Zeitgeschichte

Flucht mit der Heimat im Koffer

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Jens Robrahn

Lauenburg. Eines der bewegendsten Kapitel der jüngeren Stadtgeschichte hat jetzt der Heimatbund und Geschichtsverein in Zusammenarbeit mit dem Stadtarchiv mit einer Veranstaltung beleuchtet - die Zeit, als Flüchtlinge und Vertriebene in großer Zahl nach Lauenburg kamen. Bis auf den letzten Platz war der Saal des "Halbmond" besetzt, so groß war das Interesse.

Wesentlicher Bestandteil des Abends waren Berichte von Augenzeugen, die selber als Flüchtlinge und Vertriebene in die Elbestadt gekommen waren. "Manchmal sind die Flüchtlinge mit offenen Armen, manchmal mit einem gewissen Abstand und Sturheit empfangen worden", erinnert sich der Vorsitzende des Heimatbund und Geschichtsvereins, Horst Eggert, der selbst als Flüchtling in die Stadt kam. Meistens blieb aber für solche Empfindungen gar keine Zeit, denn die dringendsten Fragen waren die der Unterbringung und der Verpflegung. In den extrem harten Wintern nach dem Krieg kam die Versorgung mit Brennmaterial hinzu. Die Lage war so prekär, dass in der von den Alliierten eingesetzten Stadtverwaltung überlegt wurde, Schiffe im Elbe-Lübeck-Kanal zu heben, die dort mit Kohle an Bord gesunken waren. Für die Verpflegung wurde am ehemaligen Vorwerkhof - ungefähr dort, wo sich heute die Bäckerei Clausen befindet - eine Volksküche eingerichtet. Heinz Redies zum Beispiel verbrachte wie viele Flüchtlinge den ersten Sommer in Lauenburg meist unter freiem Himmel, dort wo heute die Dresdner Straße ist.

Neben Erinnerungen an Hunger, Kälte und blanke Not gab es an diesem Abend aber auch viele Anekdoten zu erzählen. So kommt Heiterkeit auf, als Horst Eggert davon berichtet, wie er mit seinen Freunden damals Munitionsreste sammelte, um mit dem Schwarzpulver allerlei Unfug zu treiben. "Als Jungen sahen wir die Gefahr nicht, aber es sind auch Unglücksfälle mit der alten Munition passiert", erinnert sich Eggert. Damals auch noch ein Junge, sammelte Heinz Redies jede Menge Spannpapier, das damals im Flugzeugbau verwendet worden war. Noch heute besitzt er eine Rolle davon. Die Familie Redies kam auf einem Bauernhof unter, weil die Mutter melken konnte. Der junge Heinz machte eine Lehre als Bäcker und gründete später seinen eigenen Betrieb - genau an der Stelle in der Dresdner Straße, an der er seine erste Zeit als Flüchtling in Lauenburg verbracht hatte.

Wie viel Elend während Flucht und Vertreibung erlebt wurde, trat während des Abends in den Hintergrund. Die heitere Sichtweise der Kinder eben. Der Schrecken blieb aber greifbar: Etwa, wenn von Fliegerangriffen auf die Flüchtlingstrecks berichtet wurde, oder eine Frau von ihren Erinnerungen an die Vertreibung erzählte: "Wir waren acht Kinder, ohne Eltern, und mussten uns unverzüglich auf den Weg von Polen in Richtung Westen machen." Da flossen dann doch Tränen.

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