Lüneburger Heide

Die gute Heide – zwischen Heimatglück und FKK

| Lesedauer: 7 Minuten
Helena Davenport
Die Wände der Lüneburger Kunsthalle werden zur Heide-Galerie: Kuratorin Daniela Sannwald (r.) mit der kuratorischen Mitarbeiterin Jeanine Passgang bei den letzten Vorbereitungen für die Ausstellung zur Lüneburger Heide.

Die Wände der Lüneburger Kunsthalle werden zur Heide-Galerie: Kuratorin Daniela Sannwald (r.) mit der kuratorischen Mitarbeiterin Jeanine Passgang bei den letzten Vorbereitungen für die Ausstellung zur Lüneburger Heide.

Foto: Helena Davenport

In der Lüneburger Kunsthalle widmet sich eine neue Ausstellung den vielen Facetten der Lüneburger Heide, auch ihrer dunklen Vergangenheit

Lüneburg.  Was hat sie, die Heide, was andere nicht haben? Denn es ist schon paradox – in über 100 Jahren war ihre Anziehungskraft nie gebrochen. Sind es ihre Farben, die leuchtenden Magentatöne von Calluna und Erika, dazu das saftige Grün, unter mystisch anmutendem Morgennebel? Sind es ihre Sagen, die sie so attraktiv machen? Oder doch die Heidschnucken, genügsam und scheu auf dem eiszeitlich bedingt sandigen Boden des Naturschutzgebietes? Selbst nachdem die Nazis dem Schutz der Lüneburger Heide einen großen Wert beigemessen und ihr im selben Zuge durch riesige Truppenübungsflächen die Ruhe geraubt hatten, wurden in den Fünfzigern wieder Filme in der Landschaft gedreht, „Drei Birken auf der Heide“ oder „Rot ist die Liebe“.

In den Siebzigerjahren sang Roy Black dann Texte von Hermann Löns, dem Heidedichter, dessen Gedichte von den Nationalsozialisten so verehrt wurden. Man schien sich nicht daran zu stören. Die Lüneburger Heide blieb Sehnsuchtsort, steht für Naturverbundenheit und Heimatglück. Sie gilt als Jungbrunnen. Hier erholt man sich, und findet ganz vielleicht auch die große Liebe – das jedenfalls versprachen schon Film- und Musiktitel. Auch heute ist sie umschwärmtes Ausflugsziel, gerade zu Pandemiezeiten, als Ersatz für Veranstaltungen und übervolle Stadtparks.

Leihgaben zur Lüneburger Heide von 20 Leihgebern

In der Lüneburger Kunsthalle hat man der Heide, zwischen Elbe und Aller, nun eine ganze Ausstellung gewidmet, in deren Rahmen ihre Gewänder und Reize einmal genau unter die Lupe genommen werden sollen – anhand von Kunst zur Heide, Kitsch zur Heide und Mythen um die Heide. Am Samstag ist Eröffnung. Die Berliner Autorin und Kuratorin Daniela Sannwald hat „Hey Heide!“ gestaltet, Leihgaben von 20 Institutionen und privaten Gebern zusammengetragen, um die Geschichte der Heide, die Ereignisse, die sich auf ihrem Gebiet zutrugen, und die Bilder, die sie erzeugte, zu beleuchten.

Zu Anfang der Schau, im großen Ausstellungsraum im Erdgeschoss, ist es wirklich ein bisschen so, als würde man durch die Heide spazieren. Ölgemälde in verschiedenen Formaten zieren die Wände, es wimmelt nur so vor lauter Heidemotiven, mal in klein, mal in groß, mal in verschnörkeltem güldenen Rahmen, mal ganz schlicht, ungerahmt, vor der pinken Wand.

Heide-Motive wie bei Instagram

Sannwald hat sie thematisch organisiert, eine Art Ölgemälde-Archiv entworfen. Schneisen in der Heidelandschaft sind an der ersten Wand zu sehen, dann reetgedeckte Häuser, vor denen Schafe grasen. An einer anderen Wand wird es mystischer, nebulöser, mooriger. „Das erinnert ein bisschen an Instagram, oder?“, fragt die Kuratorin. Sie hat recht, auch die Heidemaler wählten augenscheinlich immer wieder dieselben Motive, während sich heute an bekannten Sightseeing-Orten Markierungen am Boden für das perfekte Handyfoto finden lassen. Dass viele dasselbe Motiv wählen, stört auch das Insta-Individuum nicht, ganz im Gegenteil.

Die Ölbilder gaben überhaupt den Anstoß, eine Ausstellung zur Heide auf die Beine zu stellen. Der Geschäftsführer der Sparkassenstiftung Lüneburg, Carsten Junge, hatte bei Ebay Sammler-Feuer gefangen, fast 200 Heide-Bilder erwarb er über fünf Jahre hinweg. Die ältesten stammen aus dem 19. Jahrhundert. Als karg und lebensbedrohlich galt die Heide einst, der Boden gab nicht viel her, die Besiedlung war dünn, abgesehen von einigen Klöstern. „Ab 1850 kamen dann die Städter“, weiß Sannwald. Und schon Hermann Löns beschwerte sich über Müll, den Touristen achtlos in seinem Paradies hinterließen, – ganz so wie im vergangenen Jahr, als Besucherscharen an Gut-Wetter-Tagen etwa im Büsenbachtal für Verkehrschaos und unliebsame Hinterlassenschaften sorgten.

Ein Keil geht durch die Ausstellung

Löns steht in der Ausstellung quasi Rücken an Rücken zu dem Schriftsteller Arno Schmidt, der nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst in Cordingen, einem Dorf in der Lüneburger Heide, dann in Bargfeld, zwischen Uelzen und Celle, lebte. Beide Herren schrieben über die Heide, waren allerdings nicht in allen Lebenslagen die Feinfühligen, für die sie lange galten. Eine Biografie entblößte Löns Mitte der Neunziger als Trunkenbold und Frauenfeind und Schmidt soll von seiner Ehefrau verlangt haben, für ihn als Gehilfin zu arbeiten. Löns habe sich außerdem antisemitisch geäußert, berichtet Sannwald.

Ohnehin geht ein Keil durch die Lüneburger Ausstellung, und zwar wortwörtlich: Inmitten der Heideansichten wird – diesmal nicht vor pinkem, sondern vor dunkelgrauem Hintergrund – an die Gräueltaten erinnert, für die die Lüneburger Heide ebenfalls herhalten musste. Im Konzentrationslager (KZ) Bergen-Belsen kamen rund 52 000 Männer, Frauen und Kinder um, bevor britische Truppen das Lager 1945 befreiten. Auch Margot und Anne Frank hatte man in das dortige Frauenlager zur Zwangsarbeit gebracht, im März 1945 starben hier beide. Noch im selben Jahr widmete sich der erste NS-Kriegsverbrecherprozess der Wachmannschaft des KZ Bergen-Belsen, zahlreiche Journalisten aus verschiedenen Teilen der Welt reisten nach Lüneburg, um den Urteilen beizuwohnen.

War die Lüneburger Heide auch Sinnbild für Freiheit?

Die Heide hat viele Gesichter – genau das macht die Lüneburger Ausstellung ohne Umschweife deutlich. Neben den Erinnerungen an Filme, die das Filmmuseum Bendesdorf der Schau beisteuerte, wären da noch Souvenirs und eine Vielzahl an Postkarten zu entdecken, die ab 1905 aus der Heide versandt wurden. Heide-Geschichte wurde darüber hinaus in einem Gästebuch aus den Dreißigern einer Heide-Pension verfasst.

Während ihrer Recherche stieß Sannwald auch auf Unerwartetes. Die Lüneburger Heide, Sinnbild für ja doch wenig freizügige Heimatverbundenheit, war in den 1920ern auch ein Paradies für Freikörperkultur-Fans. Im „Sonnenland Egestorf“ verbrachten Familien gemeinsame Zeit, es wurde Sport getrieben, gesunde Ernährung thematisiert. Robert Laurer, der FKK nach Egestorf geholt hatte, gründete dort auch einen eigenen Verlag, der Publikationen zum Thema herausgab.

„Erst mit der 68er-Bewegung galt die Heide vielleicht als ein bisschen piefig, als Rentner-Heide, ansonsten war sie beliebt, von ganz unterschiedlichen Gruppen“, sagt Sannwald. Auch das Heideblütenfest, das in diesem Jahr zum einundsiebzigsten Mal zelebriert wurde, darf in der Ausstellung natürlich nicht fehlen. Die Veranstalter steuerten Ausstellungsstücke bei. „Es ist total toll, wie alle zusammengearbeitet haben“, findet die Kuratorin. „Hey Heide!“ sei an und für sich ein Gemeinschaftsprojekt der gesamten Region.

„Hey Heide! Kitsch. Kunst. Mythos.“, Eröffnung am Samstag, dem 24. September, um 16 Uhr, Ausstellung bis zum 4. Dezember, Kunsthalle Lüneburg in der Kulturbäckerei, Dorette-von-Stern-Str. 2

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