Leuphana: Uni auf der Suche nach Investoren für öffentlich-private Partnerschaft

Streit um das neue Wohnheim-Projekt

Studenten sollen zusammen kochen und Sport treiben. Das gesamte Konzept steht in der Kritik - und auch der Bedarf wird bezweifelt.

Die Leuphana Lüneburg plant ein weiteres Wohnheim - internatsähnlich mit Wohngruppen und Gemeinschaftsaktivitäten. Das geht aus einer Projektskizze hervor, mit der die Universität zurzeit nach Investoren für eine öffentlich-private Partnerschaft sucht.

Leben sollen die Studenten überwiegend in Wohngruppen. Sie essen gemeinsam zu Abend, kaufen zusammen ein, kochen und treiben auch Sport in Gemeinschaft. "Ähnlich einer Familie oder den anglo-amerikanischen Wohnheimen" soll das Zusammenleben laut Projektpapier ablaufen.

"Das Konzept ist das Ergebnis eines Seminars, das wir mit Studierenden abgehalten haben.", sagt Susanne Ohse, Beauftragte des Präsidiums. "Es kommen demnächst durch die verkürzte Schulzeit auch Minderjährige an die Uni. Für sie brauchen wir ein taugliches Angebot. Die alte Studenten -WG mit gemeinsamen Sanitäranlagen ist nicht mehr zeitgemäß." Vorerst geht es um die Errichtung der Wohneinheit selbst: "Das ist der erste Bauabschnitt. Ob die Konzepte für Sport und Ernährung umgesetzt werden, ist noch offen."

Dennoch erregt das Konzept Zweifel: "Als wir davon erfuhren, dachten wir erst, das wäre ein Witz", sagt Asta-Sprecher Simon Drücker. "Erst als es uns von mehreren Seiten bestätigt wurde, glaubten wir es. Das Konzept ist Realsatire in seiner besten Form."

Drücker fragt sich, "wer bei der momentanen Entwicklung der Studierendenzahlen in das ,Leuphana-Heim` überhaupt einziehen soll. Ein privates Studentenwohnheim, für das momentan leider kein Bedarf besteht und das mit einem solchen Konzept ausgestattet ist, halten wir für überflüssig."

Die Uni-Leitung weist darauf hin, dass es sich um ein Wohnheim für nur 100 Studierende handelt - aber der Argwohn auf dem Campus ist geweckt. Die Abgrenzung exklusiver Zirkel gehört zum Programm der Elitebildung: "Die Distanzierung von der Masse durch einen exklusiven akademischen Lebensstil, die Begrenzung des sozialen Verkehrs auf ihresgleichen und die Rekrutierung des Nachwuchses aus ihren Kreisen kennzeichnet die Geisteshaltung von Eliten," sagt Prof. Richard Münch, Soziologe an der Universität Bamberg. Er hat das Buch "Globale Eliten, lokale Autoritäten. Wissenschaft und Bildung unter dem Regime von PISA, McKinsey und Co." (Suhrkamp-Verlag 2009), verfasst.

Der Verdacht, das in Lüneburg ein "Harvard an der Ilmenau" geschaffen werden soll, wurde schon öfter geäußert - Studierende der Leuphana hatten zuletzt beim Besuch der Kanzlerin Angela Merkel im Oktober 2008 mit einem "Fahnenappell" gegen diese Möglichkeit protestiert.

Ein Grund für das wachsende Misstrauen: Uni-Vizepräsident Holm Keller kommt von der Unternehmensberatung McKinsey, für die er 1996 bis 2002 in Wien, München und New York tätig war. Und er ist für die Firma noch immer aktiv: Eine Mitarbeiterin der Niederlassung in Brüssel bestätigte der Lüneburger Rundschau, dass Keller freiberuflich für McKinsey tätig sei, und zwar als externer Berater.

Zweifel an dem Konzept des neuen Wohnheims hat auch Landrat Manfred Nahrstedt (SPD). Er wohnt selbst seit 40 Jahren in wohngemeinschafts-ähnlichen Formen und sagt. "Ich kann diesen Ansatz überhaupt nicht nachvollziehen. Ich bin überzeugt, dass Studierende ihr Leben selbst organisieren sollten." Zuvor noch stelle sich die Frage, "ob wir überhaupt ein weiteres Wohnheim brauchen".

Kritisch ist auch Klaus Hoppe, Geschäftsführer der Campus Management GmbH: "Die rund um die Uhr bestehenden Programmvorgaben in dem geplanten Heim machen den Eindruck, als sollten sich die Bewohner abschotten wie in einem Internat."

Die Notwendigkeit für den Neubau und den Betrieb mit einem neuen Betreiber sieht er nicht: "Mit dem Studierendenwerk Braunschweig und dem Verein Campus e.V. gibt es bereits zwei kompetente Partner." Dass ein Neubau nicht in die Hände der bewährten Partner gelegt wird, ist in seinen Augen ein unnötiger Affront: "Glücklicherweise darf die Universität die bewilligten fünf Millionen Euro auch für andere Baumassnahmen nutzen. Wir hoffen, das die Entscheidungsträger Weisheit und Vernunft walten lassen."