin oder her, der Strand war und ist im Besitz besagter Familie Tapken und die entschied: Das ist Kunst, das soll hier hin. Richtig so! Ein bisschen anecken passt zu Dangast, ein bisschen meckern auch, und am Ende vertragen sich meist doch wieder alle, und dann gibt’s ein kühles Bier und „gut is“.

Wobei: Das mit dem Bier nehmen wir auch wieder ziemlich genau, denn erstens meinen wir damit immer nur Jever und das auch nur, wenn es korrekt ausgesprochen ist, also nicht mit „w“ in der Mitte, sondern mit „v“. Da zählt auch nicht, dass die das in der Werbung auch immer anders sagen. Wir meinen: „dumm tüch“. Und vielleicht muss man ja auch nicht immer alles erklären.

Anreise und Informationen:

  • Anreise: Mit dem Auto geht es über die A 1 Richtung Bremen, am Autobahnkreuz Stuhr dann weiter auf die A 28 Richtung Oldenburg, am Kreuz Oldenburg Ost die A 29 Richtung Wilhelmshaven nehmen, dann die Ausfahrt Varel/Bockhorn und den Schildern nach Dangast folgen. Mit der Bahn: der Ankunftsbahnhof in Varel. Hier fährt ein Bus (Linie 253) nach Dangast.
  • Reisezeit: Pkw etwa 2 bis 2,5 Stunden
  • Entfernung: etwa 200 Kilometer
  • Information: Kurverwaltung Nordseebad Dangast im Weltnaturerbeportal, Edo-Wiemken-Str. 61, Telefon 04451 /911 40
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