Ukraine-Krieg

Schwarzenbek sucht neue Partnerstadt in Osteuropa

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Marcus Jürgensen
Die Fahnen der europäischen Staaten mit der Europafahne in der Mitte bildeten den würdevollen Rahmen im Kino Grimm, als im Oktober 1962 der Europapreis von Rhodos nach Schwarzenbek wechselte.

Die Fahnen der europäischen Staaten mit der Europafahne in der Mitte bildeten den würdevollen Rahmen im Kino Grimm, als im Oktober 1962 der Europapreis von Rhodos nach Schwarzenbek wechselte.

Foto: Stadtarchiv Schwarzenbek

Als Reaktion auf den russischen Angriffskrieg will die Europastadt Schwarzenbek ihre Partnerschaft nach Osten erweitern.

Schwarzenbek. Seit Dienstag, 1. März, weht die ukrainische Flagge vor dem Rathaus an der Compestraße 1 in Schwarzenbek – eingerahmt von der deutschen und der Europaflagge. Diesem äußeren Symbol der Solidarität mit dem osteuropäischen Staat folgte im Festsaal des Rathauses am Dienstagabend ein weiteres: In einem von allen Fraktionen getragenen Grundsatzbeschluss entschieden die Politiker im Sozial- und Kulturausschuss, eine Partnerstadt im Osten Europas zu suchen.

Initiator des Antrags ist der stellvertretene Ausschussvorsitzende Calvin Fromm (SPD). Bereits am vergangenen Donnerstag, als der russische Angriff auf die Ukraine begann, hatte Fromm den Antrag formuliert und an die übrigen Fraktionen geschickt. „Wir haben eine Entwicklung erlebt, die eine Zäsur bedeutet“, so Fromm.

Ukraine-Krieg: Schwarzenbek will eine neue Partnerstadt suchen

Er sei 1996 geboren, habe weder den Zweiten Weltkrieg noch die Nachkriegszeit als auch den Kalten Krieg nicht erlebt, umso erschreckender sei für die Menschen seiner Generation die aktuelle Situation. Gerade Schwarzenbek als „Europastadt“ sei jetzt gefordert, so Fromm.

Die Städtepartnerschaften, die Schwarzenbek im Jahr 1961 den Europapreis einbrachten, dienten vor dem Hintergrund des Zweiten Weltkrieges dazu, die europäische Verständigung und Westbindung zu fördern. Ausgangspunkt dieser Idee war der 27. Juni 1953. Im Rahmen der Feierlichkeiten zur Verleihung der Stadtrechte gab es ein Theaterstück, geschrieben vom damaligen Bürgermeister Hans Koch. Unter den Besuchern waren zwei französische Wirtschaftsfachleute, denen der damalige Fette-Chef Hans Kruse die Aufführung ausdrücklich empfohlen hatte. Sie waren begeistert und rieten Koch, Kontakt zu einer französischen Kleinstadt zu suchen.

Coventry war erster, das ukrainische Chmelnzyzkyj letzter Preisträger

Zwei Jahre später lud der Zentrale Rat der Gemeinden Europas Koch nach Genf ein, wo er auf Vertreter aus Aubenas (Frankreich), Sierre (Schweiz) und Zelzate (Belgien) traf. Das war die Geburtsstunde der Verbrüderung, die 1961 durch den Beitritt von Cesenatico (Italien) und Delfzijl (Niederlande, seit 2011 nicht mehr dabei) ergänzt wurde. Dafür gab es 1961 auch den Europapreis, den Schwarzenbek als zweite deutsche Stadt nach Offenbach und bis heute einzige Stadt in Schleswig-Holstein trägt.

Der Europapreis ist eine 1955 durch das Ministerkomitee des Europarats ins Leben gerufene Auszeichnung, die alljährlich an eine oder mehrere Gemeinden verliehen wird, die hervorragende Leistungen für die Verbreitung des europäischen Einigungsgedankens erbracht haben. Als erste Stadt erhielt das englische Coventry 1955 diesen Preis, als bisher letzte im vergangenen Jahr das westukrainische Chmelnzyzkyj.

„Es geht um die Neuausrichtung unserer Verbrüderungsarbeit“

2010 hatte Charkiv (www.ci ty.kharkov.ua/) den Preis erhalten, das 2015 auch zur Vollversammlung der Arbeitsgemeinschaft der mittlerweile 82 Preisträgerstädte einlud. Als Vertreter Schwarzenbeks war damals CDU-Stadtvertreter Roman Larisch dabei. „Mich macht es sehr betroffen, wenn ich im Fernsehen jetzt die zerstörten Gebäude sehe“, gestand der 71-Jährige, der mit den Tränen kämpfte. Mit der Sondierung, welche Stadt als neuer Partner in Frage kommt, könne man sich Zeit lassen, so Larisch, aber es gelte jetzt ein Signal zu senden: „Es geht um nichts weniger als die Neuausrichtung unserer Verbrüderungsarbeit.“

Die Städtepartnerschaft, wie sie bisher ausgeübt wurde, habe sich mit ihrer Westbindung an der Tradition der 1950er-Jahre orientiert, spiegele aber die heutige europäische Ordnung nicht mehr wieder, so Fromm. Dieser Grundsatzbeschluss sei ein Signal, das zwar an der Situation in der Ukraine nichts ändere, aber langfristig Früchte tragen werde – für beide künftigen Partnerstädte.