Covid-19

Hamburger am Schaalsee: Rauswurf binnen drei Stunden

Schluss mit der Wochenendidylle vieler Hamburger: Der Schaalsee zwischen Hamburg und Schwerin bildet das Kernstück eines riesigen Schutzgebiets.

Schluss mit der Wochenendidylle vieler Hamburger: Der Schaalsee zwischen Hamburg und Schwerin bildet das Kernstück eines riesigen Schutzgebiets.

Foto: imago images/Westend61

Auch in Mecklenburg-Vorpommern müssen Hamburger ihre Ferienhäuser binnen kürzester Zeit verlassen. Polizei droht mit "Schutzhaft".

Schwerin/Hamburg.  Nachdem sich die Situation zwischen Zweitwohnungsbesitzern aus Hamburg und Einheimischen in Schleswig-Holstein in der Coronakrise einigermaßen beruhigt hat, spitzt sie sich in Mecklenburg-Vorpommern offenbar zu.

Am Freitag patrouillierte die dortige Polizei durch ein kleines Dorf am Ostufer des Schaalsees, in das sich viele Hamburger bereits vor mehr als einer Woche in ihre Zweitwohnsitze zurückgezogen hatten.

Coronakrise: Hamburger müssen Mecklenburg-Vorpommern verlassen

Die Beamten gingen von Haus zu Haus, sprachen die Bewohner an. Wer dort nur einen Zweitwohnsitz hat, wurde aufgefordert, Mecklenburg-Vorpommern binnen drei Stunden zu verlassen. Das werde kontrolliert, hieß es.

Und wenn man der Aufforderung nicht Folge leiste? „Dann nehmen wir Sie in Schutzhaft“, hieß es. Am Tag vor der Polizeiaktion hatte das Amt Zarrentin die Zweitwohnungsbesitzer angeschrieben und sie aufgefordert, das Bundesland „umgehend zu verlassen“. Andernfalls drohten Geld- oder Freiheitsstrafen.

Andere nutzen Situation der Zweitwohnungsbesitzer aus

„Ich habe jetzt sehr viel mehr Verständnis dafür, wie sich Asylbewerbern fühlen müssen, wenn sie eine Ausweisungsverfügung erhalten“, sagte ein betroffener UKE-Professor zum Vorgehen der Behörden. Der forschende Mediziner hatte sich schon vor Tagen in sein Wochenendhaus zurückgezogen – vor allem, um gesund zu bleiben und im Notfall in der Hamburger Klinik eingesetzt werden zu können.

Seine Frau, eine HNO-Ärztin, behandelt derweil weiter in Hamburg ihre Patienten. Derzeit sind es täglich mehr als 100, und die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie dabei in Kontakt mit Coronainfizierten kommt.

Hamburger fühlen sich nicht mehr willkommen

Während der UKE-Professor beim zuständigen Gesundheitsamt erreichen konnte, dass er vorerst bleiben darf, fügten sich andere des Landes verwiesene den Anweisungen und bereiteten ihre Abreise nach Hamburg vor. „Wir fühlen uns hier nicht mehr willkommen“, sagte eine Eppendorferin, die sich mit ihrem 87 Jahre alten Mann in die Zweitwohnung auf dem Land zurückgezogen hatte.

Die jährliche Zweitwohnungssteuer war erst vor Kurzem auf annähernd 2000 Euro angehoben worden. „Ich habe keine Lust, mich mit diesen Leuten auseinanderzusetzen“, sagte die Frau. Die Anweisung sei nicht nachvollziehbar, es habe keine wirklich fundierte Begründung gegeben. Die Handwerker aus der Region, die in den nächsten Tagen auf ihrem Grundstück einen Auftrag ausführen sollten, müssen darauf nun vorerst warten.

Lesen Sie hier die aktuellen Entwicklungen zum Coronavirus im Newsblog für Norddeutschland.

Situation der Zweitwohnungsbesitzer wird ausgenutzt

Andere scheinen die Situation der Zweitwohnungsbesitzer ausnutzen zu wollen. „Ein Unternehmer, mit dem es Auseinandersetzungen gibt, hat mir angekündigt, dass er mich anzeigen wird“, sagt Peter Krausse. Der Hamburger ist Vorsitzender der Zarrentiner Ortsgruppe der Umweltschutzorganisation BUND – und hat sich in dieser Funktion nicht nur Freunde gemacht in der Stadt am Schaalsee.

Krausse und seine Frau waren nach einer Aufforderung der Stadt bereits am Dienstag nach Hamburg zurückgekehrt. „An sich waren wir gemeinsam mit den örtlichen Behörden bereits auf einem guten Weg zu einer Lösung, nach der wir hätten bleiben können. Doch weil es diese Anzeige gab, hatte die Verwaltung keinen Spielraum mehr.“

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Eines sieht Krausse positiv: „Uns wurden immerhin 24 Stunden Zeit gegeben, die Stadt zu verlassen.“ Der Mann, der Krausse angezeigt hat, sei, so berichten Nachbarn, mit seinem Auto mindestens zweimal durch das Wohngebiet gefahren – offenbar, um zu kontrollieren, ob die Krausses tatsächlich abgereist sind.

Spricht Tschentscher bald mit Manuela Schwesig

Anders als Schleswig-Holstein hat Mecklenburg-Vorpommern seine Allgemeinverfügungen im Bezug auf Zweitwohnungsbesitzer bisher nicht verändert. In Schleswig-Holstein dürfen die Eigentümer von Ferienhäusern dort bleiben, wo sie sind. Das war unter anderem das Ergebnis eines Gesprächs zwischen Hamburgs Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) und Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU).

Tschentscher hatte das Verhalten der Schleswig-Holsteiner gerade gegenüber den Hamburgern als „unfreundliche Episode“ bezeichnet, die in der Stadt für viel Unverständnis gesorgt hatte. Mit Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig (SPD) scheint Tschentscher noch nicht gesprochen zu haben.

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Dabei sind die Verbindungen zwischen Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern ebenfalls sehr eng: Allein aus dem Landkreis Ludwigslust-Parchim pendeln jeden Tag rund 50.000 Bewohner zur Arbeit in eines der beiden anderen Bundesländer, die meisten von ihnen fahren nach Hamburg.

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Behörden kontrollieren Betriebe weniger streng

Übrigens: Während die mecklenburgischen Behörden die Coronaverordnungen für Zweitwohnungsbesitzer buchstabengetreu umsetzen, sind sie bei Auflagen für die Wirtschaftsbetriebe in der Region sehr viel flexibler.

So konnten Privatkunden noch am Donnerstag in mindestens zwei Bau- und Gartenmärkten im Landkreis Ludwigslust-Parchim Stiefmütterchen und Pflanzenerde kaufen, obwohl solche Fachmärkte an sich nur noch an andere Gewerbetreibende verkaufen dürfen. Die entsprechende Verfügung des Landes war bereits am Montagabend in Kraft getreten.