Hof Schlüter

Lüneburger helfen Strahlenopfern in Tschernobyl

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Rachel Wahba

Die Lüneburger Stiftung Hof Schlüter leistet seit zehn Jahren humanitäre Hilfe in der Unglücksregion und unterstützt Terschnobyl-Veteranen.

Wir treffen Mischa in Kiew. Er wird Petra, André und Peter Novotny von der Lüneburger Stiftung Hof Schlüter an diesem Tag nach Tschernobyl begleiten. Mischa lebt davon, dass er Reisegruppen durch die einstige Todeszone von Tschernobyl führt. Jeden Monat ist er für zwei Wochen mit Touristen in der Unglücksregion unterwegs. In dieser Zeit lebt Mischa in der 30-Kilometer-Zone von Tschernobyl in der Ukraine. Angst vor Strahlung habe er nicht, sagt er. Seine Kunden offensichtlich auch nicht. Im Schnitt führe er an die 1000 Ausländer pro Monat durch das Gebiet, in dem 1986 die größte Reaktor-Katastrophe vor Fukushima passierte.

Es war 1.26 Uhr am frühen Morgen des 26. April: Bei der Simulation eines totalen Stromausfalls in Block 4 des Reaktors kam es zur Explosion, unter anderem, weil bestimmte Sicherheitsstandards nicht eingehalten wurden. Die Explosion verursachte eine Kernschmelze. Große Mengen radioaktiver Materie wurden freigesetzt. Tage später regnete eine der größten atomaren Wolken auf die rund 200 Kilometer entfernte Stadt Bila Zerkwa herunter. Noch heute kommen hier missgebildete Kinder zur Welt, noch heute, mehr als 26 Jahre nach dem Super-GAU, ist die Leukämie- und Krebsrate in Bila Zerkwa überdurchschnittlich hoch.

Seit etwa zehn Jahren leistet die Lüneburger Stiftung Hof Schlüter in der 230 000 Einwohnerstadt am Fluss Ros humanitäre Hilfe. Unter anderem unterstützt die Stiftung den Verein der Tschernobyl-Veteranen. Die meisten von ihnen waren wenige Tage nach der Atom-Katastrophe als Liquidatoren in den Reaktor zum Aufräumen geschickt worden. Die wenigen, die überlebt haben, kämpfen heute um ihre Rente und damals versprochene Entschädigungszahlungen. Jedes Jahr fährt Peter Novotny in die Ukraine, um sich vor Ort darüber zu informieren, was die Menschen brauchen. An diesem Tag steht für die Familie Novotny eine Tour durch die Todeszone von Tschernobyl auf dem Programm.

"Als wir am 1. Mai 1986 in Kiew zur Maikundgebung auf die Straßen mussten, gab es zwar Gerüchte darüber, dass irgendwas in Tschernobyl, rund 100 Kilometer von uns entfernt, schiefgelaufen sei. Aber niemand sagte uns offiziell, dass dort wenige Tage vorher die schlimmste atomare Katastrophe der Menschheit passiert war", erinnert sich Dolmetscherin Nathalie Geedz aus Bila Zerkwa, die damals noch in Kiew Germanistik studierte.

Auch in der damaligen DDR wurden die wahren Ausmaße des Super-GAU völlig heruntergespielt. An diesem sonnigen 1. Mai 1986 ließ die DDR-Sportführung das Friedensrennen, ein jährliches Radrennen, sogar in Kiew starten, um zu demonstrieren, wie ungefährlich die Explosion im Block 4 angeblich gewesen sei.

Wenige Kilometer vor der 30-Kilometer-Zone fährt Kolja Daskewitsch, Begleiter der kleinen Reisegruppe, auf einen Parkplatz im Wald und packt Brot, ukrainischen Speck und eine Flasche Wodka aus. "Ihr müsst gut essen und trinken, damit ihr sicher vor der Strahlung seid", sagt Kolja. Mischa steht abseits und grinst. Er bezweifle, dass das helfe, sagt er, greift dann aber doch zu. Angst, von seinem Job in Tschernobyl krank zu werden, habe er nicht.

An der Grenze zur 30-Kilometer-Zone hält der Wagen vor einem Schlagbaum. Mischa steigt mit den Pässen und der Genehmigung vom ukrainischen Innenministerium aus und legt sie einem Soldaten vor. "Ihr dürft keine Waffen mitbringen, nicht rauchen, nichts essen, eure Kameras nicht auf den Boden legen, keine Souvenirs mitnehmen, kein Wasser trinken und keine Katze, keinen Hund mit aus der Zone nehmen", erklärt Mischa später. Vor sieben Jahren habe die ukrainische Regierung zehn Przewalski-Pferde, eine Urpferderasse, hier in der 30-Kilometer-Zone ausgesetzt. Sie sollen das verseuchte Gras fressen. Die verstrahlte Materie soll in den Pferden bleiben, ihre Pferdeäpfel sollen das Land düngen. Pferde als Strahlen-Filter? Das klingt abenteuerlich. Aber Mischa bleibt bei dieser Version, die er bei jeder Tour erzählt.

Der Bus fährt auf einer neuen, schnurgeraden Straße in Richtung Reaktor. Rechts und links stehen unberührte, dichte Wälder. Mischa erklärt, dass hier viele wilde Tiere leben. Wölfe, Bären, Füchse haben sich hier angesiedelt. "Ungefähr 200 Menschen sind nach der Evakuierung wieder zurückgekommen. Sie gingen zurück in ihre Datschen, bearbeiten wieder ihr Land und essen ihr Gemüse. "Das Unheimlichste an der ganzen Geschichte ist, dass man auf verseuchtem Boden geht, durch einen verseuchten Landstrich fährt, aber die Gefahr weder riecht, hört noch sieht", sagt André Novotny.

Mischa zeigt im Bus seinen roten Geigerzähler herum. "15 bis 20 Millisievert zeigt er an. Das ist kein Problem. Man denkt darüber nach, diese Zone in 20 bis 30 Jahren wieder mit Menschen zu bevölkern. Ganz sauber ist es hier dann zwar nicht. Das würde 1245 Jahre dauern, bis hier die ganze radioaktive Strahlung verschwunden ist. Aber leben können die Menschen dann trotzdem schon hier", sagt Mischa. Der Blick aus dem Autofenster zeigt, wozu die Natur in der Lage ist, wenn sie vom Menschen in Ruhe gelassen wird.

Die Novotnys und ihre Begleiter passieren die Grenze zur Zehn-Kilometer-Zone und damit auch die Grenze zu Weißrussland. Wieder erledigt Mischa beim Grenzposten die Formalitäten. Die Fahrt geht weiter. Rechts und links der Straße stehen versteckt zwischen Sträuchern und braunen Bäumen, die aussehen, als seien sie bis auf den Stamm verbrannt, kleine, verlassene Bauernhäuser. Durch zerborstene Fensterscheiben wachsen Bäume nach draußen. Plötzlich taucht zwischen all dem Grün hinter einem ehemaligen Kühlteich, in dem jetzt missgebildete Fische schwimmen, ein alter, völlig verrosteter Reaktor auf. Er wurde gerade gebaut, als in Block 4, wenige Hundert Meter entfernt, der Super-Gau passierte. Fluchtartig haben die Bauarbeiter die Baustelle damals verlassen. Die Kräne stehen noch dort und rosten vor sich hin. Kolja hält den Bus an. Draußen herrscht über dieser ganzen surrealen Szenerie eine unheimliche Stille.

Die Reisegruppe fährt über die "Todesbrücke". "Als die Explosion war, liefen die Menschen aus ihren Wohnungen auf diese Brücke, um sehen zu können, was passiert war. Sie alle starben sofort, daher der Name der Brücke", sagt Mischa.

Prypjat, drei Kilometer vom Reaktor entfernt, war eine aus dem Boden gestampfte Stadt im sowjetischen Plattenbau-Stil. Gebaut für die Arbeiter im Reaktor Tschernobyl. Das Durchschnittsalter der zum Zeitpunkt der Katastrophe rund 48 000 Einwohner von Prypjat war 28 Jahre. Mit Fertigstellung des zweiten Reaktors sollten hier mal 80 000 Menschen leben. Die Stadtplaner rechneten mit einer jährlichen Geburtenrate von 1000 Babys, erzählt Mischa. Heute lebt in der Zehn-Kilometer-Zone niemand mehr.

Und dann steht die Gruppe direkt vor dem havarierten Reaktor. Zwei Arbeiter sind hinter dem Bauzaun beschäftigt. Mischa hält seinen Geigerzähler hoch: 203 Millisievert. An manchen Stellen in der Zehn-Kilometer-Zone zeigt das Gerät 2700 Millisievert an. Eine Einzeldosis von 1000 Millisievert führt in der Regel zur Strahlenerkrankung, 5000 Millisievert führen mit 50 Prozent Wahrscheinlichkeit zum Tode. Mischa jongliert mit diesen Zahlen, als würde er einer Grundschulklasse das Rechnen beibringen. Bei seinen Zuhörern hinterlassen die Werte, die der Ukrainer auf seinem Geigerzähler präsentiert, ein beklemmendes Gefühl.

Zurück in der 30-Kilometer-Zone kommt die Reisegruppe an einer völlig überwucherten Datscha vorbei. Kolja hält den Wagen an. Sie gehört zu dem Dorf, aus dem seine Eltern erst sieben Jahre nach der Katastrophe evakuiert wurden. Insgesamt mussten 130 000 Menschen bis 1993 das strahlenverseuchte Gebiet verlassen.

"Man hat die Menschen damals belogen, man hat ihnen nicht die Wahrheit über das Ausmaß der Katastrophe gesagt. Meine Mutter wartet bis heute auf ihre Entschädigung, ohne ihre Kinder würde sie glatt verhungern", sagt Kolja.

Die Tour ist zu Ende. Mischa lässt sich in der Stadt absetzen, in der die rund 3500 Menschen leben, die hier arbeiten, davon 3000 am Sarkophag für den Block 4. Sie alle tragen ständig ein Dosimeter am Körper, um die Strahlenbelastung zu überprüfen. In der Stadt, erzählt Mischa, gebe es alles, was der Mensch brauche, nur kein Standesamt und schon längst keine Angst mehr vor den Strahlen.

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