Niedersachsen ist mit weitem Abstand Schlusslicht

Nur ein Psychologe für 30 000 Schüler

Notwendig wären mindestens 250 Experten an den Schulen. Andere Bundesländer sind viel fortschrittlicher.

Lüneburg. Sie nehmen zu - die Essstörungen, Aufmerksamkeitsdefizite, Schulängste und autoaggressive Handlungen an niedersächsischen Schulen. Vergangenen Monat nahm sich eine 15-jährige Schülerin in Buchholz mit einem Sprung auf die Bahngleise das Leben.

Gerade erst beschloss der baden-württembergische Landtag ein Programm zur Gewaltprävention an den Schulen und verdoppelte in dem Zuge die Zahl der Schulpsychologen von 100 auf 200. In Nordrhein-Westfalen strebt die Schulministerin sogar einen Ausbau auf 1000 Schulpsychologen an.

Und in Niedersachsen? Hier spielen Schulpsychologen als Ansprechpartner für Schüler, Eltern und Lehrer eine unbedeutende Rolle. Den gut 1,2 Millionen Schüler sowie 3500 Pädagogen in öffentlichen und privaten Schulen stehen in Niedersachsen nur 40 Psychologen gegenüber, die Vollzeitstellen besetzen. Damit ergibt sich rechnerisch ein Verhältnis von 1:30 000.

"Damit ist und bleibt Niedersachsen Schlusslicht unter allen Bundesländern", beschreibt Claus Peter Poppe (SPD), Vorsitzender des Schulausschusses des niedersächsischen Landtags, die Situation. "Es gibt bei uns Landkreise ohne Schulpsychologen." Poppes Worte stoßen bei Vertretern der Regierungsparteien auf wenig Widerhall. Die Abgeordnete von CDU und FDP lehnten den Antrag der SPD zur Aufstockung der Zahl der Schulpsychologen um zusätzliche 60 Einstellungen ab. Seit Jahren fordert auch der Bundesverband der Schulpsychologen (BDP) mehr Stellen an Schulen. Aktuell nimmt der Verband Bezug auf das im Februar von Professor Rainer Dollase von der Universität Bielefeld vorgestellte Gutachten zur Situation der Schulpsychologen in Deutschland. Darin werden für Niedersachsen 250 Psychologen empfohlen.

Solange diese Zahl nicht erreicht sei, so Stefan Drewes vom BDP, könnten Schulpsychologen nur einen Bruchteil der notwendigen Aufgaben wahrnehmen. "Die Analyse von Belastungen am Arbeitsplatz und in der Schule, die Unterstützung der Lehrkräfte bei Überlastungen, Anti-Stress-Trainings und Gewaltprävention bleiben bisweilen auf der Strecke, weil die Kapazitäten gerade so für die akuten Problemfälle ausreichen."

Mit der Entscheidung der Kultusministerin zur Neukonzeption der Landesschulbehörde ist zwar die Schulpsychologie mit Präsenz in den verbliebenen Außenstellen geplant, die Zahl jedoch entspreche nur der, die ohnehin im Haushaltsplan angesetzt sei, erklärte die schulpolitische Sprecherin der Grünen im Landtag, Ina Korter vor dem Parlament: "50 Stellen für ganz Niedersachsen, das ist viel zu wenig."

Einem Schreiben der Kultusministerin Elisabeth Heister-Neumann aus dem Januar mit "Erläuterungen zur Neuaufstellung der Landesschulbehörde" ist zu entnehmen, dass mindestens sechs Standorte für die Schulpsychologie wegfallen werden. Davon betroffen sind Wolfsburg, Barsinghausen, Stadthagen, Hameln und Hildesheim. Erhalten bleibt die Schulpsychologie als Dezernat in der Landesschulbehörde Lüneburg, den vier Regionalabteilungen sowie in weiteren neun Außenstellen.

Eine genaue Anzahl der Psychologen, die allein für den Landkreis Lüneburg zuständig sind, gibt es nicht. "Je nach Bedarf fordert die Landesschulbehörde landesweit Psychologen an", erklärt Christian Zachlod, Referent bei der Behörde.