Vor 100 Jahren gegründet

Ruderergesellschaft: Lauenburgs sportliche Botschafter

| Lesedauer: 6 Minuten
Elke Richel
Vor 100 Jahren wurde die Lauenburger Rudergesellschaft gegründet. Seit dieser zeit gab es viele legendäre sportliche Erfolge

Vor 100 Jahren wurde die Lauenburger Rudergesellschaft gegründet. Seit dieser zeit gab es viele legendäre sportliche Erfolge

Foto: privat / BGZ / Elke Richel

Vor 100 Jahren wurde die Lauenburger Rudergesellschaft gegründet. Aus ihr gingen international erfolgreiche Sportler hervor

Lauenburg. Eigentlich war in diesen Tagen eine große Gala mit vielen geladenen Gästen geplant. Schließlich gibt es ein großes Jubiläum zu feiern: Vor 100 Jahren wurde die Lauenburger Rudergesellschaft (RGL) gegründet. Als Gastredner hatte sich kein geringer als Dirk Schreyer angekündigt, der mit dem Deutschland-Achter 1968 in Mexiko Olympia-Gold holte. Das wäre wahrscheinlich nie passiert, hätte sich der gebürtige Lauenburger nicht Anfang der 1950er-Jahre bei der RGL erstmals in ein Ruderboot gesetzt. Doch Corona macht allen Vorbereitungen einen Strich durch die Rechnung. Wegen der Kontaktbeschränkungen ist derzeit nicht mal ein Grillabend möglich. Auch die Boote können auf absehbare Zeit nicht zu Wasser gelassen werden.

Vereinschef Peter Perthun und sein Stellvertreter Jens Rahn schauen im Bootshaus ab und zu nach dem Rechten. Als sie heute das Tor der großen Bootshalle öffnen, sind sie gerührt: Jemand hat eines der Boote mit der Vereinsfahne geschmückt und einen Topf Narzissen dazu gestellt. „100 Jahre RGL“ steht auf dem gelben Pappschild. Eine kleine Geste in einer Zeit, in der keiner der 200 Vereinsmitglieder seinem Hobby nachgehen kann. Gekündigt hat deswegen bisher niemand. „Unser Verein lebt vom Zusammenhalt. Das war gestern so und ist heute nicht anders“, freut sich Peter Perthun.

Ausgerechnet ein Berliner legte den Grundstein für den Verein

Als in Hamburg der erste Ruderverein Deutschlands gegründet wurde, schielte man in Lauenburg neidisch auf die große Stadt. Schließlich waren die Menschen in der Schifferstadt schon immer mit dem Wasser verbunden. Und eigentlich war der Rudersport in Lauenburg ja viel eher populär: Bereits 1890 gab es eine Schülerruderriege.

Doch es musste 30 Jahre später erst ein Berliner kommen, um den Rudersport in Lauenburg im großen Stil und nach festen Statuten zu etablieren. Ernst Thieme hatte 1920 die Leitung der hiesigen Zündholzfabrik übernommen. Was ihm in Lauenburg fehlte: Sich nach Feierabend ordentlich in die Riemen zu legen, wie er es von zu Hause gewohnt war. Als hätten sie nur auf den Anstoß gewartet, scharrten sich mehrere junge Lauenburger um den Berliner, um in der alten Schifferstadt einen Ruderverein aus der Taufe zu heben.

Zwar war die Gründungsversammlung der Ruder-Gesellschaft Lauenburg (RGL) erst am 22. März 1921, doch Ernst Thieme hatte aus Berlin seinen Doppelzweier „Pirat“ mitgebracht. Gemeinsam mit seiner Frau legte er damit im Sommer 1920 den Grundstein für die RGL. In den kommenden Jahren wuchs nicht nur die Mitgliederzahl, dank großzügiger Förderer konnte der junge Verein auch eine Vielzahl verschiedener Ruderboote anschaffen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wieder eigenständiger Verein

Während der Zeit des Nationalsozialismus hatte die RGL ihren eigenständigen Status verloren. Am 6. Juni 1946 wurde die Ruderabteilung der Lauenburger Sportvereinigung gegründet, in der sich Ruderer zusammenschlossen. Dabei hatte es schon 1945 Bestrebungen gegeben, den Verein wieder neu zu etablieren, doch fehlte es an Booten: Einige von ihnen fielen mittlerweile aus Altersschwäche aus, die meisten waren aber während des Krieges konfisziert worden. Ein paar der Boote fand man in der Nachkriegszeit wieder.

Improvisation war in dieser Zeit alles. 1947 machte sich der Lauenburger Apotheker Uwe Lammers daran, die Ruderer wieder aus der Lauenburger Sportvereinigung herauszulösen. Am 30. April 1947 genehmigte die Militärregierung diesen Plan. Alte Boote wurden notdürftig hergerichtet.

Die Mitgliederzahl wuchs schnell wieder auf 200 an. Da Holzboote nicht zu beschaffen waren, war die Freude über den neuen Vierer aus Aluminium mit dem Namen „Franz Hitzler“ umso größer. 1951 kam der erste Vorsitzende, Uwe Lammers, bei einem Autounfall ums Leben. Eine nachträgliche Ehre wurde ihm 1953 zuteil. In dem von der Witwe gestifteten Vierer „Uwe Lammers“ erzielten die Lauenburger Ruderer am 17. Mai bei der Hamburger Frühjahrsregatta nach 25 Jahren den ersten Sieg bei einer offenen Regatta.

Große Namen, feste Traditionen und Spaß am Freizeitsport

Wenn heute in Fachkreisen die Sprache auf die Ruder-Gesellschaft Lauenburg kommt, erinnert man sich an große Namen wie Jürgen Plagemann oder Dirk Schreyer, die in den 1960er- und 70er-Jahren internationale Erfolge feierten. „Heute kann bei uns jeder rudern, der Spaß daran hat. Wir unterstützen, wenn jemand Rennen fahren möchte, sind aber vor allem für die Freizeitsportler da“, sagt Peter Perthun. Er hofft, dass sich die Mitglieder in diesem Jahr doch noch in die Riemen legen können. Doch bis dahin legen sie die Hände nicht in den Schoß – der „harte Kern“ zumindest nicht, wie der Vereinschef sagt.

Irgendjemand werkelt derzeit immer im Bootshaus am Kuhgrund herum. Meist allein, weil es derzeit ja nicht anders geht. Bei der Sanierung der Toilettenräume geben sich Elektriker und Fliesenleger derzeit die Klinke in die Hand. Geld gibt es für die Freizeitarbeit nicht. „Gut, wenn man die richtigen Leute im Verein hat“, sagt Perthun lachend. Die Versorgung stimmt jedenfalls: Immer bringt jemand Kaffee und Kuchen vorbei.

Das Jubiläum wird in diesem Jahr noch gefeiert, davon ist Peter Perthun fest überzeugt. Wahrscheinlich nicht so groß, wie es ursprünglich geplant war. Aber gefeiert wird.

Größte sportliche Erfolge der Lauenburger Rudergesellschaft

1962: Jürgen Plagemann wird in Luzern Weltmeister im Achter

1963: Jürgen Plagemann wird in Kopenhagen Europameister im Achter

1964: Jürgen Plagemann wird in Amsterdam Europameister im Achter

1965: Vierer mit Steuermann gewinnt Deutsche Jugendmeisterschaft

1966: Vierer ohne Steuermann gewinnt Deutsche Meisterschaft (19 bis 22 Jahre)

1966: Dirk Schreyer wird in Bled Weltmeister im Achter

1968: Dirk Schreyer wird in Mexiko Olympiasieger im Achter

1975: Achim Bergmann wird bei der Deutschen Jugendmeisterschaft Zweiter im Einer

1979: Ralf Wiese wird in Moskau bei der Junioren-WM Dritter im Vierer mit Steuermann Achim Bergmann wird Sieger im Doppelvierer bei der Deutschen Meisterschaft (19 bis 22 Jahre)

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