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Im Alten Land kommt Bewegung in die Gastronomielandschaft

Typisch Altes Land: Schon seit der Obstblüte im Frühling können Besucher auch im Garten des einen oder anderen Hofcafés sitzen

Typisch Altes Land: Schon seit der Obstblüte im Frühling können Besucher auch im Garten des einen oder anderen Hofcafés sitzen

Foto: Tourismusverein Altes Land e.V.

Die Übernachtungszahlen steigen und Restaurants stehen vor der Wiedereröffnung – doch spontanes Essen ist schwierig.

Jork/Cranz.  Wo viele Jahre der „Herbstprinz“ in Jork Gäste bewirtete, stehen inzwischen neu gebaute Wohnungen. Das traditionsreiche Hotel Sievers mit seinem Restaurant ist geschlossen und zu Monteurswohnungen umgewidmet. Und auch den Estehof in Estebrügge, der lange geschlossen war, gibt es nicht mehr als Gasthof, wenn auch inzwischen wieder als Lokal für Veranstaltungen.

Besucher im Alten Land, die nicht wirklich ortskundig sind, können auf der Suche nach einem geöffneten Restaurant manchmal fast verzweifeln. Es gibt zwar ein paar Imbissbuden, etwa am Anleger der Fähr­linie Cranz–Blankenese oder am Lühe Fähranleger, aber wer etwas gediegener speisen möchte, sollte seine Tour vorher gut planen.

Gastronomisch Luft nach oben

„Wir wissen, dass trotz eines guten Angebots gastronomisch noch Luft nach oben ist. Sowohl was die Quantität betrifft als auch die Qualität“, sagt Stephan Bergmann, Geschäftsführer des Tourismusvereins Altes Land. „Wir haben hier eine sehr starke Saisonalität, deshalb ist es schwierig, den Betrieb das ganze Jahr sicherzustellen“, gibt er zu bedenken, die Tagesgäste kämen vorwiegend am Wochenende. Außerdem sei es schwierig, gutes Personal zu finden. Gastronomieberufe seien nicht gerade die beliebtesten, sagt Bergmann. Der Verein unterstütze Gastronomen beim Marketing, und die Homepage des Tourismusvereins bekommt demnächst einen Relaunch.

Das Alte Land sei eine aufstrebende Region, sagt der Tourismusmanager. Der Zuwachs bei den Gästezahlen könne sich sehen lassen. Der Landkreis Stade, zu dem auch das Alte Land gehört, hat bei den Übernachtungszahlen 2016 ein Plus von 11,6 Prozent erzielt, laut Statistik waren es 469.520. „Etwa 50 Prozent der tatsächlichen Übernachtungen finden in nicht meldepflichtigen Betrieben statt, daher kann insgesamt von rund einer Million Übernachtungen ausgegangen werden“, sagt Bergmann. Durchschnittlich bleiben die Besucher 2,3 Tage. Dazu kommen 8,4 Millionen Tagesgäste, vor allem aus Hamburg und Umgebung. Der Fahrradtourismus werde immer wichtiger.

Im Fährhaus Kirschenland 100 Hochzeiten

Und gerade komme wieder etwas Bewegung in die Gastrolandschaft. Das Hotel (zwölf Zimmer) und das Restaurant Neuland in der Nähe des Lühe-Fähr­anlegers etwa stehen kurz vor der Wiedereröffnung. Nadine und Vujadin Jovic bauen das Gebäude seit März um. „Die Hotelzimmer haben neue Bäder, und wir haben neu möbliert“, sagt Nadine Jovic. Das Ehepaar hat zuvor viele Jahre lang ein Restaurant in Buxtehude betrieben. „Wir mochten das Objekt hier schon immer und wollten gern ein Hotel führen“, sagt Jovic. Als es plötzlich zu haben war, hätten sie das Neuland-Anwesen gekauft.

Auch die Zukunft des traditions­reichen Fährhauses Kirschenland am Elbdeich in Wisch ist seit Kurzem gesichert. Wilhelm Stubbe (80) betreibt das über 100 Jahre alte Traditionshaus seit fast 50 Jahren und hat zehn Jahre lang nach einem Nachfolger gesucht. Am 1. August übergab er das Haus dann an Ilir Spaqaj (35), der seine Ausbildung im Sternehotel Louis C. Jacob absolviert hat und danach Chef im Bistro Carls in der HafenCity war. Spaqaj will das Erbe Stubbes fortführen.

Aber auch im Kirschenland kann man nicht spontan einkehren. Man muss sich rechtzeitig vorher anmelden, denn für spontane Gäste gebe es einfach keine Kapazitäten, sagt Stubbe. Schon für das kommende Jahr seien 130 Gesellschaften angemeldet, pro Jahr würden etwa 100 Hochzeiten gefeiert – auch silberne, goldene, diamantene, und in diesem Jahr könnte erstmals eine Gnadenhochzeit (70 Jahre) dabei sein, sagt Stubbe. Gruppen ab fünf Personen, die sich vorher anmeldeten, würden aber auch bewirtet.

Für À-la-carte-Gäste sei das Angebot in der Region tatsächlich knapper geworden, findet auch Stubbe: „Allein zwischen Cranz und Estebrügge hat es früher acht Saalbetriebe gegeben, also große Gasthäuser mit Festsälen“, sagt der Gastronom, der in zweiter Reihe noch zwei Jahre weitermachen und seinen Nachfolger unterstützen will.

Essen nur gegen Voranmeldung

Auch der traditionsreiche Estehof in Estebrügge wird seit Anfang Juli wieder bewirtschaftet. Allerdings nur für Gesellschaften zwischen 20 und 50 Personen und gegen Voranmeldung. Zwei Jahre lang habe man das Fachwerk­gebäude von 1669 renoviert, sagt die neue Inhaberin Kamlesh Chandail, die das Haus vor zwei Jahren mit ihrem Mann Jens Fischer-Chandail gekauft hat. Fast 15 Jahre war das Gasthaus durchgehend geschlossen. „Für eine laufende Gastronomie muss man Parkplätze nachweisen“, sagt Chandail, früher hätten Stellplätze dazugehört, doch die gebe es nicht mehr.

Fraglich sei zudem, ob sich ein Gasthof lohnen würde, „Estebrügge ist ja doch ziemlich abseits“, so die gebürtige Inderin, die einen großen Veranstaltungsbetrieb in Flensburg geführt hat, aber eben auch in der Nähe von Hamburg. Chandail verspricht: „Es gibt nichts, was wir nicht können.“ Ein besonderes Pfund ist der weitläufige Garten an der Este, der etwas ausgelichtet wurde. Für August haben sich die gastronomischen Anbieter aus der Region angemeldet. „Ich denke, sie sind neugierig, was wir hier tun“, sagt die Estehof-Betreiberin.

Fischspezialitäten im Alten Land

Nach Angaben von Tourismusmanager Bergmann informieren sich sehr viele Gäste, vor allem Tagesgäste, direkt in der Geschäftsstelle in Jork über die Angebote der Region. Wer nachfragt, bekommt beim Tourismusverein auch konkrete Tipps. Zu den beliebten Adressen, die etwa hervorragenden Fisch servieren, gehören seinen Angaben zufolge unter anderem Der Elbfischer in Wisch, das Restaurant Hintze in Cranz mit einem herrlichen Garten an der Este, das Hotel Altes Land, das saisonale und regionale Küche anbietet, das Auszeit in Hollern-Twielenfleth, aber auch das Gasthaus zur Post in Cranz – das wohl älteste Restaurant Hamburgs, das noch im Familienbesitz ist – seit 1725. Herbert Kramer führt das Lokal seit 1972.

„Man muss ziemlich viel arbeiten, das wollen viele nicht mehr“, sagt er. Das Restaurant tischt Fisch auf und viele regionale Gerichte der Saison, wie zum Beispiel Spargel, Ente, Wild. „Was die Hausfrau nicht so gern zu Hause macht, das bieten wir an. Derzeit ist das gebratene Scholle Finkenwerder Art“, sagt der Gastronom. Solange es Spaß mache, will er weitermachen. Und vielleicht, so hofft er, übernimmt ja eines Tages eines seiner Kinder den Betrieb und führt die Familientradition fort.